Die angeklagte Mutter habe den Tod ihres Sohnes billigend in Kauf genommen, so die Anklage der Staatsanwaltschaft. Sie habe ihm eine Überdosis an Koffein verabreicht. Zum Prozessauftakt am Landgericht Tübingen hat die Mutter teils unter Tränen über die Tage im Krankenhaus, ihre Sorge um ihr Kind und den Schock über den Mord-Vorwurf berichtet.
Staatsanwaltschaft sieht gefährliche Körperverletzung und versuchten Mord
Das Baby war im Oktober 2025 in Tübingen als Frühchen in der 30. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen. Es sei in der Tübinger Uniklinik intensivmedizinisch versorgt worden, so die Staatsanwaltschaft vor Gericht. Durch eine Überdosis an Koffein sei das Kind mehrere Tage in einer lebensbedrohlichen Lage gewesen. Die Staatsanwaltschaft wirft der Angeklagten vor, ihrem Kind das Koffein verabreicht zu haben, um dadurch Aufmerksamkeit und Zuwendung für sich selbst zu erlangen. Die Mutter bestreitet die Tat.
Sie war in Sorge - sie habe ihr Kind nicht vergiftet
Nach der Verlesung der Anklage erzählte die Angeklagte selbst von den Tagen in der Klinik. Mehrmals entglitt ihr dabei die Stimme und sie war den Tränen nahe. Am 15. November 2025 habe sie gegen Mittag ihren kleinen Sohn in der Klinik besucht. Laut ihren Angaben hat sie circa eine halbe Stunde bei ihm gesessen und ihre Hand auf ihn gelegt. Einer Pflegekraft habe sie gesagt, dass sie am Nachmittag zum Stillen wiederkommen wolle. Als sie am Nachmittag zurückkam, habe man ihr Frühchen wegen einem schlechten Zustand gerade verlegt. Sie habe mehrmals nachgefragt was los sei, aber die Ärzte konnten es ihr nicht sagen, erzählte sie dem Gericht.
Laut der Staatsanwaltschaft hatte das Kind einen lebensbedrohlich hohen Herzschlag und eine erhöhte Atemfrequenz. Die Mutter beschreibt es als eine schlimme Situation, ihr Sohn habe gezittert und komische Geräusche von sich gegeben. Gegenüber dem Gericht äußerte die Angeklagte, dass ihr schon beim ersten Besuch aufgefallen sei, dass der Puls ihres Sohnes ungewöhnlich hoch gewesen sei. Weil er aber friedlich schlief, habe sie es nur einer Pflegekraft gesagt und nichts weiter getan.
Wie kam es zur Koffein-Überdosis?
Laut der Staatsanwaltschaft sei Koffein teil des Medikamentenplans des Frühchens gewesen. Auf die Frage ob sie ihr Kind vergiftet hat, antwortete die Mutter unter Tränen mit "Nein". Sie habe sich zwar ein paar Monate vor der Geburt selbst Koffeintabletten gekauft, die habe sie aber für die Prüfungsphase ihres Fernstudiums nutzen wollen. Weil sie die aber nicht vertragen hätte, habe sie ihrem Partner gesagt, er solle sie entsorgen.
So einen Vorwurf zu bekommen war einfach ein Hammer
Wollte die Mutter Aufmerksamkeit für ihr Kind oder für sich?
Das Baby ist seit der Festnahme der Mutter in der Obhut des Vaters. Seit neun Monaten ist die bereits dreifache Mutter in Untersuchungshaft im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg (Kreis Ludwigsburg). Schon vor ihrer Schwangerschaft wurden bei ihr eine Magenlähmung (Gastroparese) und eine Bindegewebsschwäche diagnostiziert. Sie sitzt teilweise im Rollstuhl und bekommt künstliche Nahrung neben den normalen Mahlzeiten. Während der Haft hätten die Ärzte diskutiert, so die Angeklagte vor Gericht, ob sie eine Essstörung habe und auch das Münchhausen Syndrom vorliege.
Während der Verhandlung waren der Partner der Angeklagten sowie ihr Baby vor der Saaltür. Danach durfte die Angeklagte kurz mit ihm und ihren Eltern sprechen und auch ihr Baby sehen. Dabei küsste sie es auf den Kopf und schäkerte mit ihm.
In den nächsten Verhandlungstagen sollen die Chatverläufe der Angeklagten betrachtet werden. Außerdem werden der behandelnde Arzt, ihr geschiedener Mann und ihre Schwester in den Zeugenstand gerufen.