Sie ist so winzig, dass sie in eine Streichholzschachtel passt: die Zwergfledermaus. Die größte Kolonie in Süddeutschland schläft gerade in der Ulmer Wilhelmsburg. Dass dort von Oktober bis April Tausende der geschützten Tiere Winterschlaf halten, weiß man, weil Fledermausexperte Dirk Häckel sie zählt - im Auftrag der Stadt Ulm. Ganz vorsichtig, denn aufzuwachen, wäre für sie lebensgefährlich.
In der Wilhelmsburg ist es stockdunkel. Der Lichtkegel von Dirk Häckels Taschenlampe wandert durch verlassene Gänge. Funktionskleidung schützt den Wissenschaftler vor der Februarkälte. Hier und da bleibt der Fledermausexperte stehen, lässt das Licht über abgeblätterte Türen oder Ritzen im Mauerwerk gleiten.
Wilhelmsburg-Fledermäuse hängen nicht von der Decke
Häckel kennt sie gut, die Verstecke von Zwergfledermäusen. Das ist wichtig, um herauszufinden, wie viele in der Burg überwintern: "Früher haben wir die Fledermäuse hauptsächlich in diesen Strukturen gezählt: In den Türen gab es Fledermäuse, selbst in den Rohren." Heute allerdings schlafen die Tiere überwiegend in Fledermauskästen.
Häckel leuchtet von unten die Wand hinauf - in einen hölzernen Kasten mit einer Front aus gehärteter Holzwolle und einem schmalen Schlitz. Einer von vielen Fledermauskästen aus Holz und aus Stein, die der Fledermausexperte in enger Absprache mit der Stadt an den Burgmauern angebracht hat.
Das Licht erhascht einen kleinen, braunen Fellkopf mit samtig-schwarzen Segelohren und einer feucht glänzenden Schnauze. Die schlafende Zwergfledermaus hat es sich in dem zweieinhalb Zentimeter engen Kasten gemütlich gemacht: "Das ist unsere kleinste heimische Fledermausart, die hat es gern eng", erklärt der freiberufliche Fledermausexperte.
4.000 Fledermäuse schlummern in der Wilhelmsburg
Nur ganz kurz leuchtet Häckel in den Fledermauskasten. Ein schneller Blick reicht, um die ungefähre Zahl der dicht aneinander gekuschelten Tiere zu erfassen. Sie zu wecken, könnte für sie lebensgefährlich sein. Zu viel Energie könnten sie verlieren, wenn sie aufschrecken.
Zählen muss sie der Experte dennoch - zur Kontrolle. An die 4.000 Zwergfledermäuse hat der Geoökologe in diesem Winter gezählt. So viele wie nirgendwo sonst in Süddeutschland. Auch einige Zweifarb- und Breitflügelfledermäuse schlummern in der Festung. Alle Fledermausarten stehen mittlerweile unter Naturschutz - nachdem sie in den 1970-er Jahren als fast ausgestorben galten.
Kultur auf der Burg versus Fledermäuse
Im Rathaus ist man stolz darauf, dass die Wilhelmsburg über die Jahre zum Fledermaushotspot geworden ist. Immerhin hat die Stadt viel dafür getan, sagt Baubürgermeister Tim von Winning (parteilos). So habe man den kompletten Nordflügel der Burg aus der Nutzung herausgehalten. Und zum Fledermausparadies optimiert.
Bis zur Landesgartenschau 2030 will die Stadt die Wilhelmsburg wiederbeleben, die Anlage nach eigener Auskunft in ein "Kultur- und Kreativareal" verwandeln. Schon jetzt strömen jährlich Tausende Besucherinnen und Besucher auf die Burg, zum Kultursommer "Stürmt die Burg". Die Fledermäuse scheint das wenig zu stören - immer mehr Tiere überwintern in der alten Bundesfestung.
Dass die Fledermäuse wiederkommen, dessen ist sich Fledermausexperte Dirk Häckel sicher: "Wenn das Quartier super ist mit der Temperatur und sie können gut Energie sparen, dann kommen sie ihr Leben lang her."