Einer Studie zufolge sind rund zehn Prozent der Bevölkerung Linkshänder - bei 11,2 Mio. Einwohnern in Baden-Württemberg ergibt das allein in diesem Bundesland über eine Millionen Linkshänder. "Der Internationale Linkshändertag erinnert immer wieder daran, dass Linkshänder doch eine Gruppe sind, die in unserer Gesellschaft nicht genügend wahrgenommen wird, auf die nicht genügend geachtet wird", sagt Barbara Sattler.
Die Psychotherapeutin leitet in München die erste deutsche Beratungsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder. Der Bedarf ist groß. "Zum einen kommen Eltern mit linkshändigen Kindern, die getestet werden sollen, oder Kinder, die unklar in der Händigkeit sind, wo die Händigkeit getestet, abgeklärt werden soll", sagt Sattler.
Richtige Schreibhaltung muss beigebracht werden
Vor allem die richtige Schreibhaltung ist wichtig. Diese wird betroffenen Kindern nur selten richtig beigebracht. Häufig schreiben Linkshänder mit einer Hakenhaltung, bei der das Handgelenk gekrümmt wird, damit die Tinte nicht verwischt.
In ihrer Beratungsstelle wird Eltern und Kindern die richtige Schreibhaltung gezeigt und dies frühzeitig, so Barbara Sattler, nicht erst in der dritten oder vierten Klasse. Es geht darum, wie man beim Schreiben das Blatt hinlegt, den Stift hält und richtig führt.
Die Händigkeit ist genetisch bedingt
Die Händigkeit einer Person steht schon früh fest. "Das manifestiert sich schon deutlich früher, als die meisten Leute denken, nämlich vor der Geburt", sagt Sebastian Ocklenburg von der MSH Medical School in Hamburg. Der Forscher verweist auf Studien mit Ultraschall, die gezeigt haben, dass Kinder bereits im Mutterleib häufig eine bevorzugte Seite haben.
Als diese Kinder später noch einmal untersucht wurden, zeigte sich, dass über 95 Prozent auch mit ihrer Lieblingsseite schreiben gelernt haben. Doch wie kommt es, dass jemand links- oder rechtshändig ist? "Wir wissen beim Menschen ganz gut, dass das einen erheblichen genetischen Anteil hat. Es gibt etwa 48 verschiedene Gene, die eine Rolle dafür spielen, ob man jetzt linkshändig oder gemischthändig wird oder eben rechtshändig", so Ocklenburg.
Diese Gene haben aber nur wenig mit den Händen und deren Entwicklung zu tun, sondern sie betreffen eher die frühe Entwicklung des Gehirns. Vollständig geklärt ist dieser Prozess noch nicht.
Umschulung von Linkshändern auf rechte Hand lässt sich rückgängig machen
Die Händigkeit sucht sich also niemand aus. Deswegen leiden umgeschulte Linkshänder häufig, so Barbara Sattler. In ihre Beratungsstelle kommen solche Betroffenen.
Das sind oft ältere Menschen, weil die Umschulung in deren Jugend weit verbreitet war, aber es gibt auch Jüngere, die in Deutschland oder in einem anderen Land auf die rechte Hand umgeschult wurden. Das lässt sich jedoch wieder rückgängig machen, sagt Sattler: "Wir haben eine Studie gemacht, wo wir umgeschulte Linkshänder, erwachsene Linkshänder wieder auf ihre dominante linke Hand zurückgeschult haben."
Bei dem Rückschulungsprogramm bekommen die Betroffenen Hausaufgaben, um Linien nachzeichnen, Schwungübungen und Fingerbewegungen zu machen, damit sich die dominante Hand an die neue Schreibhaltung gewöhnt.
"Wir haben hauptsächlich in dieser Studie die Graphomotorik untersucht, denn ich habe das begleitet mit Untersuchungen auf dem grafischen Tablett. Da schreiben die und kritzeln und man misst, wie schnell und automatisiert die schreiben. Also, es ist nicht nur die Geschwindigkeit, sondern es ist die Automatisierung, es ist der Druck und eine Rückschulung bedeutet, dass ich quasi beim Schreiben das auch richtig mit den Gedanken verbinde und Worten", schildert Barbara Sattler.
Es geht auch um Sicherheit am Arbeitsplatz
Die Rückschulung kann zwei bis drei Jahre dauern. Im Idealfall fühlen sich die Betroffenen danach nicht mehr als würde etwas nicht stimmen, sondern sie sind stimmiger und authentischer, so Barbara Sattler. Ihr Ziel ist, in der Gesellschaft ein stärkeres Bewusstsein für eine Gruppe zu schaffen, zu der mindestens zehn Prozent der Bevölkerung gehören.
Es geht auch um die Sicherheit am Arbeitsplatz, dass etwa in Industrieanlagen Notausknöpfe für Links- wie Rechtshänder gleich schnell erreichbar sind oder, dass alle Orchester Musikerinnen und Musiker unabhängig von ihrer Händigkeit aufnehmen.
Als Linkshänderin dirigieren: Kristiina Poska
Doch es gibt nicht nur Nachteile. Manchmal wird Linkshänderinnen und Linkshändern ein hohes Maß an Kreativität zugeschrieben - doch das ist ein Mythos, der sich nicht wissenschaftlich belegen lässt, so Psychologe Sebastian Ocklenburg: "Es zeigt sich in der Regel, dass es da wirklich keinen objektiven Leistungszugewinn durch die Linkshändigkeit gibt."
In manchen Bereichen haben Linkshänder Vorteile
Linkshänder und Rechtshänder können dem Forscher zufolge eigentlich jeden Beruf gleich gut ausüben. "Außer Boxer, Federballspieler und Florettfechter. Da haben Sie als Linkshänder einen Vorteil", so Ocklenburg. Denn da spüren Rechtshänder, dass sie auf ungewöhnliche Gegner treffen und sind irritiert - also verkehrte Welt für die Mehrheit der Bevölkerung. Deshalb sind Linkshänder etwa beim Handball als Rechtsaußen sehr gefragt.