Online-Apotheken haben Aufwind, während "herkömmliche" Apotheken immer mehr unter der digitalen Konkurrenz leiden. Auch in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ist das ein präsentes Thema und Problem. Hinzu kommt, dass immer mehr Drogeriemärkte umstellen und zunehmend rezeptfreie Medikamente anbieten. Das könnte das Apothekensterben im Südwesten weiter befeuern.
Drogeriemarkt dm geht mit Online-Apotheke an den Start
Ende Oktober hat die Drogeriemarkt-Kette dm bekanntgegeben, künftig verstärkt auf das Thema Gesundheit setzen zu wollen. Die Menschen befassten sich mehr mit ihrer Gesundheit, erklärte Konzernchef Christoph Werner in Karlsruhe. Zudem zeichne sich eine "Gesundheitskrise" ab, weil viele Babyboomer aus Gesundheitsberufen ausschieden, aber weniger nachkämen.
Seit Kurzem testet dm aus diesen Gründen in ausgewählten Filialen Gesundheitsangebote wie Haut- und Blutanalysen sowie Augenscreenings, was bei Arztverbänden auf Kritik stieß. Außerdem gibt es inzwischen Selbsttests, etwa für Vitamin D und Eisen, im Sortiment. Noch in diesem Jahr soll zudem eine eigene Online-Apotheke für rezeptfreie Medikamente wie Schmerzmittel starten. Neben dm planen auch die Drogeriemarkt-Kette Rossmann und die Supermarkt-Kette Lidl in den Medikamentenversand einzusteigen, wie das Handelsblatt berichtete.
Online-Apotheken erleben einen Aufschwung
Damit möchten sie in einen Markt eintreten, der in den vergangenen Jahren einen Aufschwung erlebt hat. Denn Online-Apotheken sind immer präsenter - unter anderem in der Fernsehwerbung. Den traditionellen Apotheken sind die Online-Märkte schon länger ein Dorn im Auge.
Apotheker in BW blicken kritisch auf Online-Markt
Für Frank Eickmann, stellvertretender Geschäftsführer des Landesapothekerverbands Baden-Württemberg, ist der Schritt von Drogeriemärkten in Richtung Online-Apotheken der falsche. Im Gespräch sagt er, der Einstieg von dm werde das Leben der traditionellen Apotheken zusätzlich erschweren.
"Wir haben ohnehin schon ein massives Apothekensterben in den vergangenen Jahren beobachten können", sagt Eickmann. Mehr als 80 Prozent des Umsatzes der Apotheken werde mit verschreibungspflichtigen Medikamenten gemacht. Aber: "Auch der Versandhandel mit nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten tut den Apotheken wirtschaftlich maximal weh und geht zusätzlich mit einigen Risiken einher - auch gesundheitlicher Natur", so Eickmann.
Online-Apotheken: Apotheker hat gesundheitliche Bedenken
Denn, so berichtet Eickmann, wenn bei Medikamenten nicht auf die richtige Kühlung geachtet werde, könne darunter die Wirkung leiden. "Dieses Phänomen beobachten wir bereits bei den bestehenden Online-Apotheken", so Eickmann.
Arzneimittel würden dort zur Ware degradiert und verlören ihren Stellenwert: "Wenn Drogerien in den Online-Handel mit Arzneimitteln einsteigen, dient das nicht der Gesundheitsversorgung. Dahinter stecken klare merkantile Ziele." Eickmann fordert, dass der Gesetzgeber dem Online-Versandhandel Grenzen setzen müsse. Denn auch preislich könnten traditionelle Apotheken bereits jetzt selten mit Online-Händlern mithalten.
Experte: Zahl der Apotheken schrumpft immer mehr
Das beobachtet auch David Matusiewicz, Dekan für Gesundheit und Soziales an der Fachschule für Ökonomie und Management (FOM). Matusiewicz, der sich in seiner Forschung unter anderem mit der "Apotheke der Zukunft" befasst, sagt im SWR-Gespräch, dass die Zahl der Apotheken unter anderem wegen der Online-Konkurrenz immer geringer werde. "Deutschlandweit gibt es noch 17.000 Apotheken, das ist der niedrigste Stand seit 1970", so Matusiewicz.
Das Apothekensterben treffe jedoch, so berichtet Matusiewicz, vor allem ländliche Regionen. "Bisher waren die Gründe dafür unterschiedlich: Beispielsweise werden keine Nachfolger für Familienbetriebe gefunden." Jetzt kämen neben den Online-Apotheken perspektivisch auch Drogeriemärkte hinzu.
Apothekensterben in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz
Auch im Südwesten schwinden Apotheken: In Baden-Württemberg mussten 2024 laut Landesapothekerkammer Baden-Württemberg 70 Apotheken schließen, während nur vier neu gegründet wurden. In Rheinland-Pfalz gab es laut der dortigen Landesapothekerkammer im vergangenen Jahr 37 Schließungen. Dem gegenüber standen nur drei Neueröffnungen.
Zunächst soll es in Drogerien nur rezeptfreie Medikamente geben. In diesem Markt steckt jedoch viel Geld: Nach Angaben des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie entfiel zuletzt mehr als jede zweite abgegebene Packung auf ein nicht verschreibungspflichtiges Arzneimittel.
Warum sind Online-Apotheken so beliebt?
Der Medizinexperte Matusiewicz sagt, rezeptfreie Arzneimittel machten in Deutschland nur elf Prozent des Umsatzes von Apotheken aus. Trotzdem sei jeder Kauf, der bei einer Online-Apotheke getätigt werde, spürbar. "Die Marge bei Medikamenten ohne Rezept ist viel größer", so der Experte.
Der Grund dafür, dass Online-Apotheken immer mehr genutzt werden, ist laut Matusiewicz Bequemlichkeit. "Wenn man online jederzeit diskret etwas bestellen kann, keine Beratung benötigt wird und es nach Hause geliefert wird, dann ist das für einige einfacher, als in die Apotheke zu gehen", so der Experte.
Apotheker aus Rheinland-Pfalz: Online-Apotheken bereiten Apotheken Sorgen
Auch in Rheinland-Pfalz nimmt man die Entwicklung kritisch wahr. Peter Schreiber, Geschäftsführer des Apothekerverbands Rheinland-Pfalz, sagt im Gespräch mit dem SWR, durch den Einstieg von Drogeriemärkten in den Online-Apothekenhandel könne die bisherige "Grundeinigkeit in der Gesellschaft aufgegeben werden". Arzneimittel seien ein besonderes Produkt, "nicht wie Waschmittel oder Taschentücher", so Schreiber.
Apothekenpflichtige Arzneimittel könnten auch gesundheitsschädigend sein, wenn Patientinnen und Patienten keine entsprechende Beratung erhielten. "Das kann nur jemand im Blick haben, der Pharmazie studiert hat", sagt Schreiber.
Der Einfluss von Online-Apotheken sei in den vergangenen Jahren in Rheinland-Pfalz gering gewesen. "Der Umsatzanteil ist auf immer gleichbleibendem, niedrigem Niveau geblieben", sagt Schreiber. Der Online-Handel nehme jedoch durch massive Reklame immer mehr zu; mit Blick auf die Zukunft bereite das Sorgen. "Die meisten EU-Länder erlauben keinen Online-Handel", sagt Schreiber, "aus gutem Grund."