Ungewöhnliche Schauspielkarriere

David spielt am Kinder- und Jugendtheater Speyer - mit Downsyndrom

David Winterheld kam 2010 als Praktikant zum Kinder- und Jugendtheater Speyer. Er wollte Schauspieler werden und alle dort halfen ihm dabei, das zu schaffen.

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Stand

Von Autor/in Sebastian Barth

David steht allein auf der Bühne in Shakespeares Romeo und Julia. Bei diesem Inklusionsstück kommt der Text - meist in vereinfachter Sprache - aus dem Off. David spielt Romeo, ein langes Halstuch dient ihm als Figur der Julia, zwei Pappkartons sind die verfeindeten Tybalt und Mercutio aus dem Stück. Schnelle Rollenwechsel, wie sie nunmal von Schauspielern verlangt werden. Aber David ist kein gewöhnlicher Schauspieler. Er hat das Downsyndrom und außerdem eine Sehkraft von nur vier Prozent.

Jim Knopf weckt die Theaterleidenschaft

Schon als Kind war David Winterheld vom Theater begeistert. Er bekam die Geschichte von Jim Knopf immer wieder vorgelesen. Die Augsburger Puppenkiste wurde seine Leidenschaft und er begann zu Hause, die Geschichten nachzuerzählen und nachzuspielen. Aus seiner Begeisterung entwickelte sich immer mehr der Traum, Schauspieler zu werden. Seine Mutter versuchte alles, um ihm diesen Traum zu ermöglichen. Sie knüpfte 2010 Kontakt mit dem Kinder- und Jugendtheater Speyer und bat um ein Praktikum. Die Organisatorin vom Theater, Nicole Schneider, sagte spontan zu. Sie wusste, dass David Downsyndrom hat.

David Winterheld, Schauspieler mit Downsyndrom am Kinder- und Jugendtheater Speyer
David Winterheld mit seiner Mutter Andrea

Schule unterstützt Davids Schauspielwunsch

Der damals 17-Jährige half gemeinsam mit 11 weiteren Praktikanten beim Festival. Die Tür zum Theater stand zum ersten Mal für David ein Stückchen offen. Seine Eltern und auch seine Lehrer an der Blindenschule in Neuwied wollten David den Job ermöglichen, den er wirklich wollte: Eine Assistenz am Theater. Sie sorgten gemeinsam mit weiteren Akteuren und Förderern für eine viereinhalbjährige Ausbildung.

David Winterheld, Schauspieler mit Downsyndrom am Kinder- und Jugendtheater Speyer
Theaterorganisatorin Nicole Schneider

David ist unverzichtbarer Helfer am Theater

Jetzt ist David zum unverzichtbaren Bestandteil des Theaters geworden. Er besorgt Requisiten, ist mitverantwortlich für Plakate und Werbung, übernimmt die Reinigung der Wohnung, in der Gast-Schauspieler des Theaters übernachten. Bei Theatervorstellungen zählt er die Tickets, hilft in der Küche oder nach den Vorstellungen sieht er zu, dass alle das Theater verlassen haben.

"Wir trauen ihm immer mehr zu und sind immer aufs Neue überrascht, was er alles trotz seiner Einschränkungen schafft," sagt Nicole Schneider, und erzählt, wie sie David losgeschickt hat, Tennisbälle für eins der Theaterstück zu kaufen. Sie bekam einen Anruf von dem Sportgeschäft, in dem David die Bälle zunächst gekauft hatte. "Die Inhaberin sagte zu mir, dass David die Tennisbälle zurückgeben will, weil er sie in einer Drogerie billiger bekommen kann."

Erst Nebenrollen, dann Hauptrollen

Seit 2012 spielt David am Kinder- und Jugendtheater auch in Stücken mit. Zunächst in Nebenrollen. Die Theaterpädagogin und Schauspielerin Christina Beeck entwickelt mit ihm Stücke, die weniger auf Sprache als auf Körperausdruck setzen. Denn David kann sich nur sehr schwer Text merken, aber Bewegungsabläufe behält sein Körpergedächtnis sehr nachhaltig. Auch in Romeo und Julia steht der Ausdruck im Vordergrund. Sie übt mit ihm zwei Mal die Woche.

Theaterregie per Videoschalte

Ganz außergewöhnlich ist dabei, dass Christina Beeck mit David Winterheld per Videoschalte arbeitet. Sie hat mittlerweile ein kleines Theater in Mundingen auf der schwäbischen Alb. Zu den Chancen für Behinderte in der Kunstszene sagt Beeck: "Einerseits brauchen diese Menschen jemanden, der sie ermutigt, weil oft die Zugänge nicht da sind. Andererseits braucht's am Theater Menschen, die bereit sind, unkonventionelle Wege zu gehen. Das bedeutet zum Beispiel, dass man mehr Zeit mitbringt, weil vielleicht das eine oder andere länger dauert."

Mit Beharrlichkeit zum bezahlten Job am Theater

Insgesamt fünf Theaterstücke mit David in der Hauptrolle hat Beeck auf die Bühne in Speyer gebracht. Da wäre "Tonpapier" für ganz kleine Kinder oder "Der eingebildete Kranke" nach Moliere für größere Kinder und Erwachsene. Diese Stücke wären niemals ohne Davids Entschlossenheit zustande gekommen, und es gäbe sie nicht ohne den Rückhalt seiner Eltern. Seine Mutter Andrea hatte den Mut, bei verschiedenen Institutionen und dem Theater nachzufragen. "Bei Kindern mit Beeinträchtigung, die von der Gesellschaft ausgesondert sind, liegt es mit an den Eltern, die Gesellschaft gemeinsam nochmal neu kennenzulernen - auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet", sagt Andrea Winterheld.

David bekommt seine Arbeit am Theater bezahlt. Es ist zwar der Mindestlohn für 20 Wochenstunden, aber das ist weitaus mehr, als die große Masse der behinderten Menschen eigenständig verdient. Und es zeigt, dass mit Einsatz und Neugierde viel mehr Nischen auf dem Arbeitsmarkt und auch im Kulturbetrieb für diese Mitmenschen zu finden sind.

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Sebastian Barth
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