Nachmittags in einer der beiden WGs für Menschen mit Demenz in Alzey. Die zwölf Bewohnerinnen und Bewohner sitzen gemeinsam am Tisch, essen Käsekuchen und trinken Kaffee. Mit am Tisch sitzen auch Helmut Koob und Winfried Fröhlich. Eigentlich seien sie ja beste Freunde, erzählt der 84-jährige Koob. "Ab und zu haben wir bisschen Krumpel, aber sonst klappt's schon ganz gut", lacht er.
Winfried Fröhlich sagt, dass Koob in der Wohngemeinschaft direkt neben ihm wohnt. "Und da höre ich ihn immer rumbeln." Direkt gibt's Gelächter am Tisch. Viele der Bewohnerinnen und Bewohner erzählen, dass sie vor dem Umzug in die WG zuhause alleine gelebt haben. Koob sagt, dass er nach dem Tod seiner Frau sieben Jahre lang allein gewesen sei. "Da wäre ich versauert. Meine Tochter hat mich dann da rausgeholt hierher."
Ich fühle mich hier sehr wohl. Mir geht's gut und ich bin gut versorgt.
Bewohner können weiter leben, wie sie wollen
Die Menschen mit Demenz sollen in den beiden Wohn-Pflege-Gemeinschaften in Alzey möglichst selbstbestimmt weiter leben. "Ich habe hier Freunde, mit denen ich gerne spazieren gehe", erzählt Bewohnerin Margot Lehrbach. "Wir können uns frei bewegen. Das ist viel wert."
Gemeinsam nutzen die Bewohnerinnen und Bewohner die Wohnküche, eine Sofaecke und den Garten, in dem auch zwei Hühner leben. Sie haben aber auch alle ein eigenes Zimmer mit Bad. Das Besondere: Beim Einzug sind die Zimmer komplett leer und müssen von den Bewohnerinnen und Bewohnern und ihren Angehörigen selbst eingerichtet werden, erzählt Bettina Koch. Sie arbeitet bei der Rheinhessen-Fachklinik und koordiniert die besondere WG.
Jedes Zimmer hier ist individuell eingerichtet nach den Wünschen und Vorlieben. Und ich kann hier auch meinen Lebensrhythmus so leben, wie ich es gewohnt bin.
Das heißt: Wer Langschläfer ist, kann so lange schlafen, wie sie oder er will. "Und wenn ich ein Frühaufsteher bin, dann darf ich auch um sechs Uhr aufstehen und bekomme mein Marmelade-Brot mit einer Tasse Kaffee", so Koch.
Angehörige sind auch stark eingebunden
Versorgt werden die Bewohnerinnen und Bewohner zum Beispiel von einem ambulanten Pflegedienst und einer Haushaltskraft. Die Haushaltskasse wird aber von einem Angehörigen verwaltet, erzählt Koch. Die Angehörigen entscheiden außerdem jeweils individuell, wie ihr Verwandter gepflegt werden soll.
An diesem Nachmittag ist auch Gabriele Barth zu Besuch in der Wohngemeinschaft. Ihre Mutter lebt seit zwei Jahren hier, erzählt sie. "Die Angehörigen sind hier ganz stark miteingebunden. Es fängt an mit Kuchen backen für sonntags oder Gartenpflege. Aber wir machen auch Ausflüge, wo die Angehörigen auch mitgehen "müssen", weil das alleine gar nicht mehr funktioniert."
Viele Entscheidungen treffen Angehörige selbst
Viele Entscheidungen, die die WG betreffen, werden deshalb im sogenannten Angehörigenkreis getroffen. Einmal im Quartal trifft sich Koordinatorin Koch mit den Angehörigen der beiden Wohngemeinschaften. "Wenn Sie zwölf Familien am Tisch haben, dann haben Sie auch zwölf Meinungen. Und da geht's auch mal hoch her und es wird stark diskutiert. Mein Job ist es dann zu einer Einigung zu kommen und Entscheidungen herbeizuführen. Das ist auch nicht immer einfach."
Koch ist aber überzeugt, dass sich dieser Aufwand und das Engagement aller Beteiligten lohne. "Es lohnt sich für die Bewohnenden, die hier eine extrem hohe Lebensqualität haben." Genauso lohne es sich aber auch für die Angehörigen. "Die einfach diesen Druck und diese Belastung der Rund-um-die-Uhr-Betreuung nicht mehr haben und ich sag mal, nur noch die "schönen" Dinge mit ihren Angehörigen erleben", so Koch.
Warteliste für WG für Menschen mit Demenz in Alzey ist lang
Zudem gebe es in ihrem Team eine hohe Arbeitszufriedenheit. "Wir arbeiten hier alle sehr gerne. Wir haben kaum Fluktuation im Team. Das macht es halt auch hier aus: Diese enge Bindung und dass sich auch jeder engagiert über die normale Dienstzeit hinaus."
Die Warteliste für die besondere Wohngemeinschaft ist dementsprechend lang, erzählt Koch. Ein Zimmer hier in Alzey sei mit 2.950 Euro Monat auch oft günstiger als in einem ein regulären Pflegeheim. Die Koordinatorin wünscht sich deshalb, dass noch mehr solcher Wohngemeinschaften entstehen. Für Koch sind sie die "Wohnform der Zukunft". "Wenn es noch mehr Wohn-Pflege-Gemeinschaften gäbe in der Zukunft, da wären wir alle sehr froh drüber."