Im Rems-Murr-Kreis hat ein Tagesvater die ihm anvertrauten Kinder über viele Jahre schwer sexuell missbraucht. Vom Stuttgarter Landgericht wurde er deswegen Anfang Juli zu neuneinhalb Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.
Anna und Wolfgang (Namen von der Redaktion geändert) sind Eltern eines betroffenen Mädchens. Sie seien froh über das Urteil. Ihnen sei extrem wichtig, dass der Täter durch die Sicherungsverwahrung auf absehbare Zeit nicht mehr auf freien Fuß komme. "Ich glaube, es gibt kein Urteil, das wiedergutmacht, was den Kindern angetan wurde und die Familien aushalten müssen", sagt Anna. "Wut empfinde ich nicht, eher Ohnmacht und eine tiefe Traurigkeit."
Es gibt kein Urteil, das wiedergutmacht, was den Kindern angetan wurde und die Familien aushalten müssen. Wut empfinde ich nicht, eher Ohnmacht und eine tiefe Traurigkeit.
Erschreckendes Ausmaß an Misshandlungen durch Tagesvater
Der ehemalige Tagesvater hatte gestanden, ihm anvertrauten Jungen und Mädchen jahrelang (nachweislich von 2020 bis zu seiner Inhaftierung im Oktober 2025) schwer sexuell missbraucht zu haben. Laut Anklage betrieb der Täter bis zu seiner Festnahme eine Kindertagesstätte in seinem Haus. Als ausgebildete Tagespflegeperson bezog er sein Honorar vom Kreisjugendamt.
Meist waren seine Opfer Kleinkinder, das Jüngste zwei Jahre alt. Zuletzt waren acht Kinder in seiner Obhut. Darunter auch Annas und Wolfgangs Tochter. Das zu begreifen, dauere noch sehr lange. "Wir hatten darauf vertraut, dass unsere Tochter mit anderen Kindern in Sicherheit spielen und toben kann", sagt Wolfgang.
Das unglaubliche Ausmaß der Taten, die kriminelle Energie und die Dimension der Ausnutzung des Vertrauens der Eltern seien ausschlaggebend für das Strafmaß, so das Landgericht. Das psychiatrische Gutachten macht in aller Deutlichkeit klar: Der 53-jährige ist extrem gefährlich und rückfallgefährdet und muss daher zum Schutz der Allgemeinheit nach der Haft auf unbestimmte Zeit sicher verwahrt werden. Gegen diese Sicherungsverwahrung hat der Tagesvater inzwischen Revision eingelegt. Dies teilte sein Anwalt mit.
Kinder manipuliert und emotional abhängig gemacht
Anna und Wolfgang fällt es schwer darüber zu sprechen, was ihrer Tochter und der ganzen Familie widerfahren ist. Aber es ist ihnen wichtig, das Schweigen zu brechen und andere Eltern zu sensibilisieren. "Man denkt immer, das passiert nicht uns, nicht unserer Familie, bis es dann geschieht."
Ihre Tochter sprach erst darüber, als der Täter in Haft saß. Unter Tränen schilderte sie ihren Eltern, was er ihr vom Kindergartenalter bis zu seiner Verhaftung angetan hatte. Im Verhör gestand der ehemalige Tagesvater, die Kinder emotional abhängig gemacht und manipuliert zu haben, um seine pädophilen Neigungen auszuleben.
Der Täter erstellte und besaß tausende kinderpornografische Bild- und Videodateien und teilte sie in einem Online-Netzwerk. So kamen ihm bayerische Kriminalbehörden auf die Spur.
Das Vertrauen gezielt und "in unglaublichem Maß ausgenutzt"
Er hatte die absolute Kontrolle über den Tagesablauf und gab sich gegenüber den Eltern kontaktfreudig und vertrauenswürdig. "Er wusste genau, wann wir kommen und unsere Kinder abholen", erzählt Anna. Er habe zugehört und gute Ratschläge gegeben. "Allein der Gedanke, dass wir miteinander gesprochen haben und er wusste, was er getan hat, und nichts durchblicken ließ, das ist unfassbar."
Hätten Behörden, wie der Tageselternverein, die Kita besser prüfen sollen? Anna und Wolfgang zucken die Achseln. Sie mache keinem Außenstehenden einen Vorwurf, denn niemand, nicht einmal wir Eltern, hätten Verdacht geschöpft, erwidert Anna. "Das Unbegreifliche, das unserer Familie widerfahren ist, hat uns allen den Boden unter den Füßen weggezogen", so Anna. Sie habe seither ein großes Problem fremden Menschen zu begegnen, ohne an etwas Böses zu denken. "Ich kann kein Vertrauen zu anderen mehr aufbauen. Auch das hat er kaputt gemacht."
Das Leben der Familie ist tief erschüttert
Jeden Tag quälen Anna und Wolfgang Fragen: Waren wir nicht aufmerksam genug? Warum haben wir nichts gesehen oder gespürt? Und warum hat sich keines der Kinder seinen Eltern, Freunden oder anderen Bezugspersonen anvertraut? Vor allem treiben Wolfgang und Anna die Sorge um, ob und wie ihr Kind die traumatischen Erlebnisse verarbeiten kann. Wie wird sie damit leben können? Deshalb holten sich Anna und ihre Tochter Hilfe und sind in Therapie.
Wir versuchen sie aufzufangen und ihr das Gefühl zu geben, dass wir immer für sie da sind, egal welches Problem es gibt.
Schnelle und niedrigschwellige Hilfe ist wichtig
Das Schlimme sei, nicht zu wissen, wie sich für ihre Tochter alles weiterentwickle, so Anna. Es sei wichtig, dass Kinder und Eltern über Hilfsangebote informiert werden. Denn auch wenn es ihnen momentan enorm schwerfalle, müssten sie jetzt für ihr Kind stark sein. "Wir versuchen sie aufzufangen und ihr das Gefühl zu geben, dass wir immer für sie da sind, egal welches Problem es gibt", sagt Wolfgang.
Ihre Tochter sei zur Urteilsverkündung gekommen, denn sie wollte mit eigenen Augen sehen, dass der Täter jetzt keine Gefahr mehr für sie sei. Das sei enorm mutig und stark gewesen, sagt Anna stolz und lächelt zum ersten Mal.
Das Schweigen über sexuellen Missbrauch muss gebrochen werden
Es müsse viel mehr über sexuellen Missbrauch informiert und das Thema enttabuisiert werden, so Anna. Denn durch gesellschaftliche Aufklärung und öffentliche Debatten fühlen sich die Betroffenen nicht länger isoliert. Nur so könnten institutionelle Missstände aufgedeckt, wirksame Schutzkonzepte entwickelt und den Tätern Rückzugsräume versperrt werden.
"Auch wir haben in unserer Familie viel zu wenig aufgeklärt, wann körperliche und sexuelle Grenzen missachtet werden", sagt Anna. Schon kleine Kinder sollten lernen, selbst über ihren Körper zu bestimmen und sich mit einem klaren „Nein“ zu wehren. Eine Grenzüberschreitung könne auch ein Kuss für Opa oder Oma sein, sagt sie. Eltern müssten ihr Kind ernst nehmen, nichts bagatellisieren und ihr "Nein" akzeptieren. "Wir als Eltern müssen unsere Kinder zu selbstbewussten Menschen erziehen. Ich glaube, das ist das Entscheidende."