Geld gegen Hoffnung?

So denken Afghaninnen in Rottenburg am Neckar über das Angebot der Bundesregierung

Die vier Shukori-Schwestern leben seit einem halben Jahr in Deutschland. Für viele andere Afghanen geht die Hoffnung nicht in Erfüllung - trotz Aufnahmezusage der Bundesregierung.

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Von Autor/in Sophie Rebmann

Sie hat es geschafft: Friba Shukori, eine 21-jährige, etwas schüchterne Frau mit schwarzem Kopftuch. Seit einem halben Jahr lebt die Afghanin mit ihren drei Schwestern in Deutschland. An der Kolpingschule in Rottenburg am Neckar besucht sie einen Sprachkurs. Gerade wiederholen sie, was sie schon gelernt haben: Die Vorstellung. "Ich bin seit sieben Monaten mit meinen Schwestern nach Deutschland gekommen", schießt Friba Shukori los, "Ich habe mein Land verlassen, weil ich dort nicht lernen und arbeiten konnte und ohne Zukunft und ohne Träume gelebt habe."

Drei junge Frauen sitzen um einen Tisch.
Der Start der drei afghanischen Schwestern in Deutschland war holprig, jetzt aber starten sie durch und sind dankbar für die Chancen, die sie hier erhalten.

Friba Shukori will Krankenschwester werden, erzählt sie zuhause. In ihrer kleinen, dunklen Küche macht sie einen Tee, schüttet Pistazien und gesalzenen Mandeln auf einen Servierteller und setzt sich zu den Schwestern ins Zimmer. Seit Dezember wohnen die drei jüngeren Schwestern in einer Wohnung in Tübingen. Zuvor waren sie auf dem Land untergebracht, wo nicht einmal eine Bushaltestelle in der Nähe war.

Der Anfang in Deutschland war schwer

"Am Anfang war alles schwer. Die neuen Leute, die Sprache, die Kultur, alles war sehr schwer", sagt Ruwaida Shukori, die zweitälteste, dazu. "Aber jetzt geht es." Sie bereitet sich auf ihre B1-Prüfung vor und will so schnell wie möglich ihr Medizinstudium wieder aufnehmen, das sie in Afghanistan unter der Taliban beenden musste. Dieses Verbot findet sie noch immer "unglaublich", sagt sie und streicht sich durch ihre dunklen Locken.

Die Wohnung, in der sie wohnen, ist noch karg: Ein bunter Teppich liegt auf dem Boden, ein Esstisch mit drei Stühlen und ein kleiner Schreibtisch mit einem Bürostuhl befinden sich darin. Mehr gibt es nicht. Aber die Frauen haben Blumen in eine Vase gestellt und Bilder von Fereshte Shukori, der Jüngsten, an die Wand gehängt. Auf einem tanzt eine Balletttänzerin.

In Lebensgefahr in Afghanistan

Die vier Shukori-Schwestern durften nur nach Deutschland kommen, weil die Älteste, Sharifa Shukori, als Frauenrechtlerin aktiv war - und von den Taliban bedroht wurde. Zusammen mit Ruwaida, der zweitältesten, habe sie einen Mordanschlag nur knapp überlebt, erzählt die Familie und zeigt Fotos mit Verletzungen am Kopf und an den Armen. Bis zu 36.000 besonders schutzbedürftige Afghaninnen und Afghanen, vor allem Menschenrechtsaktivisten und Frauen, wollte die Bundesregierung über das Bundesaufnahmeprogramm Afghanistan nach Deutschland holen. Bis zu 1.000 Personen pro Monat, verteilt auf drei Jahre. So hatte es die Ampelregierung versprochen.

Aufnahmezusagen für Afghanen werden nicht eingehalten

Nur 3.089 Personen haben eine Aufnahmezusage über das Bundesaufnahmeprogramm erhalten. 2.107 sind dem Bundesinnenministerium zufolge bisher eingereist, 215 davon nach Baden-Württemberg, wie das Ministerium für Justiz und Migration in Baden-Württemberg schreibt. Die vier Schwestern, der Ehemann von Sharifa Shukori und ihre kleine Tochter gehören dazu.

Bis zum Jahresende sollen 535 weitere Afghanen mit Aufnahmezusagen nach Deutschland einreisen, hat Innenminister Alexander Dobrindt am Donnerstag, den 18. Dezember, angekündigt. 460 von ihnen kommen über das Bundesaufnahmeprogramm, der Rest sind Ortskräfte. Die anderen Menschen werden trotz Aufnahmezusage abgewiesen und erhalten finanzielle Unterstützung vor Ort. Auch die anderen Aufnahmeprogramme wie etwa das Ortskräfteverfahren oder die Menschenrechtsliste werden dann beendet.

Bundesregierung bietet Geld gegen Leben und Tod

Andreas Linder vom Tübinger Verein "Move on" findet das falsch. Der Verein ist eine von rund 70 zivilgesellschaftlichen Meldestellen, die Anträge für Afghanen stellen durften. "Eine Regierung kann sagen, sie hat kein Interesse mehr, eine bestimmte Politik zu machen. Die Konsequenz in dem Fall ist aber, dass die Menschen von schweren Menschenrechtsverletzungen bis hin zum Tod bedroht sind. Und die Verantwortung muss man dann als Regierung auch tragen."

Zuvor hatte die Bundesregierung Afghanen aus den Aufnahmeprogrammen die Zahlung von mehreren Tausend Euro versprochen, sofern diese auf die Aufnahmezusagen verzichten und nach Afghanistan zurückgehen. "Wir finden das grundfalsch, weil es ein total unmoralisches Angebot ist, weil hier ein paar Tausend Euro gegen Leben und Tod stehen", sagt Linder dazu.

Familien bangen und warten in Pakistan

Linder macht sich Sorgen, denn noch immer warten drei von ihm betreute Familien in Pakistan im Ungewissen. Zwei Familien haben an der deutschen Botschaft in Pakistan eine Ablehnung ihrer Visa-Anträge erhalten und gehen mit Linders Hilfe in Berufung. Eine weitere wurde von den pakistanischen Behörden nach Afghanistan abgeschoben. "Die haben wirklich Angst, dass ihnen das Schlimmste passieren könnte", sagt Linder.

Auch Ruwaida und Friba Shukori wissen um ihre Gefahr und hoffen, dass auch diese Familien noch kommen können. Sie sind dankbar für die Chancen, die ihnen das neue Leben in Deutschland bietet. Auch wenn sie ihre Eltern vermissen. Denn die sind in Afghanistan zurückgeblieben.

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Sophie Rebmann
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