SWR1 Sonntagmorgen am 20.09.2026

Warum so viele neue Vereine gegründet werden

Immer mehr Menschen gründen neue Vereine. Gleichzeitig belastet sie die Bürokratie. Was Lösungen sein könnten. Und wie Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg im Bundesvergleich abschneiden.

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Von Autor/in Paula Zeiler

Auf einem tiefgrünen Fußballplatz haben sich einige 13-Jährige eingefunden und beginnen mit dem Konditionstraining. Sie kicken im Verein "Makkabi", dem größten jüdischen Sportverein in Deutschland. Das Sportangebot mit Padel-Tennis, Fußball oder Basketball ist stark nachgefragt. Dabei sind etwa 90 Prozent der Mitglieder nicht jüdisch. Ein Großteil der Kinder und Erwachsenen, die bei "Makkabi Frankfurt" trainieren sind muslimisch, sagt Präsident Alon Meyer.

"Makkabi" ist einer von aktuell 630.000 Vereinen in Deutschland. Und das sind mehr als noch vor einigen Jahren. Seit 2022 sind nach einer aktuellen Studie des Stifterverbands für die Deutsche Wirtschaft e.V. etwa 55.000 neue Vereine gegründet worden.

Aktives Vereinsleben in RLP und BW

Peter Schubert, Leiter des Bereichs "Zivilgesellschaft in Zahlen" beim Stifterverband, hat die Entwicklung der Vereinslandschaft in Deutschland wissenschaftlich untersucht. Das Saarland und Rheinland-Pfalz stehen im Bundesländervergleich an der Spitze. Auf 1.000 Einwohner kommen rund zehn Vereine, so die Studie. Baden-Württemberg liegt mit fast acht Vereinen pro 1.000 Einwohner ebenfalls deutlich über dem Durchschnitt. In Baden‑Württemberg werden vor allem Vereine im Kulturbereich neu gegründet - in Rheinland‑Pfalz gibt es im Freizeitbereich auch viele Karnevalsvereine.

In Pirmasens haben Freunde den Fußballverein "Eintracht Pirmasens" gegründet. Das Ergebnis von einem lustigen Kneipenabend, wie es Jonas Roschy, einer der Gründer, formuliert. Das war im Dezember 2025. Mittlerweile spielen sie jede Woche auf einem Kunstrasen.

Doch der Spaß hat seinen Preis. Einige tausend Euro sind bereits in den neuen Verein geflossen. Deshalb brauchte die "Eintracht Pirmasens" auch Sponsoren. Das hat geklappt und jetzt lockt der Verein neue Mitglieder mit freiem Eintritt zum Spiel und Rabatten.

Aus Krisen oder Förderungen entstehen neue Vereine

An den Vereinsgründungen lassen sich auch gesellschaftliche und politische Trends erkennen. "Wir sehen, dass in den letzten Jahren viele Hilfsvereine für die Ukraine entstanden sind", sagt Peter Schubert. Viele der Hilfsinitiativen hätten zunächst als "lose Netzwerke" begonnen und sich mit der Zeit formalisiert, also einen Verein gegründet. Ein anderes Beispiel für neue, sehr spezialisierte Vereine sind sogenannte "Rehkitzrettungsvereine". Sie versuchen mithilfe von Wärmebildkameras Rehkitze, die in Feldern liegen, rechtzeitig aufzuspüren und so vor Traktoren zu schützen.

Makkabi Frankfurt gegen Antisemitismus

Vereinen wie "Makkabi" ist es wichtig, Werte wie Fairness oder Respekt zu vermitteln, sagt Alon Meyer. Egal welche Herkunft oder Religion man habe. Die Kinder sollen lernen, wie man gut mit Konflikten und Anfeindungen umgeht und der Verein bietet ihnen dazu einen sicheren Rahmen. Für seinen Einsatz für Demokratie und Vielfalt und gegen Antisemitismus hat Präsident Meyer erst vor kurzem das Bundesverdienstkreuz bekommen.

"Makkabi Frankfurt" wächst. Und viele Jugendliche engagieren sich als Trainer oder Betreuer, wenn sie älter sind: "Das sind genau die Botschafter, die wir brauchen, um die Vorurteile in den Communities abbauen", sagt Meyer.

Forscher: Vereinsorganisation hat sich verändert

Aber nicht jeder Verein hat so viel Nachwuchs. Viele Vereinsvorstände klagen laut Peter Schubert über mangelnde Bereitschaft, langfristige Verantwortung zu übernehmen und Vorstandsposten zu besetzen. Bei einer Befragung 2023 hatte die Hälfte aller Vereinsvorstände angegeben, "überhaupt nicht mehr genug Leute" für Vorstandspositionen finden. Ein Lösungsvorschlag: Mit Verantwortlichkeiten rotieren oder Aufgaben mehr aufteilen.

Engagement wird tendenziell ungebundener und etwas projektartiger.

Die Studie des Stifterverbands für die Deutsche Wirtschaft e.V. zeigt, dass es seit 2022 mehr Neugründungen als Vereinsauflösungen bundesweit gibt. Der Zuwachs liegt bei etwa 10.000 Vereinen. "Das heißt nicht unbedingt, dass auch mehr Menschen Lust aufs Ehrenamt haben", ordnet Schubert ein. Vielmehr liege es daran, dass sich Engagement organisatorisch verändert habe. Denn viele Geldgeber verlangen einen Rechtsstatus oder die Anerkennung der Gemeinnützigkeit. "Das kann natürlich dazu führen, dass sich auch Initiativen im Laufe der Zeit überlegen, 'wir sollten doch einen Verein gründen, damit wir einen besseren Zugang zu Fördermitteln bekommen'."

Bürokratie lähme das Ehrenamt

Wie sehr Bürokratie das Ehrenamt belastet, hat die "Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt" untersucht. Ihr Vorstand Jan Holze sagt: "Sechseinhalb Stunden pro Woche verbringt ein durchschnittlich großer Verein mit bürokratischen Lasten." In einer aktuellen Befragung der Stiftung gab eine knappe Mehrheit an, dass die bürokratische Belastung in den letzten fünf Jahren zugenommen habe.

42 Tage oder sechseinhalb Stunden pro Woche verbringt ein durchschnittlich großer Verein mit bürokratischen Lasten.

Wenn Engagement durch Bürokratie schwieriger und unsicherer wird, sinke die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, so Holze. Schon jetzt sei die Zahl der Engagierten zurückgegangen. Gleichzeitig würden immer mehr Vereine gegründet, sodass man auf einen "Konkurrenzkampf" um die wenigen Menschen zu laufe, die noch bereit sind, Vorstands- und Leitungsfunktionen zu übernehmen.

Holze wünscht sich von der Politik vereinfachte Genehmigungsverfahren, gebündelte Vereinsregister oder feste Ansprechpartner in Finanzämtern. Und er plädiert dafür, Vereine vor Ort zu entlasten: Denn wenn Dorffeste zu bürokratisch würden, hätten die Leute keine Lust mehr darauf, sie zu organisieren.

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