Ein bisschen versteckt ist sie schon, die Wand für die heimatlosen Kruzifixe. Es geht eine enge Wendeltreppe im Turm der Georgskirche in Ulm hinauf. Es folgt ein Absatz, dann wird der Aufstieg noch enger. Eine Tür öffnet sich und gibt den Blick frei auf Dutzende Kreuze.
Herr über die Wand ist Günter-Klaus Drollinger. Seit mehr als sechzig Jahren arbeitet der Ulmer in der Pfarrgemeinde St. Georg ehrenamtlich. Wohl niemand kennt die Kirche so gut wie er. Daher kam der 81-Jährige vor etwa 20 Jahren auch auf die Idee, was mit geerbten Kruzifixen passieren könnte.
Hilferuf im Pfarrbüro: Was tun mit dem Kruzifix
Die Kreuze kamen nämlich immer wieder im Pfarrbüro neben der Kirche an, erzählt Drollinger. Erbstücke, die niemand haben wollte. Doch wegwerfen will sie eben auch niemand. "Da wussten die nicht, was sie mit den Kreuzen machen sollten. Und so haben sie es halt uns gebracht und es sind immer mehr geworden. Und wir wussten auch nicht, was man mit denen machen soll. Und da kam dann die Idee auf, sie hier oben im Turm, wo Platz noch für sehr viele Kreuze ist, aufzuhängen."
Und da kam dann die Idee auf, sie hier oben im Turm, wo Platz noch für sehr viele Kreuze ist, aufzuhängen.
Zur letzten Heimstatt ist das Turmzimmer direkt unter dem Glockenturm geworden. Ein wenig unspektakulär, in manchen Ecken werden noch alte Dachziegel gelagert, Besucher müssen über eiserne Querstreben steigen. Doch es gibt viel Wandfläche hier, so Günter-Klaus Drollinger. Und die ist längst nicht voll.
Das größte Holzkreuz hängt hier schon am längsten. Es ist auch das Schönste, sagt Drollinger. Die anderen Kreuze sind kleiner, mal wertvoll, mal einfach gemacht. Groß und klein. Langsam nagt der Zahn der Zeit an ihnen, aber das sei durchaus gewollt. Erst vor wenigen Tagen kamen drei neue Kreuze hinzu, erzählt er. Mit einem Schreiben der Frau.
"Sie sagt, dass sie das erfahren hat und sie sehr froh ist, dass die Kreuze, die sie von ihrer Tante geerbt hat, jetzt auch weiterhin aufbewahrt werden können. Sie hat dann sogar noch einen Geldschein für die Renovierung der Kirche beigelegt und ist wahrscheinlich sehr froh, dass das so geklappt hat", erzählt der 81-Jährige.
Ein Herrgottswinkel in jedem Haus
Das Kreuz hat früher einfach zum Leben der Familien dazugehört, erzählt Günter-Klaus Drollinger. Meist gab es irgendwo im Haus einen sogenannten Herrgottswinkel, wo das Kreuz war und wo man dann gebetet hat.
"Manchmal steht auch noch eine Maria dabei oder sonst eine heilige Figur, die eine besondere Bedeutung für die Familie hat. Dann sind meistens noch Palmkätzchen von Ostern dabei", erzählt der 81-Jährige. Zu finden seien die Winkel noch in ländlichen Gegenden. Aber er kenne auch Wohnungen in der Stadt, in denen es einen Herrgottswinkel gebe.
Doch auch, wenn die Herrgottswinkel aus vielen Haushalten verschwunden sind - wegwerfen möchte die Kruzifixe niemand. Diese Erfahrung macht auch Christine Frey im Pfarrbüro. Vielen ginge es darum, "dass ihre Kreuze einen ehrwürdigen Platz bekommen und dass sie bei uns am richtigen Ort sind".
Das Kreuz als Symbol des Segens und des Schutzes
Dem stimmt Pfarrer Michael Estler zu. Ein Kreuz begleite einen Menschen ein ganzes Leben, sagt er. Er schenke Eltern bei der Taufe ein kleines Kreuz für das Kinderzimmer. Die Eltern nähmen das sehr gerne an. "Das zeigt, dass dieses Zeichen die Menschen ein ganzes Leben lang begleitet und als Symbol des Schutzes und des Segens gesehen wird."
Günter-Klaus Drollinger spürt außerdem ein großes Interesse an der Kirche. Seit Jahrzehnten führt er Gruppen durch die Georgskirche. Die Wand mit den Kreuzen wecke jedes Mal Interesse und öffne die Tür für Spekulationen. So sei er schon gefragt worden, wo die Urnen sind. Ein Besucher vermutete, dass es sich um eine Grabstätte handelte.
Ich geb's nur her, wenn ich sicher bin, dass sie es nicht einfach verkaufen wollen, sondern dass sie es für sich wollen.
Einige Kruzifixe finden ein neues Zuhause
Für die Kruzifixe muss die Wand im Turm der Georgskirche allerdings nicht die letzte Station sein. Der 81-Jährige gibt durchaus ein Kreuz wieder her. Es gebe immer mal wieder Interessenten. Er müsse aber sicher sein, dass das Kreuz nicht einfach weiterverkauft wird, sondern bei seinem neuen Besitzer bleibt.