Bei einer Straftat oder einem schweren Unfall gilt alle Aufmerksamkeit den Opfern und ihren Angehörigen - vollkommen zu Recht. Mit den Tätern will kaum einer etwas zu tun haben.
Verschuldeter Unfall oder Mord - wie umgehen mit schwerer Schuld?
Leben mit schwerer Schuld. Das ist eine Aufgabe, die Menschen wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang begleitet: die Ärztin, die einen Kunstfehler begeht, der Bauer, der mit dem Traktor versehentlich seinen Enkel überfährt. Die Fahranfängerin, die einen Radfahrer übersieht und schwer verletzt. Noch schwerer wiegt die Schuld, wenn die Tat vorsätzlich passiert ist. Kein Unfall, kein Unglück, sondern Absicht.
Täter werden allein gelassen
Menschen, die für das Schicksal eines anderen verantwortlich sind, müssen mit dieser Bürde in der Regel ganz allein weiterleben. Mit den Tätern will kaum jemand etwas zu tun haben. Mit Mördern schon mal gar nicht. So sind sie oft mit ihren überwältigenden und existenziellen Gefühlen überfordert, so die Traumatherapeutin Verena König.
Statt Vergebung erwarten - Verantwortung übernehmen
Einen wirklichen Ausgleich im Sinne von Entschuldigen und Verzeihen gibt es nicht. Der einzige Weg zurück ins Leben besteht darin, zunächst einmal Verantwortung zu übernehmen. Wer sich schuldig macht, wer einem anderen Leid antut, wünscht sich meist nichts mehr, als dass er sich entschuldigen kann und dass ihm verziehen wird. Bei solch einer schweren Tat, so der Philosoph und Theologe Dr. Christoph Quarch, versagen jedoch alle Konzepte von Verzeihen und Vergeben. Es entsteht ein Vakuum.
Hier müssen wir tatsächlich mit der Situation klarkommen, dass es Dinge gibt, die schlicht und ergreifend unverzeihlich sind.
Beichten und dadurch Vergebung finden?
Dr. Katharina von Kellenbach ist evangelische Theologin und Professorin an der Uni Dortmund. Sie kritisiert, dass im christlichen Kontext die vorbehaltlose Vergebung das Ziel ist, anstatt zu betonen, dass die Menschen Verantwortung übernehmen müssen.
Angehörige und der lange Trauerschatten
Katharina Afflerbach dazu: „Ich kann ihm nichts wegnehmen, ich kann nichts aufheben und ausradieren, was er gemacht hat. Ein Fehler ist ein Fehler. Und der bleibt da mit einer eklatanten Folge. Sie veranstaltet seitdem ein „Dinner for Life“ - ein Spendenabendessen mit wildfremden Gästen für einen guten Zweck. Das Abendessen dient als ein Stück Trauerverarbeitung. Der Unfallfahrer spielt für sie heute keine Rolle mehr.
Die Einhundertachtzig-Grad-Wende
Hagen Braun hat die Seiten gewechselt. Heute, knapp 30 Jahre nach dem Mord, arbeitet er als Anti-Aggressionstrainer für jugendliche Gewalttäter. Hagen Braun dazu: „Ich kann das nie wieder gutmachen, dafür gibt’s keine Entschuldigung .Wenn ich nur einen erreiche im Kurs, der darüber nachdenkt, nicht zuzuschlagen, dann habe ich für mein Empfinden ein bisschen was wieder gutgemacht". Es vergeht kaum ein Tag, an dem Hagen Braun nicht an seine Schuld erinnert wird. Seit dem Tag des Mordes, so beteuert er, habe er keinerlei Gewalt mehr angewendet und engagiert sich in der Opfer-Täter-Hilfe