Doch anonyme Notunterkünfte sind rar. Susanne Babila hat mit Frauen gesprochen, die von Zwangsheirat bedroht oder betroffen sind.
Wieviel Frauen sind von Zwangsheirat betroffen?
Wieviel junge Frauen bundesweit von Zwangsverheiratung bedroht oder betroffen sind – dazu gibt es kaum valide Daten. Nur wenige Fälle sind in der polizeilichen Kriminalstatistik erfasst. Die Dunkelziffer ist hoch. Sich Außenstehenden, gar der Polizei, anzuvertrauen ist ein Tabu. Der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung führte vor drei Jahren eine Umfrage in weit über eintausend Einrichtungen durch. Das Ergebnis: In knapp 500 Fällen (496) war eine Zwangsheirat geplant oder bereits erfolgt. Und das allein in der Hauptstadt. Mehr als 90 Prozent der Betroffenen waren Mädchen.
Also die Anfragen steigen stetig in den letzten Jahren und wir bräuchten viel mehr Personal und auch mindestens einen dritten Notplatz, welches vom Land finanziert ist.
In der Stuttgarter Beratungsstelle der evangelischen Gesellschaft „Yasemin“ wurden vergangenes Jahr 600 Anrufe registriert. Junge Frauen und Mädchen, aber auch Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen oder Integrationsmanagerinnen baten um Hilfe. Die Zahl der Anfragen steige jährlich, so Einrichtungsleiterin Aisha Kartal (Pseudonym). Sie hat einen Schutznamen aus Sicherheitsgründen.
Warum werden Mädchen in eine Ehe gezwungen?
Studien zu Zwangsheirat zeigen, dass das Phänomen weltweit verbreitet ist und hauptsächlich junge Frauen und Mädchen betrifft, oft in Verbindung mit sozialer Isolation, familiärem Druck und fehlender Bildung. In patriarchalen Gesellschaften geht es in einer Ehe nicht um Liebe, sondern um eine Interessensbeziehung. Aus dieser Logik sei es völlig „normal“, dass ein Familienmitglied sich opfere, damit es dem Kollektiv gut geht.
Zwangsheirat ist eine patriarchale, keine religiöse Tradition und kommt in streng traditionellen christlichen, hinduistischen oder muslimischen Familien vor. Auch in Deutschland. Dabei spielt häufig die Community eine bedeutende Rolle, die den Druck auf die Familie erhöht.
Je traditioneller, je konservativer und je patriarchaler Gesellschaften sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Frauen vor allem von Zwangsheirat bedroht sind.
Durch die Verheiratung der jungfräulichen Tochter soll das Ansehen der Familie gesichert werden. Die Sexulalität der Mädchen wird durch die Hochzeit kontrolliert und nur innerhalb der Ehe geduldet. Alles andere gilt als Beschädigung der Ehre. Auch werden Mädchen gegen ihren Willen verheiratet, weil sie sich angeblich nicht „richtig“ verhalten haben, zum Beispiel weil sie einen Freund haben, den die Familie nicht akzeptiert oder Freiheiten wie andere Gleichaltrige einfordern.
Was tun gegen Zwangsverheiratung?
Zwangsheirat findet meist im Verborgenen statt. Zwar ist Zwangsheirat in Deutschland seit 2011 unter Strafe gestellt und kann mit bis zu 5 Jahren geahndet werden. Doch zur Polizei zu gehen oder mit anderen über Zwangsheirat zu sprechen, ist in traditionellen Communities ein Tabu. Die betroffenen jungen Frauen und Mädchen trauen sich häufig nicht Anzeige gegen ihren Vater, Onkel oder Bruder zu erstatten. Zwangsheirat findet im Verborgenen statt.
Migrantenorganisationen müssen viel stärker Kampagnen durchführen und sagen, das ist eine Schande. Das hat nichts mit Ehre zu tun, wenn ein Mensch gefangen gehalten wird in irgendeiner Beziehung
Deshalb ist die Schule ein wichtiger Vertrauensort. Dort können Mädchen darüber sprechen oder auf sich aufmerksam machen. Lehrerinnen oder Schulsozialpädagoginnen sind wichtige Ansprechpartner. Es werden auch Präventionsangebote an Schulen durchgeführt, doch reichten die Maßnahmen nicht aus, kritisieren Expertinnen. Auch auf Jugendämtern, bei der Polizei oder in Flüchtlingsunterkünften sollte nicht nur vor den Sommerferien, sondern regelmäßig sensibilisiert werden.
Auch Migrantenorganisationen und Imame sollten sich öffentlich gegen Zwangsheirat äussern, fordert Experte Prof. Jan Ilhan Kizilhan. Der Traumatherapeut leitet das Institut für transkulturelle Gesundheitsforschung. Denn sowohl Migrantenorganisationen als auch Imame haben Einfluss auf betroffene Familien. Sie müssen klarstellen, dass Zwangsheirat keine religiöse Tradition, sondern eine schwere Menschenrechtsverletzung ist.