Zwangsheirat ist ein globales Problem: Auch in Deutschland werden Mädchen und junge Frauen gegen ihren Willen verheiratet. Expertinnen beobachten eine Zunahme an Hilfesuchenden - gleichzeitig gibt es zu wenig Angebote für Betroffene. Irem (Name geändert) war 17 Jahre alt, als sie von Zuhause floh. Sie sollte einen Mann heiraten, den sie weder liebte noch kannte. Irems Familie hat türkische Wurzeln und lebt in der dritten Generation in Deutschland. Sie sind gut situiert, wohlhabend, unauffällig, sagt Irem. Zu Hause lebe die Familie nach strengen traditionellen Strukturen, in denen sich die Frau zu fügen hat.
- Zwangsheirat: eine patriarchale Tradition
- Irem: Geflüchtet vor der Zwangsehe
- Hilfsangebote in BW
- Dunkelziffer der Zwangsehen hoch
Zwangsheirat ist eine patriarchale Tradition
In patriarchalisch-traditionellen Familien geht es bei der Ehe meist nicht um Liebe, sondern um Interessensbeziehungen. Durch die Verheiratung der jungfräulichen Tochter wird das Ansehen der Familie gesichert. Sexualität wird bei Frauen nur innerhalb der Ehe geduldet. Alles andere gelte als Verletzung der Familienehre, erklärt Irem.
Es wurde einem einfach aufgezwungen. Und dann war schon klar, dass ich ihn heiraten muss. Mein Onkel hat mir in die Augen gesagt, dass er mich finden und lebendig begraben wird, falls ich etwas machen sollte oder versuche wegzugehen.
Irem flüchtete vor der arrangierten Ehe und ihrer Familie
Irems Hochzeit wurde vorbereitet, Küchengeräte und Kleider für den Hausstand gekauft. Die damals 17-Jährige war noch in Ausbildung. Mit der Ehe hätte sie ihre beruflichen Ziele aufgeben und die Rolle als Ehefrau einnehmen und Kinder bekommen müssen. Das wollte sie nicht. Sie rief das Jugendamt an und plante die Flucht.
Irem konnte sich niemandem in der Familie anvertrauen, denn auch Mütter, Tanten, Schwestern und Brüder werden verpflichtet, die Familienehre zu schützen. Als sie den Verdacht hatte, die Familie könne etwas ahnen, musste alles ganz schnell gehen. An einem Morgen zog sie mehrere Hosen und Pullis übereinander an und versteckte in ihrer Tasche ihren Personalausweis, ihre Zeugnisse und etwas Geld. Ihrem Bruder drückte sie noch einen letzten Kuss auf die Stirn, dann schloss sie die Tür hinter sich. Für immer.
Zwangsheirat: Fast 600 Hilferufe im vergangenen Jahr in Stuttgarter Beratungsstelle "Yasemin"
Irems Geschichte ist kein Einzelfall. In der Stuttgarter Beratungsstelle der evangelischen Gesellschaft "Yasemin“ wurden vergangenes Jahr 600 Anrufe registriert. Junge Frauen und Mädchen, die betroffen waren, aber auch Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen oder Integrationsmanagerinnen baten um Rat und Hilfe. Die Zahl der Anfragen steige jährlich, so Einrichtungsleiterin Aisha Kartal (Pseudonym). Auch sie möchte aus Sicherheitsgründen anonym bleiben.
Neue SWR-True-Crime-Serie Orange Day setzt Zeichen gegen Gewalt an Frauen
Zum Orange Day wird auf Gewalt an Frauen aufmerksam gemacht. Auch die neue SWR True Crime-Serie befasst sich mit Femiziden und eine große Studie analysiert Gewalt an Frauen.
Das Thema Gewalt an Frauen ist oft noch ein Tabuthema. In dem neuen YouTube-Format "SWR Aktuell - Im Namen der Opfer" werden True Crime-Fälle aus Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg erzählt, in denen Frauen Opfer männlicher Gewalt wurden.
Mehr Zufluchtsorte in Baden-Württemberg werden benötigt
In der anonymen Wohnunterkunft ROSA in Stuttgart können 15 Mädchen und junge Frauen langfristig unterkommen. Darüber hinaus bieten Aisha Kartal und ihr Team seit fünf Jahren in der Kurzzeit-Notaufnahme NADIA sechs Plätze für Frauen an, die nicht älter als 27 Jahre sind.
Wir benötigen dringend in der anonymen Kurzzeit-Zuflucht einen weiteren Platz, der vom Land finanziert wird.
Zwei dieser Plätze werden vom Land Baden-Württemberg finanziert. Das sei aber zu wenig, denn die Anfragen steigen in den letzten Jahren stetig, sagt die Leiterin. Die Mitarbeitenden mussten im vergangenen Jahr und im Jahr zuvor jeweils 54 jungen Frauen absagen, die dringend einen fachspezifischen Notaufnahmeplatz gebraucht hätten.
Dunkelziffer der Zwangsehen in Deutschland ist hoch
Wie viele junge Frauen bundesweit von Zwangsverheiratung bedroht oder betroffen sind, dazu gibt es kaum valide Daten. Nur wenige Fälle sind in der polizeilichen Kriminalstatistik erfasst. Die Dunkelziffer ist hoch. Sich Außenstehenden, gar der Polizei, anzuvertrauen ist ein Tabu.
Zwangsheirat ist in Deutschland seit 2011 strafbar. Es drohen bis zu fünf Jahre Haft. Doch die jungen Frauen trauen sich nicht, ihre Eltern anzuzeigen, obwohl das Gesetz ihnen Schutz bietet. Zu stark sind die familiären Bindungen und zu groß die Angst, dann doch gefunden, brutal bestraft oder gar getötet zu werden. Der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung führte vor drei Jahren eine Umfrage in weit über 1.000 Einrichtungen durch. Das Ergebnis: In knapp 500 Fällen war eine Zwangsheirat geplant oder bereits erfolgt. Und das alleine in der Hauptstadt. Mehr als 90 Prozent der Betroffenen waren Mädchen.
Eine der größten Veränderungen ist, wie ich zu mir selbst stehe. Ich habe früher viel auf die Ehre und auf meinen Stolz geachtet. Heute ist es mir egal, was andere über mich denken oder sagen. Solange ich glücklich bin, kann mir keiner mein Glück nehmen.
Irem: Ausbruch aus der patriarchalen Struktur
Irem lebt seit drei Jahren in einer anonymen Wohnunterkunft. Sie werde von ihrer Familie immer gesucht werden, sagt sie, aber sie wisse auch, dass sie hier sicher sei. Die 20-Jährige will ihre Ausbildung beenden und später studieren. Sie habe gelernt, "Nein" zu sagen, um Grenzen zu setzen, die eigene Würde zu wahren und sich selbst zu schützen.