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"Body Shaming" – Wie dicke Menschen diskriminiert werden

"Dick sein" wird in Deutschland oft gleichgesetzt mit Trägheit, ungesundem Essverhalten, einer Charakterschwäche oder Disziplinlosigkeit. Gleichzeitig gelten weit über die Hälfte aller Deutschen als übergewichtig.

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Von Autor/in Silvia Plahl

Beleidigen, Mobben und Ausgrenzen übergewichtiger Menschen

Das Phänomen, einen Mensch aufgrund seines Äußeren abzuwerten, wird heute "Body Shaming" genannt. Und "Fat Shaming", das Beleidigen, Mobben und Ausgrenzen übergewichtiger Menschen, gilt inzwischen als Hauptgrund für die körperliche Diffamierung. Es heißt, dicke Menschen seien weniger leistungsfähig, sie hätten kein Gesundheitsbewusstsein, ihnen fehlte es an Hygiene.

Die gesetzliche Ersatzkrankenkasse DAK kam nach einer Befragung 2016 auf eine sehr hohe Zahl an Menschen mit einer diskriminierenden Haltung gegenüber übergewichtigen Menschen im "XXL-Report – Meinungen und Einschätzungen zu Übergewicht und Fettleibigkeit": "71 Prozent der Bevölkerung finden stark Übergewichtige unästhetisch. Jeder Achte vermeidet bewusst Kontakt zu Betroffenen."

Diese Voreingenommenheit hat Folgen, wie Studien immer wieder zeigen. Kinder und Jugendliche mobben und hänseln andere, weil diese dick sind – und die Mobbingopfer nehmen daraufhin oft noch mehr zu. Betriebe stellen hochgewichtige Menschen nicht ein oder bezahlen sie schlechter. Das ganze Privatleben dicker Menschen ist eingeschränkt. Auch Medizinerinnen und Ärzte zeigen immer wieder ein sogenanntes "Fat Shaming" – sie möchten hochgewichtige Patienten kaum anfassen, untersuchen sie zögerlicher, übersehen oder ignorieren ihre eigentlichen Beschwerden.

Body-Mass-Index entscheidet über Körpernormen

Ab wann ein Körper offiziell als "dünn", "dick" oder "normal" gilt, kategorisiert der sogenannte Body-Mass-Index BMI. Das ist eine statistische Messgröße, die noch aus dem 19. Jahrhundert stammt: Körpergewicht durch Körpergröße zum Quadrat. Diese Zahl macht die menschlichen Körper vergleichbar.

1997 legte die Weltgesundheitsorganisation für alle fest – Kritiker sagen, im Einvernehmen mit der Pharmaindustrie: Menschen ab einem BMI von 25 sind "übergewichtig". In Deutschland werden demnach aktuell 67 Prozent der Männer und 55 Prozent der Frauen generell als übergewichtig eingestuft, also über die Hälfte der Bevölkerung.

Fett ist mehr als nur ein Energiespeicher

Der Mediziner Jürgen Ordemann leitet das Zentrum für Adipositas und metabolische Chirurgie einer städtischen Berliner Klinik. Zu ihm kommen Frauen und Männer mit einem BMI über 30. Sie gelten als adipös, also fettleibig. Die vorherrschende Meinung zum Übergewicht hält Jürgen Ordemann für ein rückständiges Denken – verbunden mit Mythen, die nicht zu rechtfertigen sind. Denn Zellen im Fettgewebe speichern nicht nur Energie. Sie bilden auch Hormone und Entzündungsparameter, die sich im Körper ausbreiten, ins Gehirn gelangen und dort die Hunger- und Sättigungszentren beeinflussen. Viele Menschen merken dann zum Beispiel zu spät, dass sie satt sind und essen über das Maß hinaus, das ihrem Körper gut tut. Dieser Gefahr, sagt der Mediziner, sind eigentlich heutzutage alle ausgesetzt.

Leichtes Übergewicht erhöht die Lebenserwartung

Ein Appell an Medizin und Gesundheitswesen ist notwendig. Denn aktuelles Fachwissen kann ein diskriminierendes Verhalten verhindern. Zum Beispiel, dass ein leichtes Übergewicht die Lebenserwartung sogar erhöht, wie Studien in den USA und in Dänemark gezeigt haben. Und es fällt auf, dass es Patientinnen und Patienten auf den Intensivstationen besser geht, wenn sie mehr Körperreserven mitbringen.

Allerdings: Übergewichtige Menschen leben mit großen gesundheitlichen Gefährdungen. Gelenkprobleme können auftreten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes. Viele geraten schnell außer Puste. Bei einer Corona-Infektion scheinen Übergewicht und die chronische Erkrankung Adipositas das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf zu erhöhen, so das Robert-Koch-Institut.

"Fat Studies": Diskriminierung dicker Menschen erforschen und auflösen

Friedrich Schorb vom Institut für Public Health der Universität Bremen versucht in Deutschland mit Gleichgesinnten die sogenannten "Fat Studies" bekannter zu machen, die sich in den USA und in Großbritannien schon länger etabliert haben. Seit einigen Jahren befassen sich nun auch hierzulande vor allem Wissenschaftlerinnen aus der Psychologie, aus Gesundheit und Pflege, der Soziologie und Sozialen Arbeit und auch aus Kunst und Kultur damit, wie man die Diskriminierung dicker Menschen erforschen und enttarnen kann, um sie aufzulösen.

"Gewicht" als Diskriminierungsmerkmal im Gesetz verankern, um Rechte erstreiten zu können

Für Manche sind erfolgreiche Prominente wie die amerikanische Rocksängerin Beth Ditto oder die belgische Ärztin und ehemalige Gesundheitsministerin Maggie de Block gute Vorbilder. Daneben soll ein Schlagwort wie "Body-Positivity" helfen: Das gute Verhältnis zum eigenen Körper, ganz unabhängig davon, wie er aussieht. Doch dahinter, warnt Friedrich Schorb, lauert möglicherweise ein neues Dogma. Denn Begriffe wie "Body-Positivity" und "Body-Shaming" lenken mehr Aufmerksamkeit auf die Diskriminierung, Beleidigung und Ausgrenzung dicker Menschen – sie sorgen aber nicht dafür, dass sich dicke Menschen ihre Rechte erstreiten können.

Und dafür kämpft Natalie Rosenke. Sie ist seit 2015 Vorsitzende der „Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e.V.“ – einer politischen Interessenvertretung in Berlin – und als Expertin gefragt. Rosenke will "Gewicht" als Diskriminierungsmerkmal in den Gesetzen auf Bundes- und Landesebene verankern. Rosenke hat zum Beispiel schon erreicht, dass sich die SPD-Politikerin Susanne Fischer im Land Berlin gegen das Gewichts-Stigma einsetzt. Denn die Aufgabe der Politik ist es, Opfern von Diskriminierung rechtliche Möglichkeiten zu geben, sich zu wehren. Und so kann man gleichzeitig auch aufzeigen, dass Gewichtsdiskriminierung genau das ist: Diskriminierung von Menschen.

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Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Silvia Plahl
Silvia Plahl
Onlinefassung
Ulrike Barwanietz
Candy Sauer