SWR2 Wissen

Krebs bekämpfen mit Kurkumin und Akupunktur? – Wann Komplementärmedizin ratsam ist

Das beste und verträglichste Naturheilverfahren zur Begleitung einer medizinische Krebstherapie ist Sport. Ob und welche Pflanzen oder Nahrungsergänzungsmittel nützlich sind, steht in der neuen S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen Patient*innen.

Teilen

Stand

Von Autor/in Dorothea Brummerloh

Komplementärmedizin: begleitend – aber kein Ersatz für Krebstherapie

Komplementärmedizin ist – wie der Name sagt – eine begleitende Medizin, kein Ersatz für eine Krebstherapie.

Damit Ratsuchende während einer Krebstherapie sich nicht im Internet verlieren, sich auf unseriöse, ja sogar lebensgefährliche Selbstversuche einlassen, hat Jutta Hübner zusammen mit anderen Fachleuten die sogenannte S3-Leitlinie für Komplementärmedizin herausgegeben. Jutta Hübner ist Professorin für integrative Onkologie an der Universitätsklinik Jena.

Klare Soll-Empfehlung: Krebs-Patienten müssen körperlich aktiv sein

Während eine S1-Leitlinie lediglich die gemeinsame Meinung einer Expertengruppe wiedergibt, wird für eine S3-Leitlinie eine große Zahl wissenschaftlicher Studien detailliert ausgewertet und hinsichtlich ihrer Relevanz und Qualität eingeschätzt. Erstmals wurden „Soll-“, „Sollte-“ und „Kann-“Empfehlungen auf Grundlage wissenschaftlicher Daten in der Komplementärmedizin ausgesprochen.

Das bedeutet: Eine „Soll“-Empfehlung ist extrem ratsam, gefolgt von „Sollte-“ und „Kann-Empfehlungen“. Allen voran hat körperliche Aktivität beispielsweise in der S3-Leitlinie eine „Soll“-Empfehlung bekommen. Das heißt, das ist sozusagen etwas, was Krebs-Patienten wirklich machen müssen, bestätigt Prof. Jutta Hübner.

Laut der neuen S3-Leitlinie zu Komplementärmedizin bei Krebstherapien eignen sich sportliche Aktivitäten besonders im Zusammenhang mit einer Krebstherapie – dazu zählen auch sanfte Sportarten wie Yoga und Qigong
Laut der neuen S3-Leitlinie zu Komplementärmedizin bei Krebstherapien eignen sich sportliche Aktivitäten besonders im Zusammenhang mit einer Krebstherapie – dazu zählen auch sanfte Sportarten wie Yoga und Qigong

Sport machen und den Vitamin-D-Spiegel im Auge behalten

Die Studie geht weiter ins Detail und bewertet die Qualität von verschiedenen Bewegungsarten nach Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit, Geschicklichkeit. Auch die Empfehlung zur Messung und Substitution des eigenen Vitamin-D-Spiegels habe in der Studie eine klare Empfehlung bekommen, so Jutta Hübner.

Akupunktur kann Nebenwirkungen lindern

Petra Voiß ist Oberärztin der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin, Evang. Kliniken Essen-Mitte. Sie verweist auf Daten aus den USA: Ärzte der Yale School of Medicine haben in der National Cancer Database der USA die Daten von Patienten mit nicht metastasierten Malignomen der Brust, der Prostata, der Lunge und des Kolorektums – also Dick- und Enddarm – analysiert, die auf jede konventionelle Therapie ihrer prinzipiell noch heilbaren Tumoren verzichtet hatten. Das hat sich schlicht lebensverkürzend ausgewirkt. Wer eine konventionelle Krebstherapie macht, kann aber vieles zusätzlich tun: "Wir bieten auch Akupunktur an, um Nebenwirkungen zu lindern. Und wir machen Ausdauer- und Krafttraining. In der neuen S3-Leitlinie zur Komplementärmedizin in der Behandlung onkologischer Patienten haben diese Verfahren alle eine „Kann-“ oder „Soll-“Empfehlung."

Warnung vor Wechselwirkungen: keine Grapefruit, Vorsicht bei Kurkuma und Johanniskraut

Auf großes Interesse stoßen bei Patientinnen und Patienten aber auch Nahrungsergänzungsmittel und Phytotherapie, also die Behandlung mit Heilpflanzen. Die Misteltherapie beispielsweise ist in der Leitlinie als „Kann“-Verordnungsmöglichkeit dargestellt. Diese Empfehlung gilt jedoch laut Leitlinie nicht für alle Krebsarten.

Neben den Empfehlungen, die in der S3-Leitlinie für die unterschiedlichsten Symptome und Erkrankungen aufgelistet sind, geht es daher auch um die Vermeidung von Wechselwirkungen. Das Gespräch und Vertrauen zwischen Patienten und medizinischem Personal ist hier entscheidend.

Onkologische Patienten sollten wissen, dass sie keine Grapefruit zusammen mit Krebsmedikamenten essen sollten, so der allgemeine Hinweis von Experten. Auch hochkonzentrierte Johanniskrautextrakte sollten laut der neuen Studie mit den meisten anti-tumoral wirksamen Substanzen nicht kombiniert werden. Sie stimulieren ein Enzym in der Leber, sodass die Substanzen möglicherweise schneller abgebaut werden als gewünscht. Auch von Kurkuma sind unerwünschte Wechselwirkungen bekannt.

Laut S3-Leitlinie zur Komplementärmedizin bei Krebstherapien eignet sich eine Misteltherapie nicht für jede Krebsart
Laut S3-Leitlinie zur Komplementärmedizin bei Krebstherapien eignet sich eine Misteltherapie nicht für jede Krebsart

Leitlinie mit Kriterienliste für seriöse Anbieter von Komplementärmedizin

Weil Patienten solche Feinheiten nicht wissen können, finden sie fachkompetente Beratung bei einem gut ausgebildeten Komplementärmediziner. Auch hier hilft die neue Leitlinie den onkologischen Patienten und Patientinnen mit einer Kriterienliste für seriöse Anbieter von Komplementärmedizin.

Die S3-Leitlinie Komplementärmedizin steht im Internet und ist – in der Vollversion für Ärztinnen und Ärzte – über 600 Seiten lang. Im Anhang der Leitlinie finden Patienten zudem einen Fragebogen. Dort können sie zum Beispiel ankreuzen, ob sie Phytoöstrogene, Selen oder Vitamine einnehmen, ob sie fasten oder Heiltee trinken. Das „Ampelprinzip“ zeigt, ob etwas gut ist oder eben nicht, und ob sie das Gespräch mit ihrem Arzt suchen sollten.

Gesundheit Vitamin-D-Präparate – Wem nützen sie wirklich?

Einen Vitamin-D-Mangel hat jeder zweite Deutsche. Macht das anfälliger für bestimmte Krankheiten? Die Corona-Pandemie hat der Vitamin-D-Forschung einen Schub verpasst. Wie sinnvoll sind die Präparate?

SWR2 Wissen SWR2

Gesundheit Wie gesund ist Tee? – Mythen und Wahrheiten

Kurzfristig steigert grüner Tee die Konzentrationsfähigkeit, oft auch die Stimmung, das Koffein kann leicht euphorisierend wirken. Krankheiten beugt er allein nicht vor.

Das Wissen SWR Kultur

Medizin Neue Studie: Westliche Ernährung kann Darmkrebs begünstigen

Wenig Ballaststoffe in der Nahrung begünstigen Krebserkrankungen. Das belegt erneut eine Studie. Was kann man daraus lernen? Welche Ernährung begünstigt Darmkrebs? Was passiert da im Körper? Gibt es im Umkehrschluss eine Ernährung, die vor Darmkrebs schützt?
Jochen Steiner im Gespräch mit dem Ernährungswissenschaftler Sören Ocvirk, TU München und Deutsches Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke.

Impuls SWR Kultur

Medizin Stuttgart: Was kann der neue OP-Roboter „da Vinci“

„Da Vinci“ heißt ein Roboter-System, das Ärztinnen und Ärzte bei einer Operation unterstützen kann. Damit können Chirurgen minimalinvasiv und sehr präzise arbeiten, vor allem bei
urologischen Eingriffen und in der Darmkrebschirurgie.
Jochen Steiner im Gespräch mit Prof. Hannes Neeff, Diakonie-Klinikum Stuttgart

Impuls SWR Kultur

Gesundheit Gesund zunehmen – Was hilft bei Gewichtsverlust?

Wer aufgrund einer Darmerkrankung, Krebs, Stress oder altersbedingtem Muskelabbau Gewicht verloren hat, benötigt oft Unterstützung beim Zunehmen. Das geht mit proteinreicher Kost.

Das Wissen SWR Kultur

Gesundheit Krebs, Herzinfarkt und Co: Kann dieses KI-Modell Krankheiten voraussagen?

Schon jetzt wissen, wie sich der Gesundheitszustand einer Person im Laufe ihres Lebens verändern könnte – das soll ein neues KI-Tool möglich machen. Wie funktioniert das? Was sind die Vorteile, was die Risiken?
Christoph König im Gespräch mit Prof. Dr. Moritz Gerstung, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)

Impuls SWR Kultur

Onkologie Langzeitfolgen von Krebs: Passgenaue Nachsorge für junge Menschen

Die Heilungschancen für Krebs sind insbesondere bei jungen Menschen in der Regel gut. Doch auch wenn eine Krebstherapie erfolgreich ist, bleibt sie nicht ohne Folgen. Was braucht es an Nachsorge für junge Krebs-Überlebende, um langfristig gesund zu bleiben?
Stefan Troendle im Gespräch mit Prof. Judith Gebauer, Oberärztin an der Uniklinik Leipzig

Impuls SWR Kultur