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Kunststoffe ohne Gift – Die EU will gefährliche Chemikalien verbieten

Viele unserer Alltagsgegenstände enthalten Substanzen, die krebserregend sind, den Hormonhaushalt stören oder einen Embryo im Mutterleib schädigen können. Die Chemieindustrie soll sie bald ersetzen.

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Von Autor/in Jantje Hannover

Schuhe, Anoraks, Smartphones - viele unserer Alltagsgegenstände enthalten Chemikalien, die krebserregend sind oder unseren Hormonhaushalt stören. Diese Stoffe zu ersetzen, ist eine große Herausforderung für die Chemieindustrie,  aber wichtig für unsere Gesundheit. Viele dieser Gegenstände nehmen wir jeden Tag in die Hand, ohne über mögliche schädliche Inhaltsstoffe nachzudenken.

Außerdem ist die Umwelt belastet: Ob an den Polkappen oder in den letzten unberührten Wäldern: Überall lassen sich chemische Rückstände nachweisen. Laut einer Studie des Stockholm Resilience Centers ist die Grenze der chemischen Belastung für die Umwelt überschritten.

Chemieindustrie ist drittgrößte Branche in Deutschland

Die Chemieindustrie mit einem Jahresumsatz von rund 220 Milliarden Euro und mehr als 530.000 Beschäftigten ist die drittgrößte Branche in Deutschland. Wenn die Europäische Union also Verordnungen beschließt, die die Zulassung von Chemikalien betreffen, ist das für Verbraucherinnen und Verbraucher, aber auch für die Umwelt und die Chemieindustrie hochrelevant.

Reach-Verordnung von 2007 soll Verbraucher und Umwelt schützen

Die letzte umgesetzte Verordnung heißt Reach, („Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals“), also Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung von Chemikalien. Melanie Bausen-Wiens ist als Vizepräsidentin für Produktsicherheit beim Chemiekonzern BASF von der Verordnung betroffen. Sie erklärt die damit verbundenen Herausforderungen:

„Unter Reach ist der Hersteller oder der Importeur von Chemikalien verpflichtet, Sicherheitsdaten für seine Chemikalien zu generieren und das Risiko der Substanz über den kompletten Lebensweg zu evaluieren, also in der Produktion, in der Anwendung und am Ende im Recycling.“

Reach wurde 2007 verabschiedet und bis 2017 in Stufen kontinuierlich und europaweit umgesetzt. Der Verbraucherschutz gelang konkret bei Tattoos.  Konservierungsmittel in den Tattoo-Farben sowie die Pigmente für gelb und violett wurden ab Anfang 2022 verboten, weil sie nicht den Reach-Kriterien entsprachen. Insgesamt blieben die befürchteten Wettbewerbsnachteile für die chemische Industrie aus, weil die Verordnung auch für Importeure gilt. Das hat dazu geführt, dass die Reach-Kriterien und Anforderungen weltweit übernommen wurden. Denn die EU ist ein wichtiger Markt.

Reach-Kriterien wurden sogar weltweit übernommen

Die Europäische Union will bei der Chemie-Strategie noch strenger werden. 2020 hat sie eine neue Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit, die Chemical Strategy for Sustainability, kurz CSS, als Weiterentwicklung von Reach, veröffentlicht. Der neue Ansatz bedeutet einen Systemwechsel:

„Die Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit macht jetzt endlich den umgekehrten Ansatz, nämlich Prävention. Das heißt, Chemikalien sollen sicher und nachhaltig „by design“ sein. Das heißt, schon ab Reißbrett im Design-Prozess sollen diese Kriterien mit beurteilt werden.“

Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit soll Chemikalien von der Herstellung an sicher machen

Die EU hält die Erweiterung von Reach für notwendig, denn trotz Reach enthalten Alltagsgegenstände noch immer problematische Substanzen. Ein Beispiel ist die Gruppe der Weichmacher. Sie werden spröden Kunststoffen zugesetzt, um sie griffig, weich und flexibel zu machen. Gleichzeitig schützen Weichmacher vor Witterungseinflüssen und Temperaturschwankungen. BASF zählt zu den weltweit größten Herstellern dieser Substanzen.

Neue Chemikalienstrategie auf Ende 2023 verschoben

Mit Verboten von Stoffen tut sich die Chemieindustrie schwer. Chemiefirmen sagen: Chemikalien, die giftige Substanzen enthalten, könnten trotzdem sicher verwendet werden.

Ein Aufschub der neuen Chemikalienstrategie ist der Chemieindustrie bereits gelungen. Im Oktober 2022 hat die EU-Kommission bekanntgeben, dass die neue Chemikalienstrategie auf Ende 2023 verschoben wird, also um ein ganzes Jahr.

Verbraucher können sich mit App über Inhaltsstoffe informieren

Und aus Sicht der Verbraucherinnen und Verbraucher? Die haben zumindest das Recht auf Auskunft darüber, ob Verbrauchsgegenstände besorgniserregende Stoffe beinhalten, wenn deren Konzentration über 0,1 Gewichtsprozent liegt. Das Recht gilt nur auf Anfrage. Anwenderfreundlich ist die App „Scan4Chem“. Damit kann jede und jeder zu Hause den Barcode der Parmesanverpackung oder die Zahnpasta scannen. Die App, die für das Bundesumweltamt entwickelt wurde, zeigt, ob das Produkt gefährliche Chemikalien enthält oder nicht.

Aber erst wenn die neue Chemikalienstrategie umgesetzt ist, haben die Verbraucherinnen und Verbraucher einen echten Nutzen. Sie müssten beim Anziehen der Turnschuhe keine schädlichen Weichmacher befürchten.

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