Tatsächlich ist in den vergangenen Jahren die Zahl der Einser-Abis gestiegen. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Stefan Düll meint, das Abitur sei zwar nichts, was einem hinterhergeworfen werde. Dennoch dürfe an der Qualität nicht weiter herumgedoktert werden.
Der Forschungs- und Bildungsexperte der SPD-Fraktion, Oliver Kaczmarek, argumentiert dagegen, wer ein Abitur erwerbe, arbeite hart für die Prüfungen und verdiene Respekt dafür.
Gibt es wirklich zu viele Einser-Abis?
Bundesweit gab es im Jahr 2024 gut 9.000 Abiturientinnen und Abiturienten mit einem Abschluss von 1,0. Das ist bei insgesamt mehr als 370.000 Schülerinnen und Schülern mit Hochschulreife insgesamt tatsächlich ein eher kleiner Anteil.
Bei den Abiturabschlüssen mit einer eins vor dem Komma gibt es einen Anstieg von bis zu zwei Prozent in einzelnen Bundesländern. Dieser Trend hält schon seit etlichen Jahren an. Dabei sind zwei Prozent aber sicherlich keine "Flut an Einser-Abis", wie es der Deutsche Lehrerverband gerade bezeichnet.
Wo ist das Abitur am "einfachsten"?
Außerdem ist der Abiturschnitt bundesweit nur schlecht vergleichbar. Denn der Abiturschnitt in den Bundesländern ist jedes Jahr höchst unterschiedlich. Am strengsten bewertet aktuell Schleswig-Holstein mit einer Durchschnittsnote von 2,48. Am freundlichsten ist Thüringen mit einer Durchschnittsnote von 2,13.
Kommentar So soll das Abitur in Deutschland einheitlicher werden
Die Bundesländer wollen Medienberichten zufolge die Anzahl der Leistungskurse in der Oberstufe reduzieren. Damit soll das Abitur ab 2025 bundesweit stärker vereinheitlicht werden. Doch bedeutet das wirklich mehr Chancengleichheit im deutschen Schulsystem?
Warum gibt es immer mehr Einser-Abis?
Für den positiven Notentrend sei laut der Bildungsforschung vor allem der Bildungsstand der Eltern ausschlaggebend. Seit den 1960er Jahren steigt die Anzahl an Abiturientinnen und Abiturienten pro Jahrgang kontinuierlich. Heute gibt es immer mehr Kinder, die Eltern mit Abitur oder einem Studium haben.
"Das heißt, der starke Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status der Eltern und auch dem Bildungsniveau und den schulischen Leistungen der Kinder nimmt entsprechend zu", sagt Dieter Dohmen, Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie in Berlin.
Ein zweiter Effekt könnte durch die Corona-Pandemie entstanden sein. Damals wurde das Abitur zeitweise ein bischen leichter gemacht. So sollten Schüler für die Benachteiligung durch Schulschließungen kompensiert werden. Die guten Abiturnoten in den letzten Jahren könnten eine Spätfolge davon sein. Das Abitur wird aber nicht insgesamt und auch nicht systematisch leichter - da ist die Bildungsforschung ziemlich eindeutig.
Durchfallquote steigt ebenfalls
Neben den immer besser werdenden Abiturnoten steigt auch die Zahl der Kinder, die die Abschlussprüfungen nicht schaffen. Davor warnt Ayla Çelik, NRW Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft:
"Wir haben Statistiken, die zeigen, dass wir jährlich Zehntausende Jugendliche ohne einen Abschluss in die Perspektivlosigkeit entlassen. Zu oft vergessen wir den Blick auf die zu richten, die die Prüfungen nicht schaffen. Die Durchfallquote steigt ebenfalls stetig."