Biologie

Der Geruch der Macht: Wie die Nacktmull-Königin ihr Volk beherrscht

Nacktmulle leben unter dem harten Regime ihrer Königin: Solange sie da ist, können die anderen Weibchen keine Nachkommen haben. Wie das geht, haben Forschende jetzt herausgefunden.

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Von Autor/in Veronika Simon

Eine Nacktmullkönigin hat ein stressiges Leben. Sie allein muss alle Babys für ihre Kolonie bekommen - und die besteht zum Teil aus hunderten Tieren. Hinzu kommt das Stillen, denn Nacktmulle sind Säugetiere. Als wäre das nicht genug, patrouilliert die Königin noch durch die Gänge des kilometerlangen Tunnelsystems ihrer Kolonie.

"Die Königin ist immer unterwegs. Sie stillt auch nicht an einem Platz. Sie hat Helferinnen, die die Jungtiere zu ihr bringen. Sie liegt auch während der Schwangerschaft nicht herum, wie andere Tiere. Sie ist wirklich immer unterwegs", erklärt Gary Lewin vom Max Delbrück Center für Molekulare Medizin. Der Forscher untersucht seit Jahren die physiologischen Besonderheiten von Nacktmullen.

Wie Zusammenleben der Nacktmulle funktioniert, war lange ein Rätsel

Neben medizinischen Fragen fasziniert Lewin aber auch die Gesellschaftsordnung der Nacktmulle. Dass nur ein Weibchen alle Nachkommen bekommt und der Rest andere Arbeiten übernimmt, kennt man zum Beispiel von Insekten wie Bienen oder Ameisen. Bei Säugetieren ist das sehr selten.

"Es ist auch ein sehr lange über der Nacktmull-Forschungscommunity schwebendes Rätsel, wie es zu dieser sozialen Unterdrückung kommt und wieso wirklich nur ein Tier pro Kolonie züchtet", sagt Susanne Holze, die am Leibniz Institut für Zoo und Wildtierforschung in Berlin an Nacktmullen forscht.

Bisher ging man davon aus, dass die Königin mit ihrem Auftreten dafür sorgt, dass die anderen keine Kinder bekommen können. Susanne Holz erklärt, dass es bisher die gängige These war, "dass die Königin die Untertanen stresst. Dass sie sie durch die Gänge schiebt und das aggressive Verhalten ihren Untertanen gegenüber über die Stressachse zu einer Herunterregulation von deren Reproduktion führt."

Gary Lewin vom Max Delbrück Center für Molekulare Medizin und seinem Team erschien es aber auch plausibel, dass der Geruchssinn bei der Unterdrückung der anderen Tiere eine Rolle spielt.

Nacktmull-Königin
Nacktmulle sind ganz besondere Säugetiere, denn sie leben wie Bienen oder Ameisen in Staaten mit einer Königin als Oberhaupt. Berlinfoto

Forschende entdecken Duftstoff der Nacktmull-Königin

Ein Mitarbeiter von Lewin untersuchte das Geruchsprofil von allen Mitgliedern mehrerer Nacktmullkolonien und er fand einen Duftstoff, der nur bei den Königinnen auftrat. Isopropylmyristat, kurz IPM. In einer Reihe von Experimenten untersuchte die Gruppe den Effekt von IPM auf die Tiere. Zum Beispiel verteilten sie den Königinnen Duftstoff regelmäßig in der Kolonie, entfernten aber die Königin selbst.

Normalerweise führt das direkt zu einem blutigen Machtkampf, denn sobald die Königin weg ist, eifern die hochrangigsten Weibchen um die Krone. Wer als erstes schwanger wird, wird die neue Königin.

Gary Lewin: "Aber in diesem Fall, mit der Zugabe des Duftstoffs, blieb alles ruhig. Es gab keine Kämpfe und keine Schwangerschaften. Drei Monate lang war Ruhe, es war eine Zivilgesellschaft ohne Probleme."

Doch dann haben die Forschenden den Duftstoff nicht mehr verteilt. Innerhalb einer Woche starb der erste Nacktmull und drei Wochen später gab es eine neue Königin. Das Duftmolekül sei also eine starke Verhütungsmethode für die Nacktmulle, so Lewin. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forschenden jetzt in der Fachzeitschrift Nature. 

Ergebnisse sind eine Überraschung - auch für Forschende

Die Studienergebnisse zeigen, dass sich durch den Königinnenduftstoff der Hormonhaushalt der anderen Tiere verändert. Zum Beispiel wird das Hormon Prolaktin vermehrt produziert und so eine Schwangerschaft bei den Tieren verhindert.

Dass ein einzelner Duftstoff so einen durchschlagenden Effekt auf die Nacktmullgesellschaft hat, war auch für die Forschenden selbst eine Überraschung. Susanne Holze vom Leibniz Institut für Zoo und Wildtierforschung war nicht an der Studie beteiligt. Sie findet die Ergebnisse plausibel, sieht aber noch einige offene Fragen. Zum Beispiel müsse noch genauer untersucht werden, wieso die Königin selbst nicht anfällig für die Duftstoffverhütung ist.

Für Susanne Holzer und andere Nacktmullforschende wäre der Königinnenduft aber auch sehr praktisch: "Es wäre natürlich auch ein tolles Management-Tool für die Nacktmullhaltung. Die Aggressionen sind die Hauptursache für Todesfälle in unserer Nacktmaulhaltung. Wenn man diese Aggressionen so einfach mit einem Wirkstoff unterdrücken könnte, das wäre natürlich toll", so die Forscherin.

Königin muss Duftstoff ständig verteilen

Die Nacktmullkönigin verteilt ihren Duftstoff wahrscheinlich über ihren Kot, Speichel und Vaginalsekrete. Da der Duft aber nach und nach verfliegt, muss die Königin ihn ständig im ganzen Tunnelsystem verteilen, sagt Gary Lewin. Wenn irgendwo im Königreich ein Tier nicht unterdrückt sei, sei das eine Gefahr für die Königin.

Zoologie Neues von den Nacktmullen: Deshalb leben sie extrem lang

Nacktmulle haben eine Königin, bekommen keinen Krebs und haben eine auffallend niedrige Körpertemperatur. Zwei Studien in renommierten Fachzeitschriften liefern jetzt neue Erkenntnisse über diese Tiere: In den Kolonien gibt es Fachmulle für bestimmte Arbeiten, etwa den Toilettenputzdienst. Und ihr Genom ist sehr stabil, weshalb sie extrem lange leben.
Jochen Steiner im Gespräch mit Veronika Simon, ARD-Wissenschaftsredaktion

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Veronika Simon
Portraitbild von Veronika Simon, Multimedia-Reporterin und Redakteurin SWR Wissen aktuell
Onlinefassung
Leila Boucheligua