KI-Kurzfilm "Fred Mayer" 

Geschichte neu erzählt: Ein Experiment mit KI

Wie erzählen wir Geschichten aus der Vergangenheit, wenn kaum Bildmaterial existiert? Mit dem Projekt „Zeitzeugen“ hat das SWR X Lab gemeinsam mit dem SWR Studio Freiburg einen experimentellen KI-Kurzfilm entwickelt, der mithilfe Künstlicher Intelligenz neue Wege des historischen Storytellings erprobt.  

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Von Autor/in Elisabeth Adelsberger, Annika Kräutle, Chris Libuda, Charlotte Schönberger

Wenn Geschichte kaum Bilder hinterlassen hat 

Fred Mayer war ein Freiburger Jude, der vor dem NS-Regime fliehen musste. Später kehrte er als Agent der US-Armee nach Europa zurück und wurde zu einer bemerkenswerten Figur des Widerstands gegen die Nationalsozialisten. Seine außergewöhnliche Lebensgeschichte soll sogar als Inspiration für Elemente des Hollywood-Films „Inglourious Basterds“ gedient haben.  

Doch obwohl sein Leben reich an dramatischen Ereignissen war, existiert nur wenig historisches Bildmaterial. Genau hier setzte das Projekt „Zeitzeugen“ an: Mithilfe von Künstlicher Intelligenz haben wir getestet, wie sich eine historische Geschichte emotional und anschaulich erzählen lässt, auch wenn die visuellen Quellen begrenzt sind.  

Privates Originalbild (links), KI koloriertes Foto (rechts)
Privates Originalbild (links), KI koloriertes Foto erstellt von Oliver Ende (rechts)

Die Erstellung der KI-Szenen: Vorarbeit ist zentral 

Die KI-Szenen entstanden nicht auf Knopfdruck. Vor Erstellung hat man sich intensiv mit den Möglichkeiten und Grenzen von KI in der Geschichtsvermittlung auseinandergesetzt. Welche KI-Ansätze haben sich für historische Erzählungen bewährt? Wie müssen Visualisierungen gestaltet sein, um möglichst authentisch und glaubwürdig zu wirken? Welcher Bildstil schafft emotionale Nähe? Auf Grundlage dieser Fragen wurden alle Szenen sorgfältig recherchiert, konzipiert und geplant.  

Ein Storyboard und detaillierte KI-Szenenbeschreibungen wurden erstellt.
Ein Storyboard und detaillierte KI-Szenenbeschreibungen wurden erstellt.

Da generative KI Informationen ergänzen oder verfälschen kann, spielte die Arbeit mit Referenzmaterial zudem eine zentrale Rolle. Historisch korrekte Requisiten wie Pistolen, Aschenbecher, Wehrmachtsabzeichen oder Schulkleidung wurden den KI-Modellen als visuelle Vorlagen bereitgestellt. Auch historische Orte wurden anhand von Referenzbildern rekonstruiert: So dienten Aufnahmen des heutigen Innsbrucks als Ausgangspunkt, um das Stadtbild von 1945 möglichst detailgetreu nachzubilden.  

Hinter wenigen Sekunden Film stecken deshalb viele Stunden Recherche, Quellenarbeit, Vorbereitung und redaktioneller Prüfung.  

Zeitzeugen Experiment mit KI-Straße
Privates Originalbild (links), KI koloriertes Foto erstellt von Oliver Ende (rechts)

Zwischen Innovation und Verantwortung 

Mit KI ist es möglich, historische Ereignisse und Zeitzeugengeschichten zugänglicher zu machen. Gleichzeitig wirft ihr Einsatz neue Fragen für journalistische und dokumentarische Formate auf.  

Deshalb verstehen das SWR X Lab und das Studio Freiburg den Kurzfilm als Ausgangspunkt, um zu explorieren und gemeinsam zu diskutieren, wie wir diese Technologien künftig verantwortungsvoll einsetzen können. Dabei ist nicht nur die technologische Innovation entscheidend, sondern auch die Perspektive der Nutzer:innen, Historiker:innen und Redaktionen.  

Die Erkenntnisse, die wir im Projekt gewonnen haben, sind deshalb ebenso wertvoll wie der entstandene Film selbst.  

Unsere Learnings im Projekt  

Historische KI-Szenen wirken besonders dann, wenn ihre Quelle erkennbar bleibt 
Der größte Mehrwert für Nutzer:innen entsteht oft durch den Vergleich zwischen historischem Original und KI-Visualisierung. Die historische Referenz macht den Mehrwert der KI unmittelbar erlebbar und stärkt zugleich die Wahrnehmung von Authentizität. Im Film wird beispielsweise ein Schwarz-Weiß-Foto im Original gezeigt und anschließend mithilfe von KI in eine lebendige Szene verwandelt. 

POV-Szenen kommen gut an 
Vor allem POV-Szenen, die durch die Augen einer historischen Figur blicken lassen, werden von Nutzer:innen positiv aufgenommen und machen Geschichte für sie unmittelbar erlebbar.  

KI hat oft den Ruf „billig“ und „künstlich“ zu sein  
KI-generierte Inhalte werden von Nutzer:innen meist sofort erkannt. Damit verbunden sind häufig Vorbehalte und Misstrauen. Der kreative Mehrwert neuer Erzählformen wird dagegen nicht immer unmittelbar mit KI assoziiert. 

Recherche, Referenzmaterialien und redaktionelle Kontrolle bleiben unverzichtbar 
Die Qualität historischer KI-Inhalte hängt maßgeblich von Vorbereitung, Quellenarbeit und kontinuierlicher Begleitung durch die Redaktion ab.  Außerdem scheint es bei KI Szenen noch wichtiger als in herkömmlichen Dokumentation noch wichtiger zu sein, dass Experten zu Wort kommen. So wird der ganze Film glaubwürdiger. 

Charakterkonsistenz bleibt eine Herausforderung 
Figuren über mehrere Szenen hinweg visuell konsistent darzustellen, ist mit aktuellen KI-Tools noch nicht immer zuverlässig möglich.  

KI-Kennzeichnung ist wichtig  
Nutzer:innen möchten erkennen können, welche Inhalte KI-generiert sind. Wichtig ist, das Publikum früh abzuholen und nachvollziehbar zu machen, wie KI eingesetzt wurde, damit nicht der Eindruck von Täuschung entsteht. 

KI ist ein kreatives Werkzeug, (noch) kein Effizienztool 
Gute KI-Szenen entstehen nicht auf Knopfdruck und erfordern viel Fachwissen und Detailarbeit. Der größte Mehrwert lag für uns weniger in der Zeitersparnis als in den neuen Möglichkeiten des Storytellings und der Visualisierung historischer Ereignisse.  

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