SWR-Kurzfilm mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz

Vom Freiburger Juden zum US-Agenten: Wie KI einen Spion zum Leben erweckt

Fred Mayer führt im Zweiten Weltkrieg eine riskante US-Geheimmission. Fotos von damals gibt es kaum. Mit Hilfe von KI macht der SWR seine Geschichte sichtbar.

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Stand

Von Autor/in Charlotte Schönberger, Chris Libuda, Annika Kräutle (SWR X Lab), Elisabeth Adelsberger (SWR X Lab)

Es ist Ende Februar 1945, kurz vor Mitternacht. Über dem Sulztalferner in Tirol öffnet sich die Luke eines US-amerikanischen Bombers. Drei Agenten springen in die Dunkelheit. Unter falscher Identität sollen sie in Innsbruck Informationen über die Nationalsozialisten und die deutsche Wehrmacht sammeln.

Anführer der sogenannten Operation Greenup ist der Jude Fred Mayer. Geboren und aufgewachsen als Friedrich Mayer in Freiburg im Breisgau, von den Nationalsozialisten seiner Heimat beraubt und 1938 in die USA ausgewandert. Sieben Jahre später kehrt er als US-amerikanischer Geheimagent ins Deutsche Reich zurück.

Das SWR-Studio Freiburg erzählt Teile seiner Geschichte im Auftrag des SWR-Innovationslabors X Lab mithilfe Künstlicher Intelligenz. Beim Einsatz von KI folgt der SWR strengen Regeln.

KI-generierte Bilder aus dem Kurzfilm über die Operation Greenup, geleitet von Fred Mayer
Ein Bomber der US Army bringt die Agenten der Operation Greenup vom amerikanischen Stützpunkt in Bari (Italien) in die österreichischen Alpen. Auf Grundlage des Einsatzberichts des US-Militärs und von Zeitzeugenberichten wurde die Absprungszene mithilfe von KI rekonstruiert. KI-generiert durch Oliver Ende im Auftrag des SWR

Warum setzt der SWR hier KI ein?

Von Fred Mayer sind nur wenige historische Fotos erhalten. Von den entscheidenden Momenten seiner Mission gibt es keine Filmaufnahmen. Gleichzeitig ist der Einsatz durch Militärakten, Funksprüche, private Fotos und Interviews gut dokumentiert. Wie lässt sich eine historisch gut belegte Geschichte filmisch erzählen, wenn von vielen Ereignissen keine Bilder existieren?

Die KI-generierten Szenen sollen also sichtbar machen, was sich aus den vorhandenen Quellen rekonstruieren lässt. Dazu gehören etwa Fred Mayers Absprung über den Alpen oder seine Tarnung als Wehrmachtsoffizier.

Originalfotos in schwarz-weiß wurden koloriert:

Die Geheimmission des Freiburgers Fred Mayer und die der Operation Greenup erzählt der SWR mithilfe von KI
Eines der Orginalfotos der Operation Greenup mithilfe von KI koloriert: Die Männer der Operation Greenup: Der Tiroler Wehrmachts-Deserteur Franz Weber (links), der niederländische Jude Hans Wijnberg (Mitte) und Fred Mayer (rechts) Privates Originalbild (links), mit KI koloriertes Foto (rechts)

Szenen wurden mithilfe von KI erzeugt:

Vom Dachboden eines Hauses in Oberperfuss funkt Hans Wijnberg die Geheimdienstmeldungen an das Hauptquartier der US-Streitkräfte in Italien. Der Originalschauplatz existiert bis heute. Fotografien des Raums dienten als Vorlage für die KI-Rekonstruktion.
Vom Dachboden eines Hauses in Oberperfuss funkt Hans Wijnberg die Geheimdienstmeldungen an das Hauptquartier der US-Streitkräfte in Italien. Der Originalschauplatz existiert bis heute. Fotografien des Raums dienten als Vorlage für die KI-Rekonstruktion. KI-generiert durch Oliver Ende im Auftrag des SWR

In einer internen Nutzerbefragung zeigte sich die Mehrheit der 21- bis 35-Jährigen grundsätzlich offen für KI in der Geschichtsvermittlung.


Die Recherche

Mehr als ein Jahr recherchierten die Autorinnen des Kurzfilms zur Operation Greenup. Sie haben Dokumente gesichtet, mit Historikern und Nachkommen gesprochen und die Originalschauplätze der Mission in Innsbruck und Oberperfuss besucht. Aus diesen Quellen entstand Schritt für Schritt der Film.

Für eine Szene wurden zunächst Fotografien, Ortsbeschreibungen, militärische Berichte und Interviews zusammengetragen. Auf dieser Basis wurden durch die KI Bilder generiert und engmaschig von der Redaktion abgenommen. Die KI-Szenen wurden vom KI-Creator Oliver Ende gemeinsam mit der Redaktion entwickelt. Oliver Ende wurde 2025 für seinen KI-Film beim NDR mit dem Bremer Fernsehpreis ausgezeichnet.

Die Recherche sollte nicht nur klären, was geschehen ist. Sie musste auch Details beantworten, die für die Bilder wichtig sind: Wie genau sah das Funkgerät aus? Welche Kleidung, welche Abzeichen trugen die Beteiligten?

Die Geheimmission des Freiburgers Fred Mayer und die der Operation Greenup erzählt der SWR mithilfe von KI
Das Fundstück aus der privaten Sammlung der Familie: Mit Hilfe des lokalen Frauen-Netzwerks erhält Mayer eine Wehrmachtsuniform und gibt sich als Mitglied der 136. Gebirgsjäger-Division aus. Mithilfe der KI konnte das Originalbild bearbeitet und koloriert werden. Privates Originalbild (links), mit KI koloriertes Foto (rechts)

Je genauer die Grundlage, desto enger ließ sich die visuelle Rekonstruktion an den historischen Quellen ausrichten. Ein Beispiel ist Fred Mayers Aufenthalt in einem Innsbrucker Offizierskasino. Von diesem Raum gibt es keine bekannten Aufnahmen. Überliefert ist jedoch, dass Mayer sich als deutscher Offizier ausgab und dort Gespräche mit Wehrmachtsangehörigen führte.

KI-generiert: Fred Mayer als Wehrmachtsoffizier im Gastraum
KI-erzeugte Szene: Fred Mayer hat sich als Wehrmachtsoffizier ausgegeben und ist in einem Gastraum für Offiziere einer Kaserne der Wehrmacht ein und aus gegangen. Diese Szene wurde mithilfe von Künstlicher Intelligenz generiert. KI-generiert durch Oliver Ende im Auftrag des SWR

Wie verhindert der SWR historische Verzerrungen?

KI-Systeme können überzeugende Bilder erzeugen, das bedeutet aber nicht in jedem Fall, dass diese Bilder historisch richtig sind.

Sie können Details ergänzen oder verändern. Für ein journalistisches Projekt über eine Geschichte zur Zeit des Nationalsozialismus ist deshalb eine sorgfältige Kontrolle besonders wichtig. KI-Bilder entstanden nur für Ereignisse, die durch Quellen gestützt werden. Die erzeugten Bilder wurden mit den recherchierten Informationen abgeglichen. Auffällige oder sachlich falsche Details mussten korrigiert oder verworfen werden. Alle KI-generierten oder bearbeiteten Bilder werden im Film gekennzeichnet.

KI-generiertes und coloriertes Foto
Dort, wo heute die Universitätsbibliothek Freiburg steht, befand sich früher die Rotteck-Oberschule, die Fred Mayer besuchte. Die KI macht diesen Wandel im Kurzfilm sichtbar: Aus dem heutigen Gebäude entsteht Schritt für Schritt die historische Schule. So wird nicht nur der Ort, sondern auch die Zeit, in der Fred Mayer aufwuchs, anschaulich. KI-generiert durch Oliver Ende im Auftrag des SWR

Was sagen die Nachkommen?

Der SWR stand während der Produktion in engem Austausch mit der Familie von Fred Mayer. Seine Tochter Claudette Mayer und sein Enkel Shane Mayer stellten private Fotos und Dokumente zur Verfügung.

Die Geheimmission des Freiburgers Fred Mayer und die der Operation Greenup erzählt der SWR mithilfe von KI
Friedrich Mayer, den alle Fritz nennen, wächst in der Herrenstraße 43 in Freiburg (im Bild: Haus mit herabgelassenen Rollläden) auf. Die jüdische Familie ist eine angesehene Familie der Stadt. Sein Vater Heinrich Mayer führt einen Eisenwarengroßhandel, ist Vorstandsmitglied der Synagoge und wurde für seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Wie viele jüdische Familien unterschätzt auch er, welche Gefahr von den Nationalsozialisten ausgeht. Stadtarchiv Freiburg (links), mit KI koloriertes Foto (rechts)

Die Zustimmung der Familie ersetzt keine historische Prüfung. Sie ist dennoch wichtig, weil der Film eine reale Person, ihren Vater und Großvater zeigt. Seine Reaktion auf die generierten KI-Szenen war sehr positiv.

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Leute SWR1 Rheinland-Pfalz

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Charlotte Schönberger
Charlotte Schönberger, Redakteurin und Reporterin beim SWR
Chris Libuda
SWR Aktuell, Logo
Annika Kräutle (SWR X Lab)
Elisabeth Adelsberger (SWR X Lab)

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