Bei den ersten Sonnenstrahlen fallen auch alle in die Hauptstraße in Mückeln ein. Dann wird die einst wichtigste Straße in dem 230-Seelen-Dorf in der Vulkaneifel zur Spielwiese für Kinder, Flaniermeile für Alt und Jung, Klatsch- und Tratschfläche für alle, die aktuelle Informationen austauschen wollen.
Die Hauptstraße ist anders als viele Hauptstraßen. Denn hier fährt kaum ein Auto durch dank der gut ausgebauten Umleitungsstraßen. Und wer nicht muss, kommt auch nicht nach Mückeln, sondern macht einen großen Bogen um den Ort. So gehört die Hauptstraße nicht den Brummis, den Rasern und Pendlern, sondern den Einheimischen. In der trüben Jahreszeit eine menschen- und autoleere Straße, im Frühjahr und im Sommer dagegen eine quicklebendige Straße, mit vielen Kindern, die barfuß durch die Straße laufen, skaten, radeln, mit Erwachsenen, die es sich mit ihren Klappstühlen auf der Straße bequem machen.
Für Familie Sicken etwa. Die wahrscheinlich größte Familie in dem kleinsten Haus in Mückeln. Mit ihren vier Kindern bewohnen die Sickens etwa 80 Quadratmeter, verteilt auf drei Etagen. Es ist eng. Da kommt die warme Jahreszeit gerade richtig. Denn dann haben die Sicken-Kinder viel Platz auf der Hauptstraße in Mückeln. Mutter Heidi ist in Mückeln geboren und aufgewachsen. Wegzuziehen war für sie nie eine Option. Sie sagt, nach Mückeln kommt keiner, der nicht muss, und so seien nur Überzeugungstäter hier. Menschen, die den Ort und die Hauptstraße lieben und schätzen, den Zusammenhalt, die Gemeinschaft.
Auch Anja Hermes ist genau deswegen hierhergezogen. Sie hat vor Jahren ein altes, renoviertes Fachwerkhaus gekauft und kann hier ihren Hobbys nachgehen, etwa Nordic Walking oder "Wikinger Reanactment". Anja Hermes hat nämlich ein sehr ausgefallenes Hobby. Sie reist deutschland- und europaweit zu Märkten und präsentiert sich als Wikinger: mit Wikinger-Zelt und Wikinger-Gewändern. Alles selbst gemacht, in mühsamer Handwerksarbeit. Sie hatte zuerst am Anfang der Hauptstraße ihr Domizil bezogen, dann aber entdeckte sie ihr heutiges Haus. Die Hauptstraße hat Seele, sagt Anja Hermes. Da passen beide gut zusammen.
In direkter Nachbarschaft hat Charlie Rauen seiner großen Leidenschaft ein Denkmal gesetzt. Das Eisenmuseum. Noch ist es nicht eröffnet. Aber nächstes Jahr, wenn Charlie in Rente geht, dann wird Mückeln vielleicht die erste Anlaufstelle für Bügel- und Öfen-Begeisterte aus der ganzen Republik.
Charlie fuhr früher Motorradrennen, ein teures Hobby. Als das Geld dafür knapp wurde, musste er sich ein neues Hobby suchen. Er begann, alte Bügeleisen und Öfen zu sammeln. Inzwischen hat er gegenüber seinem Elternhaus in Mückeln in einer alten Scheune auf zwei Etagen Hunderte von Einzelstücken aufgestellt. Sein Traum: Ein Cafe drinnen zu eröffnen, damit die Mückelner auch in der kalten Jahreszeit einen Treffpunkt haben. In der warmen Jahreszeit wird Charlie mit seinem Eisenmuseum wohl kaum eine Chance gegen die Hauptstraße haben. Gerade in dieser Jahreszeit erkennt man den Wert, die Erhabenheit und die Würde dieser Straße. Auf den ersten Blick etwas heruntergekommen. Die alte Schule etwa. Die alten Höfe, sichtbare Zeichen der Vergangenheit, als viele von der Landwirtschaft lebten.