27.01.2026

Skandal in Zweibrücken - Das Frauenbild in der Bundeswehr

Gegen 55 Fallschirmjäger in der Bundeswehr-Kaserne Zweibrücken wird wegen Drogenkonsums, Extremismus und Sexismus ermittelt. In REPORT MAINZ berichten erstmals Insider.

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Stand

Von Autor/in Eric Beres, Philipp Reichert, Edgar Verheyen

Bundeswehrtrupp von hinten
Juliane Sonntag

Sendungsbeitrag in der ARD-Mediathek:

Pressemeldung zum Beitrag:

Manuskript des Beitrags:

„Jetzt mal ein Thema - an die Frauen da draußen. Periode bei der Bundeswehr - ja klar!”

So spricht die Bundeswehr junge Frauen an. Mit TikTok Clips und aufwändig inszenierten Videos. Die Botschaft: Frausein in der Truppe - etwas ganz Normales.

„Als Frau schafft man das auch hier. Da müsst Ihr einfach nur Selbstbewusstsein mitbringen." 

„Frausein und Bundeswehr passt für mich zusammen, weil das Geschlecht überhaupt keine Rolle spielt. Es zählt bloß Fähigkeit, Eignung und Leistung.”

Und wie sieht die Realität aus? Wir treffen zwei Insider. Die beiden Soldaten berichten aus eigener Erfahrung, wie in Teilen der Truppe über Frauen gedacht und gesprochen werde. Einer von ihnen will sein Gesicht nicht zeigen.

Insider

„Es ist natürlich nachgewiesen, dass Männer stärker sind als Frauen. Wenn Frauen zum Beispiel nach 500 Metern zusammenklappen, weil sie das Gewicht von 40 Kilo nicht tragen können, dann entwickelt man irgendwo einen gewissen Hass. Man entwickelt irgendwo ein gewisses Bild im Kopf, dass man Frauen in der Infanterie nicht haben will.”

Insider

„Ich bin mir sicher, dass es der blanke Horror für eine Frau ist, in diesen Umständen ihren Dienst leisten zu müssen.”

Felix Weber, so nennen wir ihn, war vier Jahre lang Zeitsoldat. Er schaut sehr kritisch auf den Umgang mit Frauen in der Truppe. Als Stabsgefreiter hat er bei der Ausbildung ukrainischer Kameraden mitgeholfen, erhielt dafür sogar eine Auszeichnung. Ein halbes Jahr lang hat er auch an jenem Standort gedient, der nun massiv ins Gerede gekommen ist.

Die Niederauerbachkaserne Zweibrücken. Hier ist das 26. Regiment der Fallschirmjäger stationiert. Die Soldatinnen und Soldaten werden an vorderster Front eingesetzt, müssen im Zweifel ihr Leben riskieren, um etwa Geiseln zu befreien.

Exklusive Fotos aus dem Inneren der Kaserne zeichnen noch ein anderes Bild: Groteske Motto-Parties. Mit Armbinden, die an die Nazi-Zeit erinnern. Ein Soldat - mit Plastikfolie an einen Stuhl gefesselt. Tattoo-Stechen - das Wappen des Fallschirmjäger-Regiments. Im Spiel dabei offenbar immer wieder Alkohol.

„Also ausschließlich des Feierabendbierchens war es nur das exzessive Saufen. Es war nur über die Grenze schlagen und es war nur infolgedessen dumme Dinge tun.”

Im vergangenen Herbst werden brisante Ermittlungen am Standort bekannt. Beschuldigt sind 55 Fallschirmjäger. Es gibt 16 staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren, neun Entlassungen. REPORT MAINZ liegen dazu interne Unterlagen vor: Es geht um mutmaßlich rechte Umtriebe, Drogenkonsum. Und: Verbale sexuelle Übergriffe gegen Soldatinnen wie etwa Vergewaltigungsfantasien. Einer der Insider hält manches davon für erfunden oder übertrieben. Doch auch er berichtet von einem sexistischen Vorfall.

„Man hat eine weibliche Person zu einer Mannschaftsfeier eingeladen. Diese hat das verneint über WhatsApp. Da hat man ihr das Schlimmste gewünscht. Von wegen: Ich hoffe, du wirst irgendwann vergewaltigt oder sonst was. Aber das war niemals ernst gemeint. Diese Person war stockbesoffen auf gut Deutsch. Das ist unter aller Sau.”

„In der Kantine gab es häufig Kameraden, welche sich lustig gemacht haben über weibliche Kameradinnen. Unter anderem war eine Kameradin am Standort, die leicht gehumpelt hat, woraufhin Sprüche gefallen sind, wie: ‚Die würde ich behindert ficken‘. Ich habe nicht erlebt, dass es Kameraden gab, die aufgestanden sind und gesagt haben, dass das nicht für sie geht.”

Uns gegenüber will sich die Bundeswehr nicht zu einzelnen Vorgängen äußern. Die Soziologin Maja Apelt hat intensiv zur Situation von Frauen in der Bundeswehr geforscht. Enge Drähte in die Truppe, auch nach Zweibrücken, hat der Militärhistoriker Sönke Neitzel. Beide verurteilen die Taten und suchen nach Erklärungen. 

Prof. Sönke Neitzel, Militärhistoriker, Universität Potsdam

„Das ist eben eine sehr maskuline, Testosteron-gesteuerte Kultur. Wenn man Fallschirmjäger ist und auf unnatürliche Weise ein Flugzeug verlässt und ins Ungewisse springt, dann ist das nicht ungewöhnlich. Und in diese Kultur Frauen zu integrieren, ist immer eine Herausforderung.“

Prof. Maja Apelt, Soziologin, Universität Potsdam

„Das Verhalten, was sich dort gezeigt hat, ist eben, dass der Sexismus ein Instrument ist, sich abzugrenzen von den Frauen, Macht auszudrücken, die so unterzuordnen und damit quasi auch das eigene Prestige auch zu steigern.”

Ein Gerichtssaal am Landgericht Zweibrücken: Hier werden 2023 zwei Fallschirmjäger wegen Vergewaltigung einer 18-jährigen Soldatin zu Freiheitsstrafen verurteilt. Ein Interview möchte sie uns derzeit nicht geben. Die Tat geschah bereits 2018. Was sagt das über den Umgang mit Frauen am Standort Zweibrücken aus?   

„Mein Eindruck ist, dass da schon lange Zeit zu wenig hingeguckt worden ist. Ich sehe da eine Linie zwischen den früheren Vorkommnissen der zwei Soldaten, die dort eine Soldatin vergewaltigt haben, bis in die Gegenwart, wo Soldatinnen sich dann irgendwann dann auch beschwert haben und eine Eingabe bei der Wehrbeauftragten dann vorgenommen haben.”

Die damalige Wehrbeauftragte Högl soll im Herbst 2024 erste Hinweise bekommen haben. Wie ging es danach weiter? Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Freuding, tritt vor kurzem vor die Presse: Er und die gesamte Bundeswehr verurteilen die Vorfälle in Zweibrücken. Man dulde kein sexuelles Fehlverhalten. Von konkreten Meldungen zu Extremismus und Sexismus habe das Kommando Heer im Februar 2025 erfahren.

Christian Freuding

 „Diese Meldungen haben aber auch bei Weitem nicht auf die Quantität und Qualität der jetzt in Rede stehenden Vorfälle schließen lassen.”

Doch REPORT MAINZ liegen diese internen Meldungen vor. Sie stammen aus einem Frühwarnsystem von Bundeswehr und Verteidigungsministerium. Hier zeigt sich: Schon im Februar war bei den sexuellen Übergriffen von mehreren Beschuldigten und zwei betroffenen Frauen die Rede. Sie berichten von Vorfällen im Zeitraum „Januar 2016 bis Februar 2025” - ein langer Zeitraum also. Im Sommer 2025 berichten weitere Soldatinnen von sexistischen Vorfällen.

Der Kommandeur vor Ort weist jegliche Kritik zurück, er habe nicht ausreichend ermittelt. Bei seinem Abschied von Zweibrücken im vergangenen Sommer sagt er: Er habe ein reines Gewissen. Nun soll ein bundeswehreigenes Institut eine so genannte Dunkelfeldstudie durchführen, um Sexismus in der Bundeswehr zu untersuchen. Und in Zweibrücken will der neue Kommandeur eine eigene Befragung bei seinen Fallschirmjägern starten.

„Wir haben Skandale, hier wird hektisch was gemacht, alle kriegen rote Flecken im Gesicht, und dann ebbt das Interesse auch wieder ab. Und wir von der Wissenschaft, die uns mit der Bundeswehr beschäftigen, reden eigentlich wie mit einem lahmen Gaul, auch mit der Führung, und sagen: ‘beschäftigt euch damit’.”

Der ehemalige Stabsgefreite Felix Weber wünscht sich ein härteres Vorgehen gegen mutmaßliche Täter. 

„Täter sollten in allererster Linie nicht mehr geschützt werden, es muss durchgegriffen werden auf allen Ebenen, Täter sollten Konsequenzen spüren und Dinge, die unakzeptabel sind, sollten auch als unakzeptabel dargestellt werden und ein klarer Strich gezogen werden.”

Die Vorfälle in Zweibrücken haben das Ansehen der Bundeswehr beschädigt. Es braucht mehr als hippe Werbevideos, um Vertrauen zurückzugewinnen. Und um junge Frauen für die Bundeswehr zu begeistern.

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Autor/in
Eric Beres
Eric Beres Autor
Philipp Reichert
Philipp Reichert
Edgar Verheyen