Der Bürgerkrieg im Sudan erhöht den Migrationsdruck nach Europa. Auf Kreta kommen seit 2023 vermehrt Flüchtlinge an. Gleichzeitig haben Deutschland und andere wichtige Geldgeber die humanitäre Hilfe deutlich gekürzt, das sorgt für Kritik.
Der Bürgerkrieg im Sudan sorgt derzeit für einen erhöhten Migrationsdruck nach Europa. In der EU ist man deshalb beunruhigt, wie Recherchen von REPORT MAINZ und SPIEGEL zeigen. Laut internen Lageberichten und Gesprächsprotokollen erwarten EU-Diplomaten steigende Flüchtlingszahlen, manche warnen sogar vor einer neuen großen “Migrationswelle”. In dieser Situation kürzen wichtige Geldgeber wie die USA, Großbritannien und Deutschland die humanitäre Hilfe. Das Auswärtige Amt warnt vor den Folgen der Kürzungen und erinnert an das Jahr 2013. Zwei Jahre vor der Flüchtlingswelle 2015, als mehr als eine Million Menschen in die EU kamen, wurden die Hilfsgelder ebenfalls stark gekürzt. Hat das die Migration befeuert? In den Nachbarländern Sudans sind die Kürzungen für die Leidtragenden in den Flüchtlingscamps schon spürbar: Es gibt nicht genug Wasser und auch die Essensrationen sind weniger geworden.
Sendungsbeitrag in der ARD-Mediathek:
Droht eine neue Flüchtlingswelle nach Europa?
Weitere Informationen:
Arbeitspapier: The Impact of the EU Emergency Trust Fund for Africa on Migration Aspirations
This paper evaluates whether the EU Emergency Trust Fund for Africa (EUTF) has reduced migration aspirations in African origin regions.
Operational Data Portal - Europe Sea Arrivals/ Greece
Operational Data Portal - Europe Sea Arrivals/ Greece
Deutsche Gewehre im Sudan - europäische Waffen für die Rebellen?
Im Sudan tobt ein brutaler Bürgerkrieg. Ausgewertetes Bildmaterial deutet nun darauf hin: Im Konflikt könnten deutsche Waffen und Technik im Einsatz sein – trotz EU-Embargo.
Manuskript des Beitrags:
Wir sind auf dem Weg nach Paleochora an der Südküste von Kreta.
Zum Hafen, eigentlich ein Arbeitsort für Fischer, Fährunternehmer.
Doch mittlerweile auch so etwas wie ein Zeugnis einer Flüchtlingskatastrophe. Die Spuren sind nicht zu übersehen. Ramponierte Boote. Zurückgelassene Utensilien. Kleidung, Schuhe.
Jörg Krüger lebt seit 30 Jahren auf Kreta, betreibt eine kleine deutschsprachige Nachrichtenseite und bekommt die Tragödien jeden Tag mit.
„Eine Leiche ist hier angeschwemmt worden, hier am Strand. Und von Einwohnern hier gefunden worden. Man hört's jeden Tag beim Kaufmann, im Café oder in den Zeitungen, im Fernsehen. Ist ein Gesprächsthema. Ist natürlich ein Gesprächsthema und es wird immer mehr.”
Gestiegene Ankünfte auf Kreta
Allein in diesem Jahr kamen laut Küstenwache über 17.000 Geflüchtete nach Kreta, mehr als dreimal so viel wie 2024. Fast alle kamen über das Meer aus Afrika. Und viele über Gavdos, eine kleine Insel südlich von Kreta.
Auch während unserer Recherche. Trotz des Wetters, der rauen See.
Wir erreichen die Bürgermeisterin von Gavdos per Videochat. Die Situation sei kaum zu handeln, sagt sie, gerade jetzt im Winter, wo alles viel knapper sei als im Sommer.
„Es gibt keine Vorräte, kein Essen! Es gibt keine Geschäfte auf Gavdos, keine Supermärkte, kein Restaurant, das übernehmen könnte, dass diese Menschen zu Essen bekommen.“
Für viele ist Nordeuropa, auch Deutschland, ein Ziel. Die meisten der Geflüchteten, die in den vergangenen Monaten in Griechenland angekommen sind, stammten aus dem Sudan.
Flucht in die Nachbarländer
Seit mehr als zwei Jahren tobt dort ein Bürgerkrieg. Es gibt Gräueltaten, Beobachter sprechen sogar von einem Völkermord.
Laut Uno die größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart. Mehr als 11 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Die meisten innerhalb des Sudans, doch immer mehr drängen in die Nachbarländer. Mehr als 4 Millionen Menschen sind es bereits.
Zum Beispiel in den Tschad. Wir sind vor Ort im Flüchtlingslager Aboutenge. Mehr als 200.000 Geflüchtete leben in den Camps in der Region, die meisten kommen aus dem Sudan, und täglich werden es mehr.
So wie Souraya Soleiman. Im Krieg auf der Flucht hat sie sich das Bein gebrochen, hat sich mit Mühe bis in den Tschad geschleppt. Richtig behandelt wurde sie bisher nicht. Und hat Schlimmes hinter sich.
„Ich kam mit nichts, nur mit meinen Kindern. Unsere Angehörigen wurden alle getötet.”
Viele hier sagen zwar, sie seien froh in Sicherheit zu sein. Doch es fehle an allem.
„Das Leben ist sehr schwierig. Die Kinder leiden, weil sie Hunger haben. Es gibt wenig zu essen.“
Die Ankommenden werden registriert und können nur mit dem Nötigsten versorgt werden. Doch inzwischen gibt es nicht einmal mehr genug Wasser für alle, auch die Essensrationen wurden gekürzt. 60 Prozent der Geflüchteten können laut UNHCR nicht richtig untergebracht werden.
„Wir alle befinden uns derzeit in einer schwierigen finanziellen Lage, und das bringt enorme Probleme für die Aktivitäten vor Ort mit sich. Das ist offensichtlich. Wir bräuchten deutlich mehr Geld, um richtige Unterkünfte für die Leute zu bauen.”
Doch Geld gibt es immer weniger, wegen der Kürzungen hat der UNHCR nicht einmal ein Viertel des nötigen Budgets für die Region zur Verfügung, auch weil die USA ihre Hilfe deutlich reduziert haben. Auch Deutschland hat die Hilfsgelder mehr als halbiert.
Hilfsgelder halbiert
Die katastrophale Lage vor Ort hat Folgen, wie Patrice Ahouansou vom UNHCR beobachtet. Tausende Geflüchtete hätten den Tschad bereits wieder verlassen, Richtung Norden.
„Das Ziel ist zunächst der Norden des Tschad, um dort nach besseren Bedingungen zu suchen. Und danach ist es Libyen und auch die europäischen Länder.”
Die offiziellen Statistiken zeigen die Fluchtbewegungen Richtung Norden: In der östlichen Küstenregion Libyens hat sich die Zahl der Sudanesinnen und Sudanesen von August bis Oktober verdreifacht. Ein kleiner Teil, um die 6.000, ist in diesem Jahr bereits Richtung Griechenland aufgebrochen.
Professor Tobias Heidland untersucht seit Jahren, wie sich Kürzungen in der Humanitären Hilfe auf Migrationsbewegungen auswirken, vor allem in Afrika. Und sieht einen Zusammenhang:
„Eine gekürzte humanitäre Hilfe könnte langfristig dazu führen, dass das Land instabiler wird. Und das befeuert üblicherweise dann auch mehr irreguläre Migration sowohl in die Nachbarländer als auch dann nach Europa.”
Und trotzdem gab es die Kürzungen, auch in Deutschland, beschlossen im September für den Haushalt 2025 im Bundestag. Die humanitäre Hilfe wurde mehr als halbiert von 2,23 auf 1,05 Milliarden Euro. Vor wenigen Tagen folgte der Haushalt 26. Es blieb bei dieser Summe.
„Das ist etwas, was die gesamte humanitäre Community verblüfft”
Er hat mit aller Kraft dagegen gekämpft. Der Deutschland-Direktor des Welternährungsprogramms. Die Uno-Organisation versorgt Geflüchtete weltweit mit Essensrationen. Martin Frick schrieb zahlreiche E-Mails an Abgeordnete, hoffte die Kürzungen verhindern zu können. Vergeblich.
„Das ist etwas, was die gesamte humanitäre Community verblüfft, um es milde zu sagen. Wir bekommen Sympathieerklärungen durch alle Parteien, aber es übersetzt sich einfach nicht in Geld.”
Merkwürdig auch, weil im Koalitionsvertrag genau das Gegenteil steht. Ein eindeutiges Versprechen. Mit unmissverständlichen Worten: „Humanitäre Hilfe werden wir stärken und verlässlich, gezielt und vorausschauend leisten. Dabei prüfen wir ein stärkeres Engagement nach dem Ausfall anderer Geber in wichtigen Bereichen.“
Nachfrage bei der Regierungskoalition.
„Die Entscheidung aus dem Haushalt 2025 zu kürzen, um die Hälfte, und 2026 auf dem Niveau zu bleiben, läuft das dem nicht zuwider?“
„Also das ist eine Formulierung, an deren Grenze wir uns im Augenblick bewegen. Die Prüfung hat leider für den 26er Haushalt ergeben, zunächst keine Aufstockung der Mittel.”
Adis Ahmetović, Außenpolitiker von der SPD sagt im Interview, er habe wegen der humanitären Hilfe den Gesamthaushalt nicht scheitern lassen wollen, kritisiert die Entscheidung trotzdem scharf.
„Wir wissen, was im Sudan passiert. Und wir sehen auch alle, das viele den afrikanischen Kontinent verlassen, um Zuflucht zu suchen, Essen und Trinken, Schutz vor Krieg auf dem europäischen Kontinent. Und wir wissen auch, woran das mit liegt. Weil wir im Bereich der humanitären Hilfe und der Stabilisierung nicht genug Gelder zur Verfügung stellen.“
Am Ende siegte also das Spardiktat. Dabei waren der Bundesregierung die möglichen Folgen klar. REPORT MAINZ und dem Spiegel liegen zahlreiche interne Unterlagen vor, sie zeigen, wie sich Diplomaten in ganz Europa über die Lage im Sudan und in den Nachbarländern austauschen. Der Ton wird immer dringlicher. In den Papieren ist von einem „erhöhten Migrationsdruck nach Griechenland“ die Rede, auch wegen verschlechterter Lebensbedingungen für Flüchtlinge. Ungarische und lettische Vertreter schreiben gar von einer „unvorstellbaren großen kommenden Migrationswelle.“
Warnungen vor den Folgen der Kürzungen
Und auch das Auswärtigen Amt warnt davor, die gleichen Fehler wie 2015 zu begehen, als Millionen Geflüchtete nach Europa kamen. Nachdem zwei Jahre zuvor die humanitäre Hilfe weltweit gekürzt worden war, auch wenn die Voraussetzungen damals andere waren. Die Staatsministerin Serap Güler schreibt REPORT MAINZ:
„Wir haben in Syrien gesehen, was die Kürzungen 2013 bewirkt haben. Das darf uns nicht wieder passieren - unsere Außenpolitik muss weitsichtig sein.“
Eine Staatsministerin warnt vor den Folgen der eigenen Regierungspolitik.
Vor Kreta jedenfalls bleibt das Meer rau, der Winter naht. Doch die Geflüchteten kommen weiter. Und Jörg Krüger macht sich Gedanken. Mit jedem Boot ein bisschen mehr.