Kaiserschnitt ohne Betäubung - Patientinnen in Gefahr

Kaiserschnitte, bei denen die Betäubung nicht wirkt – das kommt nach REPORT MAINZ-Recherchen häufiger vor als bekannt. Die Leitlinien für Kaiserschnitte werden gerade überarbeitet.

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Von Autor/in Anna Stradinger, Nina Matousian

Sendungsbeitrag in der ARD-Mediathek:

Pressemeldung zum Beitrag:

Manuskript des Beitrags:

Ich bin unterwegs zu Katherina Weyers. Ihr Wunsch war es schon immer viele Kinder zu haben. Doch die Geburt ihres zweiten Kindes war ein Alptraum. Denn die regionale Betäubung habe während ihres Kaiserschnitts nicht gewirkt. Vier Jahre ist das jetzt her. Die Erinnerungen sind noch immer präsent. Es sei das Schlimmste, was man erleben könne. 

„Ich habe gespürt, wie die schneiden. Ich habe gespürt, wie die reißen. Also es ist halt nicht - ich fühle, dass sie da was machen, sondern ich spüre halt diese Schmerzen, dass sie da einfach einen Schnitt nach dem anderen setzen und reißen und ziehen. Und man hat einfach das Gefühl, man wird komplett auseinandergerissen.” 

Sie habe gehofft, dass ihr jemand hilft. Doch auf ihre Schreie hätten die Ärzte nicht reagiert. Man habe ihr nicht geglaubt, erzählt sie.  

Katharina Weyers

„Und irgendwann kam halt so eine Verzweiflung, dass ich dachte, vielleicht sollte das jetzt auch einfach zu Ende gehen, vielleicht. Vielleicht verblute ich hier einfach und ich sterbe gleich und dann merke ich einfach nichts mehr.” 

Dass etwas nicht stimme, habe auch ihr Mann Milan so empfunden. Er war bei der OP dabei und erinnert sich noch gut an die Schreie seiner Frau. 

„Also wirklich im Niveau, wie ich es nur aus irgendwelchen Horror- oder Actionfilmen aus dem Fernsehen gekannt habe. Ich habe noch nie einen Menschen so schreien sehen und offensichtlich auch nicht solche Schmerzen empfinden sehen.” 

Auch er habe die Ärzte mehrfach angesprochen, sei sogar lauter geworden - ohne Erfolg. Für beide traumatisierend, lange konnten sie als Paar nicht darüber sprechen. Auch wenn Katharina Weyers dritte Geburt gut verlaufen sei, habe der Kaiserschnitt ihrer zweiten Tochter seelische Wunden hinterlassen, die nur schwer heilen, sagt sie. Mittlerweile klagt sie vor Gericht.  

Die Klinik antwortet uns auf Anfrage:  

„Zu einem möglicherweise laufenden Verfahren werden wir uns grundsätzlich nicht äußern.” 

Ortswechsel: Bei Melanie P. steht die Geburt ihres Kindes kurz bevor. Aus medizinischen Gründen ist ein Kaiserschnitt notwendig. Wir dürfen sie bei der OP begleiten.  

„Ein komisches Gefühl gleich quasi das Kind im Arm halten zu können.” 

Vor Jahren hatte sie schon einmal einen Kaiserschnitt und weiß deshalb grob, was auf sie zukommt. Trotzdem macht sie sich Gedanken. 

„Also Ängste sind natürlich da, dass man nicht weiß, ob das mit der Narkose alles so funktioniert. Es ist halt immer die Gefahr, dass irgendwas sein kann.” 

Die beiden hoffen, dass alles gut gehen wird. Wir recherchieren. Wie häufig kommt es zu einer unzureichenden Betäubung bei einem Kaiserschnitt? Offizielle Zahlen dazu gibt es nicht.

Wir machen eine nicht repräsentative Umfrage unter den Landesverbänden der Hebammen und wollen wissen: Ist ihnen das als Problem bekannt? Mehr als 320 Hebammen antworten uns. 86 Prozent geben an, dass sie Frauen kennen, die starke Schmerzen während des Kaiserschnitts erlebt hätten. 

 Wir erhalten viele Kommentaren wie diesen: 

„Schreiende Frau - die keiner ernst genommen hat, (...) oft hatte man auch als Hebamme keine Chance, etwas dagegen zu tun.” 

Mögliches Wirkversagen bei Regionalanästhesie 

Wie sehen das die Ärztinnen und Ärzte? In Würzburg an der Uniklinik sind wir mit dem leitenden Oberarzt Prof. Kranke verabredet. Er ist hier für die Anästhesie in der Frauenklinik zuständig. Wir erzählen ihm von unserer Recherche. 

Prof. Peter Kranke

„Das macht einen natürlich betroffen und es ist, glaube ich, allen klar, dass es eine Situation ist, die man auf jeden Fall vermeiden sollte.” 

Dass regionale Betäubungen nicht ausreichend wirken können, wird in Deutschland nicht erfasst. Aber laut internationalen Studien passiert das in bis zu 14 Prozent der Fälle. Laut Prof. Kranke sei es entscheidend, wie der Arzt reagiere, wenn die Betäubung nicht wirkt. 

„Wichtig ist mir tatsächlich, dass man die Empfindung der Frau hinsichtlich Schmerzen ernst nimmt. Und es ist, glaube ich, ein Grundrecht nach Schmerzfreiheit. Wenn aber die Teilnarkose dann so gar nicht wirkt, dann ist letzten Endes der Ausweg, dass man eine Vollnarkose einleitet.” 

Zurück zu Melanie P.. Sie hofft, dass bei ihr die Teilnarkose gleich ausreicht. Jetzt wird es ernst. Ein aufregender Moment für die beiden. Dr. Cruz ist Gynäkologe und Geburtshelfer. Er wird den Kaiserschnitt durchführen. Auf einmal verschlechtern sich die Herztöne des Kindes und es muss alles sehr schnell gehen. Trotz des Zeitdrucks fragt Dr. Cruz, ob sie etwas spürt und testet ihr Schmerzempfinden. 

„Das was ich mache, ist scharf oder stumpf?” 

„Stumpf.” 

„Und hier?  Sehr gut. Alles klar. Messer, schnell.” 

Und schon ist der kleine Leo da. Und seine Mutter hatte keine Schmerzen. Wie Frauen den Kaiserschnitt erleben, ist für ihn ein wichtiges Thema. Er hat mit anderen Ärzten herausgefunden, dass die Schmerzen von Frauen nach Kaiserschnitten im Vergleich zu anderen Bauchoperationen deutlich höher sind. 

Dr. med. Jorge Jimenez-Cruz

„Das ist etwas, was für mich nicht so bleiben kann. Das muss behandelt werden, das muss systematisch untersucht werden. Frauen, die starke Schmerzen haben, die können nachher viel häufiger chronische Schmerzen haben. Sie haben ein deutlich höheres Risiko eine postpartale Depression zu haben.” 

Deswegen erfassen sie hier auch systematisch die Schmerzangaben der Frauen nach einem Kaiserschnitt und Dr. Cruz hat durch unsere Recherche auch schon neue Pläne. 

„Nach Ihrer Anfrage möchte ich gerne diese zusätzliche Frage einbringen, ob die Patienten während des Kaiserschnitts Schmerzen empfunden haben, weil die Zahl der realen Betroffenen, glaube ich, relativ unklar ist.” 

Er hält, wie Prof. Kranke, eine bundesweite und standardisierte Erfassung im Rahmen eines nationalen Geburtenregisters für sinnvoll.  

„Momentan schielen wir immer in andere Länder, wenn es darum geht, wie häufig sind bestimmte Komplikationen, wie häufig tritt Versagen bei einer Teilnarkose auf.” 

Kann ein Nationales Geburtenregister helfen? 

Ein Konzept für ein nationales Geburtenregister gibt es schon. Eine interdisziplinäre Expertengruppe schlägt vor, bestehende Daten zusammenzuführen und zu ergänzen. Außerdem brauche es auch Daten „aus der Perspektive der betroffenen Frauen”. Kirsten Kappert-Gonther ist Bundestagsabgeordnete und für die Grünen im Ausschuss für Gesundheit. Sie hat sich mit dieser Idee beschäftigt und findet deutliche Worte.

 

Kirsten Kappert-Gonther, Bündnis 90  Die Grünen

„Ich habe null Verständnis dafür, dass das nicht schon längst auf dem Weg ist. Ein nationales Geburtenregister wäre die Grundlage dafür, dass wir Lücken im Versorgungssystem der Geburtshilfe aufdecken und dazu gehören natürlich auch Komplikationen während der Geburt, wie eine nicht wirksame Regionalanästhesie.”  

Dazu hatte sie vor Kurzem eine kleine Anfrage an die Bundesregierung gestellt. Die Antwort: Man plane keine Einführung eines nationalen Geburtenregisters. 

„Ich war wirklich erbost, muss ich sagen. Keine Erklärung, kein Hintergrund, was da die Erwägungen sind, und ich frage mich schon, ist es nicht im Interesse dieser Regierung, Geburten für Frauen besser, unterstützender und sicherer zu machen in diesem Land?” 

Wir fragen beim Bundesgesundheitsministerium nach. Man halte die Versorgung rund um die Geburt für ein sehr wichtiges Anliegen, aber:

„Derzeit ist die Errichtung eines Geburtenregisters nicht vorgesehen.”

Daran gibt es Kritik aus den eigenen Reihen. Lina Seitzl ist für die SPD im Gesundheitsausschuss und sagt:  

Lina Seitzl, SPD

„Ich bin als Fachpolitikerin der Meinung, dass es viele Gründe gibt, die dafür sprechen, ein solches Register einzuführen. Das würde beitragen, Transparenz zu schaffen und einfach eine Datengrundlage zu haben”.   

Katharina Weyers wünscht sich, dass anderen Frauen eine traumatische Geburt erspart bleibt. Die Beziehung zu ihrer Tochter sei immer noch belastet. 

„Letztendlich war der Bindungsaufbau super schwierig in der ersten Zeit. Und wir haben heute immer noch Phasen, wo es schwierig ist, wo ich mich ihr gegenüber vielleicht nicht fair verhalte, weil einfach immer noch Triggerpunkte da sind, die das es echt schwierig machen.” 

Die Folgen dieses traumatischen Kaiserschnitts spürt sie bis heute. Unsere Recherche zeigt, wie wichtig es ist Frauen und ihre Schmerzen ernst zu nehmen.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Anna Stradinger
Autorin Anna Stradinger
Nina Matousian
Nina Matousian