27.01.2026

Lebensgefahr durch verspäteten Rettungsdienst – Leitstellen nicht vernetzt

Viele Notruf-Leitstellen sind nicht untereinander vernetzt. So kann es zu einer verzögerten Alarmierung von Rettungsdiensten und Feuerwehr kommen.  

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Von Autor/in Aleksandra van de Pol, Barbara Koller

Rettungswagen im Schnee
Bild eines Rettungswagens in einer Schneelandschaft

Sendungsbeitrag in der ARD-Mediathek:

Manuskript des Beitrags:

Brigitte Bonhorst, vor wenigen Wochen unerwartet verstorben. Am Abend des 6. Januar, um 22:41 Uhr, hatte die 70-Jährige den Notruf gewählt. Das belegen Screenshots von ihrem Telefon. Andree Hörmann, ihren Nachbarn, alarmierte sie direkt danach. Während sie gemeinsam auf den Rettungswagen warten, sei es ihr immer schlechter gegangen, berichtet er. Doch der Rettungswagen kam und kam nicht.

Andree Hörmann, Nachbar

Das war für uns unverständlich, dass das so, so lange dauern kann. Es wurde schlimm, es wurde wirklich, wo man merkt: Jetzt geht so eine Art Lebenskampf los.“

Eine knappe halbe Stunde später, um 23:08 Uhr alarmiert Andree Hörmann den Notruf erneut. Doch wieder dauert es: Der Landkreis bestätigt: 44 Minuten hatte der Rettungswagen bis zur Einsatzstelle gebraucht. Brigitte Bohnhorst sei es zu dem Zeitpunkt bereits sehr schlecht gegangen, so der Eindruck von Andree Hörmann.

Ich werde diesen Blick nicht vergessen, als dann tatsächlich das Leben aus ihrem Blick ging.  Also sie hat mich nur angeguckt. Ja, und auf einmal war dann irgendwie nichts mehr.

Nach Todesfall: Staatsanwaltschaft will Ermittlungen aufnehmen

Brigitte Bohnhorst stirbt später im Krankenhaus. Die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass nach einer Anzeige Ermittlungen gegen Unbekannt aufgenommen werden. Tatvorwurf: Totschlag durch Unterlassen.

Andree Hörmann fragt sich: Warum hat der Rettungsdienst so lange gebraucht? Der Landkreis Diepholz schreibt dazu, der Einsatz sei zunächst wegen der Schilderungen der Anruferin nicht als dringlich eingestuft worden. Außerdem habe es parallel mehrere Einsätze gegeben. „Es gab zu diesem Zeitpunkt im Landkreis Diepholz keinen verfügbaren Rettungswagen, welcher sich geographisch näher am Einsatzort befunden hätte.“

Leitstelle kann keine Rettungsfahrzeuge kreisübergreifend „sehen oder direkt alarmieren”

Der Wagen befand sich zunächst in Weyhe - rechnerisch: reine Fahrtzeit: 16 Minuten -. In der Nähe des Notfallortes jedoch gibt es in den Nachbarkreisen weitere Rettungswachen, eine davon rund zehn Minuten entfernt. Der Landkreis schreibt hierzu: „Die Leitstelle Diepholz kann derzeit keine Rettungsfahrzeuge in anderen Leitstellen sehen oder direkt alarmieren.“

Andree Hörmann macht das fassungslos.

„Kopfschütteln, das sorgt für Kopfschütten, weil es geht hier um Menschenleben. Und wie kann das dann sein, dass da nicht der nächste RTW der zur Verfügung steht, dass der nicht schnellstmöglich geschickt werden kann.“

Wir sind in der Großleitstelle Oldenburg - Experten zufolge eine der modernsten bundesweit. Hier haben sich Leitstellen von vier Landkreisen und zwei Städten in Niedersachsen zusammengeschlossen. Jeden Tag gehen hier bis zu 1000 Anrufe für Feuerwehr und Rettungsdienst ein. Sie werden von medizinisch geschulten sogenannten Calltakern entgegengenommen.

„Notruf Feuerwehr Rettungsdienst. Wo genau ist der Notfallort?“

Es geht um einen Verdacht auf Schlaganfall.

„Welche Ortschaft? Okay, wie alt ist die Dame? Ist sie wach? Atmet sie?“

Während früher, so berichten uns Mitarbeiter, nach Bauchgefühl entschieden wurde, ob ein Rettungswagen alarmiert werde oder nicht, werden nun standardisierte softwaregestützte Fragen gestellt, um bedarfsgenau zu helfen.

Und hier, am Nachbartisch, gehen die Information bei den sogenannten Dispachtern ein. Sie alarmieren die Einsatzfahrzeuge und können den kompletten Leitstellenbezirk überwachen und in Echtzeit mitverfolgen, wo sich die Rettungswagen gerade befinden und welche in direkter Nähe gerade frei sind.

Viola B., Dispatcherin Disponentin in der Leitstelle Oldenburg

„Alle Fahrzeuge, die auf hellblau sind, das sind gerade Fahrzeuge, die fahren ins Krankenhaus. Fahrzeuge, die auf lila sind, die sind am Krankenhaus angekommen und machen die Patientenübergabe. Die Fahrzeuge, die auf grün sind, die sind frei.“

Mangelnde Vernetzung: Nachteil für die Patienten

Doch so wie hier arbeiten längst nicht alle Leitstellen. Der Landkreis Diepholz, also der Kreis, wo Brigitte Bohnhorst lebte, ist nicht mit seinem Nachbarkreis vernetzt. Und das, obwohl beide Leistellenbezirke im gleichen Bundesland liegen.

„Wir können jetzt von anderen Leitstellen zum Beispiel keine Einsätze rüber gespielt bekommen.  Die rufen dann auch ganz normal bei uns an. Und wir müssen den Einsatz neu aufnehmen. Das Problem ist, die Zeit muss man dafür auch erst mal haben, da anzurufen, mit denen abzusprechen. Ist das Rettungsmittel gerade frei, ist das nicht frei? Das ist für den Patienten, für den Anrufer, ein zeitlicher Nachteil.“ 

Der im Zweifel Leben kosten kann, sagt Professor Stephan Prückner, Leiter des Instituts für Notfallmedizin an der Uni München. Er kritisiert, dass im Rettungsdienst jedes Land und teilweise jeder Kreis sein eigenes Süppchen kocht. 

Prof. Stephan Prückner, Institut für Notfallmedizin und Medizinmanagement, LMU München

„Das sind verteilte Zuständigkeiten. Teilweise ist es auf kommunaler Ebene, teilweise auf Landesebene. Und dadurch entsteht dieser Flickenteppich an Zuständigkeiten. Also da ist die Kleinstaaterei ein klassisches Hemmnis.“

Verlust wichtiger Informationen

Bei unseren Recherchen stoßen wir auf einen Fall, der im vergangenen Jahr vor dem Bundesgerichtshof verhandelt wurde. Nach Feststellungen des BGH erleidet eine Frau aus Mecklenburg-Vorpommern einen Monat vor dem errechneten Geburtstermin starke Schmerzen. Die Hebamme des Paares sagt, sie solle sie sofort ins Krankenhaus. Um 22:41 Uhr geht der Notruf in der Leitstelle ein. Doch wegen komplizierter Zuständigkeiten wird dieser über zwei weitere Leitstellen in verschiedenen Landkreisen, Städten und Bundesländern weitergeleitet. Erst um 22:51 Uhr, also zehn Minuten später wird der Rettungswagen alarmiert. In dieser Kette teilt einer der Disponenten die Dringlichkeit des Einsatzes nicht mit - weshalb zunächst kein Notarzt alarmiert wird.

Das Baby erleidet schwere Hirnschäden, und verstirbt einige Monate später an den Folgen. Ob ein Notarzt hätte zwingend alarmiert werden müssen, soll nun ein Gutachter entscheiden, so der Bundesgerichtshof. Der Fall wurde deshalb an das Berufungsgericht zur neuen Verhandlung und Entscheidung zurückverwiesen.

Dass es in seiner Leitstelle immer häufiger zu Verzögerungen bei der Alarmierung von Rettungsdienst und Feuerwehr kommt, berichtet uns ein Beamter mit Einblick in die Systeme. Er möchte unerkannt bleiben, weil er Konsequenzen fürchtet.

„Wir hatten einen Fall, da hat eine Person einen Schlaganfall erlitten. Und trotz Angabe von Postleitzahl dauerte es drei Minuten, bis der Einsatzort festgestellt wurde.  In einem anderen Fall hat es bei einem Balkonbrand ganze sechs Minuten gedauert, bis die Feuerwehr alarmiert wurde. Wir können so unsere Fristen nicht einhalten. Wenn der Einsatzort dann noch in einem anderen Bundesland liegt, kann man locker zwei Minuten on top rechnen. Manchmal dauert es auch, bis überhaupt jemand bei der Leitstelle abnimmt. Mir bereitet das große Sorge, weil wir den Leuten einfach nicht mehr rechtzeitig helfen können.“ 

Experten fordern bundesweit einheitliche Standards

Ihn machen solche Fälle wütend: Christof Constantin Chwojka von der Björn Steiger Stiftung. Sie setzt sich für eine Vereinheitlichung des Rettungswesens ein. Aus Sicht der Stiftung verstoße es gegen das Grundgesetz, dass es bundesweit solche großen Unterschiede gebe.

Christof Constantin Chwojka, Geschäftsführer Björn Steiger Stiftung

„Großen Ärger, muss ich Ihnen ganz ehrlich sagen, weil das einfach nicht mehr sein darf. Es kann nicht sein, dass es vom Zufall abhängt, wie mir geholfen wird. Es kann auch nicht sein, dass es vom örtlichen Notfallort abhängt, ob ich rasch Hilfe bekomme. Es muss überall in Deutschland nach neuesten Standards erfolgen.“ 

Eine Reform des Rettungsdienstes steht seit Jahren immer wieder auf der bundespolitischen Agenda - sie soll unter anderem diese gleichwertigen Mindeststandards sicherstellen. Doch wegen des Widerstands einiger Bundesländer und des Bruchs der Ampel sei sie noch immer nicht beschlossen worden, kritisiert der grüne Bundestagsabgeordnete und Notfallmediziner Janosch Dahmen.  

Janosch Dahmen, B´90 Die Grünen, gesundheitspolitischer Sprecher Bundestagsfraktion

„Es ist nicht nachvollziehbar, warum bei einem Thema, wo es einen solch breiten demokratischen Konsens gibt, dass hier ein dringender Reformbedarf besteht, wo Expertinnen und Experten seit Jahren sagen, dass Reformen auf den Weg gebracht werden, wir trotzdem in Deutschland so auf der Stelle stehen. Es braucht jetzt wirklich Anstrengung auf allen politischen Ebenen in Bund, Ländern und Kommunen, um den fachgerechten Standard einen digitalen, kooperativen und zeitgemäßen Rettungsdienst endlich auf den Weg zu bringen.“

Gerade befindet sich der Referentenentwurf zur Notfallreform in regierungsinterner Abstimmung. Eine schnelle Lösung ist nicht zu erwarten. Solange Leitstellen nicht besser miteinander vernetzt sind, besteht die Gefahr weiterer Todesfälle.  

Erstmals publiziert am
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Autor/in
Aleksandra van de Pol
Autorin Aleksandra van de Pol
Barbara Koller