Donaueschinger Musiktage | Werke des Jahres 2024

Claudia Jane Scroccaro: On the Edge

Für sechs Solistinnen, Chor und Elektronik. Uraufführung bei den Donaueschinger Musiktagen 2024.

Werkkommentar

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Stand

On the Edge für sechs Solistinnen, Chor und Elektronik berührt die Grenzen zwischen virtuellen und realen Räumen, zwischen imaginierten und leibhaftigen Stimmen und zwischen Realität und mentaler Krankheit. Das Publikum durchläuft eine klangliche Reise, die von Geschichten von Frauen inspiriert ist, die am Rande der Gesellschaft leben müssen. Diese Reise beginnt mit Wiegenliedern aus europäischen Ländern, die zusammengetragen wurden während der von HowNow organisierten Workshops mit Frauen, die in Unterkünften in der Umgebung von Paris leben und sich ihren Weg zurück in ein stabileres Dasein erkämpfen. Bei diesen Begegnungen wurde deutlich, dass einige Geschichten aufgrund von traumatischen Erlebnissen nicht erzählt werden konnten, und dass es nicht meine Aufgabe war, diese zu erzählen, sondern mich mit ihnen auf einer tieferen Ebene zu verbinden.

Unsere Reise hinterfragt die Wahrnehmung der Realität, in der virtuelle und reale Stimmen eine Vielzahl von Formen, Räumen und Gesichtern in sich tragen, wie ein sich ständig veränderndes Polyeder. Einige von Mina Loys frühen Gedichten, die von ihrem unkonventionellen und nomadischen Leben geprägt sind, nehmen ihre spätere Faszination für Randfiguren der Gesellschaft vorweg. Für Mina Loy sind es Individuen, die sich der existenziellen Sinnsuche entziehen, in der Hoffnung, auf ihren verschiedenen Wegen eine Art Offenbarung zu erblicken – eine Offenbarung, die ausbleibt.

On the Edge entstand nach – und dank – eines langjährigen Austauschs mit dem SWR Vokalensemble und seinem Dirigenten Yuval Weinberg. Die Konzeption der Verräumlichung stützt sich auf die umfassende Erfahrung des SWR Experimentalstudios auf diesem Gebiet. Das Werk spiegelt den gemeinsamen Wunsch wider, unkonventionelle Konzertformen zu erforschen, unbestimmte Elemente ins Spiel zu bringen und das Publikum auf einer anderen Wahrnehmungsebene anzusprechen.

Die kontinuierliche Zusammenarbeit mit allen Beteiligten – den technischen Teams, den Sänger:innen, der künstlerischen Leiterin, dem Dirigenten, dem Management – macht dieses Werk zum Ergebnis einer unglaublichen kollektiven Leistung, zusammen mit den Donaueschinger Musiktagen.

English

On the Edge for six soloists, choir, and electronics, touches the boundaries between virtual and real spaces, between imagined and embodied voices, and between reality and mental illness. The audience is guided through a sonic journey, inspired by stories of women bound to live at the edge of society. This journey begins with lullabies from European countries, collected during workshops organized by HowNow, with women living in shelters in the Parisian area who are fighting their way back to a more stable life. During these meetings it became clear that, due to the traumatic nature of their experiences, some stories were unable to be told and it was not for me to tell them but, rather, to connect with them on a deeper level.

Our journey questions the perception of reality, where virtual and embodied voices contain within themselves a multitude of forms, spaces and faces, like a perpetually shifting polyhedron. Some of Mina Loy's early poems, shaped by her unconventional and nomadic life, anticipate her later fascination with fringe figures of society. To Mina Loy, they are individuals who sidestep the existential search for meaning, in the hope to glimpse some sort of revelation from their various quests – a revelation that fails to arrive.

On the Edge was composed after – and thanks to – a long-lasting exchange with the SWR Vokalensemble and their conductor Yuval Weinberg, and its spatialization conception rests on the extensive expertise of the SWR Experimentalstudio in this domain. This work reflects the common wish to explore unconventional concert forms, to bring some indeterminate elements into play, and to engage the public on a different level of perception.

The continuous collaboration with all parties involved – the technical teams, singers, artistic director, conductor, managers – make this work the result of an incredible collective effort, alongside the Donaueschinger Musiktage.