"Feu ! feu sur moi ! Là ! ou je me rends. – Lâches ! –
Je me tue ! Je me jette aux pieds des chevaux !"
Das 1873 von Arthur Rimbaud verfasste Werk Une saison en enfer ist Autobiografie und Fiktion zugleich, schwankt zwischen geistigem Kampf und Hohn und bezieht sich auf den Mythos des Sündenfalls. Die Erzählung, die abwechselnd ein Monolog oder ein Dialog mit sich selbst ist, beschreibt den Weg der Verdammnis, hinterfragt ihre Ursache und bringt den Wunsch zum Ausdruck, ins Leben zurückzukehren. Die Saison ist auch das Buch von Rimbauds Rebellion gegen seinen Katechismus. Diese Rebellion sprengt die Sprache und stellt die Codes der Erzählung auf den Kopf. Die inneren Stimmen des Dichters, die sich ständig wandeln, durchschreiten die Unterwelt als Gefangene der Unfähigkeit, zu sprechen, aber auch der Unfähigkeit, zu schweigen. Sie werden zu Funken eines einsamen, übermächtigen Wortes.
Mit Feu sur moi wollte ich eine musikalische Fortschreibung dieser einzigartigen Ausdrucksweise präsentieren. Die Form des 11-minütigen Werks orientiert sich an der Hülle, der Dramaturgie und den Proportionen der neun kurzen, dichten Stationen, aus denen Une saison en enfer besteht:
Prologue
Mauvais sang
Nuit de l'enfer
Délires I – Vierge folle
Délires II – Alchimie du verbe
L'impossible
L'éclair
Matin
Adieu
Mehrere markante Aspekte in Rimbauds Werk scheinen die Bedingungen für eine Musikalisierung des poetischen Textes nahe zu legen. Erstens suggerieren die Fragmentierung und Vervielfältigung des "Ichs" – zwischen dem Verschwinden der Individualität und dem Gespenst der Vielzahl – immer wieder den Gegensatz zwischen solistischen Stimmen und polyphonem Schreiben. An anderer Stelle ist es die orale und theatralische Dimension, die mich fasziniert hat, vor allem bei einigen quasi deklamierten Passagen, die den in Versen oder Prosa geschriebenen Teilen gegenüberstehen. Letzteres veranlasste mich, einen musikalischen Weg zu entwerfen, bei dem bestimmte Phrasen je nach ihrer formalen Rolle und der Notwendigkeit der Verständlichkeit eher gesprochen als gesungen werden sollten. Umgekehrt habe ich mich dafür entschieden, die literarischsten Passagen des Textes eher wegen ihrer Klanglichkeit als wegen ihrer Bedeutung zu verwenden: In diesem Fall zielt das kon trapunktische Schreiben darauf ab, eine Polyphonie zu schaffen, die zur Mischung, zu einer besonderen Klangfarbe oder zu einer Textur neigt. Schließlich wurden einige Kapitel (vor allem der Prologue und in gewissem Maße auch Délires I: Vierge folle) ohne vokale Behandlung des Textes bearbeitet. Manchmal bleiben nur wenige Worte, Konsonanten und Vokale übrig, und elektronische Klänge ersetzen förmlich die Sprache. Textliche Dichte und Verständlichkeit wurden oft als Klangobjekte herausgefiltert, oder die semantische Ebene wurde ausgelöscht, wenn die musikalische Dramaturgie dies verlangte.
Zu Beginn des Kompositionsprozesses erwies sich das Vokalensemble als die ideale Besetzung, um Rimbauds Text in seiner theatralischen und religiösen Dimension zu verkörpern. Die Elektronik, die die Vokalstimmen in Echtzeit erweitert und transformiert, bringt jedoch auch eine andere, subtilere, aber entscheidende Dimension des poetischen Textes zum Vorschein. Rimbaud inszeniert nämlich nicht eine einzige Hölle, sondern zwei: die theologische Hölle und die reale, alltägliche Hölle. Beide überschneiden sich ständig, sie kommunizieren und prallen aufeinander. Daher habe ich mich in Feu sur moi dafür entschieden, die Sphäre der ersten, theologischen und akusmatischen Hölle der Elektronik zuzuweisen, während der Chor die alltägliche Hölle repräsentiert. Dieses Spiel von Spiegelungen und Resonanzen hat die Behandlung der Gesangsstimmen, die Entwicklung der elektronischen Klänge und deren Interaktion bestimmt.
English
"Feu ! feu sur moi ! Là ! ou je me rends. – Lâches ! –
Je me tue ! Je me jette aux pieds des chevaux !"
Both autobiography and fiction, oscillating between spiritual combat and derision, Une saison en enfer, written by Arthur Rimbaud in 1873, is based on the myth of the Fall. The narrative, alternately monologue or dialogue with oneself, describes the process of damnation, questions its cause, and expresses the desire of returning to life. The Saison is also the book of Rimbaud's rebellion against his catechism. This rebellion overflows language and overturns the codes of narrative. The poet's inner voices, in perpetual transformation, cross into the underworld as prisoners of the impossibility of speaking, but also of the impossibility of remaining silent. They become the sparks of a solitary, overwhelmed word.
With Feu sur moi, I wanted to present a musical extrapolation of this singular expression. The form of the piece, which lasts 11 minutes, was modeled on the envelope, dramaturgy, and proportions of the nine brief, dense parts that make up Une saison en enfer:
Prologue
Mauvais sang
Nuit de l'enfer
Délires I – Vierge folle
Délires II – Alchimie du verbe
L'impossible
L'éclair
Matin
Adieu
Several salient aspects of Rimbaud's writing seem to suggest the conditions for a musicalisation of the poetic text. Firstly, the fragmentation and multiplication of the "I" – between the disappearance of individuality and the haunting of the crowd – recurrently suggest the opposition between soloists and polyphonic writing. Elsewhere, the oral and theatrical dimensions caught my attention, particularly regarding certain quasi-declaimed parts, contrasting with the sections written in verse or prose. This latter characteristic prompted me to imagine a musical itinerary in which certain phrases had to be spoken rather than sung, depending on their formal role and the need for intelligibility. Conversely, I chose to use the most literary passages of the text for their sonority rather than their meaning: in this case, contrapuntal writing aims to create a polyphony that tends towards fusion, a singular timbre, or a texture. Finally, some chapters (notably the Prologue, and to some extent also Délires I: Vierge folle) have been exploited without vocal treatment of the text. Sometimes, only a few words, consonants and vowels remain, and electronic sounds literally replace speech. Textual density and intelligibility were often filtered out as sound objects, or the semantic level was erased when the musical dramaturgy demanded it.
At the beginning of the compositional process, the vocal ensemble emerged as the ideal group to embody Rimbaud's text in its theatrical and religious dimensions. However, the electronic device, which extends and develops the vocal transformations in real time, also brings to light another, more discreet but crucial perspective of the poetic text. Indeed, Rimbaud does not stage a single hell, but two: the theological hell, and the real, everyday hell, which constantly overlap, communicate, and clash. Thus, in Feu sur moi, I chose to assign the space of the first, theological and acousmatic hell to the electronics, while the choir takes over the everyday hell on stage. This play of mirrors and resonances guided the treatment of the voices, the development of the electronic sounds, and their interactions.
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- Konzert: On the Edge, Franck Bedrossian, Feu sur moi für 24-stimmigen Chor und Elektronik
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