Wir besuchen Inge an einem Mittwoch. Offiziell öffnet das „Narrenstübchen“ um 16 Uhr. Ab 15:45 Uhr trudeln die ersten Stammkunden ein, um 15:59 Uhr ist der Laden voll. Die 88-Jährige genießt die Gesellschaft ihrer Gäste: „Es ist ja auch schön: einzuschenken, zu verkaufen, ein Gespräch zu führen. Jeder bringt ein bisschen was Neues von der Stadt mit. Man kriegt viele Schicksale mit.“
Vater eröffnet Weinstube 1955
Inge wird 1936 in Speyer geboren und wächst dort mit ihren acht Geschwistern auf. Ihr Vater Wilhelm ist Bäcker und leidenschaftlicher Fastnachter. Seine Backstube ist Dreh- und Angelpunkt für mehrere Fastnachtsvereine, bis er 1955 in seinem Wohnhaus eine Weinstube eröffnet – der Beginn des „Narrenstübchens“. Inge steigt ein Jahr später mit ein. „Ich habe viel von meinem Vater geerbt. Der Umgang mit den Gästen – das muss einem liegen.“
Die Weinstube? Ist mein Leben! Ich habe ja sonst nichts anderes.
Inge lebt für ihren Laden und ihre Stammgäste
Die Weinstube steht bei Inge schon immer an erster Stelle. Obwohl es Männer in ihrem Leben gab, entschied sie sich am Ende immer fürs „Narrenstübchen“: „Ich hatte ein Techtelmechtel mit einem aus der Schweiz und kann ja nicht sagen: ‚Heute ist Schluss, ich habe Besuch.‘ Es hat immer zwei Seiten: Entweder da oder dort.“ Ihre Entscheidung bereut Inge bis heute nicht, denn Hausfrau wollte sie nie sein: „Bei mir würde jeder Mann verhungern.“
Seit dem Tod ihrer Mutter schmeißt Inge den Laden allein. Ab und zu helfen Bekannte aus und auch die Stammkunden packen mit an. Mittlerweile gönnt sich Inge dienstags und samstags einen Ruhetag. Auch die Öffnungszeiten hat sie etwas angepasst:
Mit 85 habe ich gesagt, ich mache früher zu. Punkt 22 Uhr kommt ein Taxifahrer und holt mich.
79-jähriges Jubiläum des „Narrenstübchens“ steht bevor
Im Sommer wird das „Narrenstübchen“ 70 Jahre alt. Ans Aufhören denkt die Kult-Wirtin noch lange nicht: „Ich kann mir das noch nicht vorstellen. Ich bin es gar nicht gewohnt, so lang in der Wohnung zu sein.“ Bis sie 90 ist, möchte Inge auf jeden Fall weitermachen und hat nur einen Wunsch: „In erster Linie gesund bleiben.“
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