Sucht bei Jugendlichen: Nach 6 Jahren Drogensucht will Patrick Betroffenen mit Kickboxen helfen

Mit Kampfsport will Patrick (24) Betroffenen von Suchterkrankungen eine neue Perspektive schaffen. Mit 15 nimmt er selbst das erste Mal Drogen, heute ist er seit sechs Jahren clean.

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Stand

Von Autor/in Julia Reithmeier

Als Jugendlicher schon drogenabhängig 

Es ist 2016, Patrick ist 15 Jahre alt und kommt zum ersten Mal in Kontakt mit Drogen. Seine zwei besten Freunde probieren Marihuana aus und Patrick macht mit: „Das ging dann relativ schnell, dass ich jeden Tag gekifft habe, weil es mir sehr gut gefallen hat und ich damals noch den Gedanken oder die Verblendung hatte: Gras macht nicht abhängig, Gras ist Medizin.“

Bald wird Patrick experimentierfreudiger und probiert andere Drogen aus. „Das erste, was ich nach Gras und Alkohol genommen habe, war Ecstasy, aber das hat mir damals gar nicht so gut gefallen. Das Zweite war dann Speed und das hat mir relativ gut gefallen – aber auch nicht so, dass ich gesagt habe, ich möchte das jeden Tag konsumiere. An erster Stelle stand immer noch Gras.” Irgendwann fängt er an, Opiate zu konsumieren – starke Schmerzmittel, die bei falschem Gebrauch zur Abhängigkeit führen und unter das Betäubungsmittelgesetz fallen.

Ich wusste schon damals, dass das, was ich tue, irgendwann ein böses Ende nehmen wird. Oder, dass ich mich halt irgendwann bessere, aber daran habe ich nicht geglaubt.

Nach einem Tiefpunkt wird es noch schlimmer 

2020, als er bereits vier Jahre konsumiert, erlebt Patrick seinen ersten richtigen Tiefpunkt im Leben: Patricks Vater, bei dem er zu diesem Zeitpunkt lebt, wirft ihn von zu Hause raus. „Da habe ich meine Ausbildung abgebrochen, auch wegen der ganzen Drogenthematik. Ich bin dann zu meiner Mutter gezogen. Da wurde das Drogenproblem aber erst mal nicht besser, sondern eigentlich nur schlimmer – weil ich dann arbeitslos war, noch weniger Perspektive hatte in meinem Leben und gedacht habe: Okay, jetzt erst recht.“

Es war so viel, hätte ein normaler Mensch das genommen, der noch nie einen Bezug zu Drogen hatte, der wäre auch jeden Fall gestorben von der Dosis. Und mein Körper war das halt schon gewöhnt.

Eine Panikattacke wird zum Wendepunkt  

2022 kommt für Patrick der zweite Tiefpunkt, der ihn schließlich wachrüttelt: Nachdem er Opiate genommen hat, raucht er versehentlich gestrecktes Gras. Er bekommt er eine Panikattacke, die sich für ihn anfühlt, als würde er sterben: „Ich dachte: Jetzt war’s eine zu viel. Ich habe mich schon die ganze Zeit an der Schwelle bewegt zu ‚Okay, ich kack jetzt gleich richtig ab.‘ In dem Moment wusste ich, jetzt habe ich diese Schwelle maßlos übertreten. Und da war für mich klar, jetzt muss ich mal bisschen langsamer machen oder im besten Fall komplett aufhören.“

Nach diesem Erlebnis ist der Konsum für ihn nicht mehr der Gleiche: „Gras und Opiate haben sich nie wieder so angefühlt wie davor: Ich habe sofort Panikattacken bekommen, wenn ich etwas konsumiert habe. Das ging dann vielleicht noch vier, fünf Tage, dass ich weiter konsumiert habe, einfach nur um keinen Entzug zu haben.” Patrick realisiert, dass er wahrscheinlich sterben wird, wenn er so weitermacht. Er beschließt, bei sich zu Hause zu entziehen, und hört mit allen Drogen auf.

Ich weiß, wann ich Fehler mache, und ich kann immer zu meinen Fehlern stehen. Klar, ich bin nicht fehlerfrei, aber das ist ja auch das, was im Leben ist.

„Meine Mutter wusste schon länger, dass ich Drogen nehme. Nur nicht, in welchem Ausmaß”, erzählt Patrick. „An dem Tag, an dem ich zu Hause den Drogen entzogen habe, dachte ich, ich sterbe von dem Entzug, weil das so stark war. Ich bin dann zu meiner Mutter gegangen und hab gesagt: Mama ich entziehe gerade von Drogen, ich glaube, ich sterbe, kannst du mich bitte ins Krankenhaus packen?” Patricks Mutter ruft für ihn im Krankenhaus an. Es ist ein Sonntag, das Krankenhaus hat einen Platz für Patrick, und er beginnt noch am selben Tag seinen dreiwöchigen Entzug im Krankenhaus. Seitdem hat er nie wieder Drogen genommen.  

Neuanfang nach dem Entzug 

Über seine Zeit in der Klinik erzählt Patrick: „Die ersten drei Tage waren sehr anstrengend, weil ich immer noch entzügig war, und ich habe mich wirklich schlecht gefühlt.”

Als Patrick aus der Klinik rauskommt, fühlt er sich euphorisch, er ist zurück im Leben. „Es ist dann noch ein gutes Stück Arbeit angefallen, deshalb war die Euphorie am Anfang ein bisschen groß. Aber im Nachhinein wusste ich: Okay, jetzt wird es kein Zuckerschlecken, weil ich habe sechs Jahre lang Scheiße gebaut, und die muss ich jetzt auch wieder ausbaden.” Anfangs hat Patrick noch Rückfallgedanken: „Das war immer im Herbst, weil die Herbstluft erinnert mich immer an meine harten Drogenzeiten. Das ging aber nur die ersten zwei Jahre, danach war es komplett weg.”

Ich wusste: Okay, wenn du das durchziehst, kannst du alles andere in deinem Leben auch durchziehen. Und dann habe ich es einfach gemacht.

„Sport spielt in meinem Leben eine sehr große Rolle.”

Nach Patricks Entzug beginnt er mit Kickboxen: „Es ist ein Ausgleich für mich. Es hält mich fit und gibt mir die nötige Disziplin, um durch mein Leben zu kommen.“ Später will Patrick Trainer werden für Menschen, denen es ähnlich geht wie ihm früher: „Um Menschen eine Perspektive mit Kampfsport geben zu können – mir hat es auch eine Perspektive gegeben.“

Ich möchte gern sozial schwachen Menschen helfen, weil es mir wirklich ähnlich ging, und neben meiner Mutter und meinen Freunden nie wirklich jemand auf mich aufgepasst hat.

„Ich denke, wenn da noch eine Person im Leben ist, sei es ein Trainer oder jemand anderes, der vielleicht Ähnliches durchgemacht hat, wie die Person gerade durchmacht, dann kannst du der Person richtig helfen. Jeder, der in einer Abhängigkeit ist, muss selber merken, wie schlecht es einem geht. Ich glaube aber, es wäre eine Hilfe, wäre da wirklich eine Person in deinem Leben, die vielleicht auch früher Drogen genommen hat und genau versteht, wie es dir gerade geht.“ 

Patrick findet, es müsste noch mehr Anlaufpunkte für Drogenabhängige geben und möchte mit Kickboxen ein Angebot für Betroffene schaffen: „Wenn du mit ihnen Sport machst und zeigen kannst, dass es noch etwas anderes gibt als Drogennehmen. Dass du wenigstens mal für zwei Stunden keine Drogen genommen hast und dich nach den zwei Stunden noch ein bisschen besser fühlst. Und vielleicht sagst du: Es macht so Spaß, ich komme morgen wieder. Ich glaube, das ist so ein Punkt, wo man anfangen kann und dass es ganz geil wäre, wenn es dieses Angebot gibt.“

Hilfeangebot  

Wenn du selbst von einer Suchterkrankung betroffen bist – oder jemand in deinem Umfeld – kannst du dir jederzeit anonym und kostenlos Hilfe bei der Sucht- und Drogenhotline unter 01806 313031 holen. Patrick hat zuerst versucht, allein zu Hause von den Drogen loszukommen. Das kann jedoch sehr gefährlich sein. Bitte hol dir immer Unterstützung.

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Julia Reithmeier