Freundschaften zwischen Nähe und Distanz

Bin ich eigentlich eine gute Freundin?

Lies Sarahs Geschichte: Über Nähe, Distanz – und warum Freundschaften oft schwieriger sind, als wir denken.

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Stand

In letzter Zeit habe ich ja viel über Freundschaften nachgedacht. Ein Gedanke kam mir dabei immer wieder: Bin ich selbst eigentlich immer cool in Bekanntschaften? Oder nicht auch manchmal eine "Freundschaftsbitch", die ghostet, sich nicht meldet und ja, auch Freundschaftsbeziehungen einfach abbricht und damit Leute verletzt? Je mehr ich drüber nachdenke, desto mehr fallen mir Beispiele ein – und plötzlich tut sich da so ein ganzer "Friedhof der Bekanntschaften" auf. Auf den ich alles sein kann, nur nicht stolz. Weil ich diese Bekanntschaften beendet habe. Auch wenn es leichter wäre, ich kann nicht sagen, ich wäre nur Opfer.

Mehrere jungen Menschen legen die Hände übereinander und lachen. Freunde sind wichtig, aber manchmal auch kompliziert. Mehr unter EXIT EINSAMKEIT
Freunde sind wichtig, aber manchmal auch kompliziert. blickwinkel

In die neue Welt – aus dem Sinn

Nach meinem Studium zum Beispiel. Ich fing in einer anderen Stadt eine Art Traineeprogramm an. Es war alles wahnsinnig aufregend. Neue Themen, neue Leute in der gleichen Situation, irgendwie das wahre Leben. Ich wurde regelrecht davon aufgesogen. Meine Freunde aus dem Studium, die zum Teil noch an ihrem Abschluss arbeiteten, meldeten sich immer wieder, fragten, wie es mir gehe. Aber sie verstanden meine neue Welt nicht, und die ihrige war für mich plötzlich eine Welt von gestern. Menschen, mit denen ich vorher quasi täglich zu tun hatte und echt mochte, waren plötzlich völlig uninteressant. Und schon schnell meldete ich mich gar nicht mehr bei ihnen. Aus heutiger Sicht: Wie doof – ich hätte doch wenigstens versuchen können, den Kontakt aufrecht zu erhalten. Später habe ich sogar versucht, nochmal Kontakt aufzunehmen, aber entweder konnte ich sie nicht mehr ausfindig machen, weil sich Name und alles verändert hatte – oder es gab keine Reaktionen auf meine Nachrichten. Wer könnte es ihnen verübeln?

Wenn Freunde langweilen

Eine andere Geschichte: Es gab eine wahnsinnige nette und gutherzige Person in dieser Traineegruppe. So eine Person, die man nachts um drei anrufen kann und die immer Taschentücher und Bonbons für einen hat. Ich traf mich immer wieder mit ihr. Aber ihr Temperament war ganz anders als meins. Ich eher extrovertiert, sie introvertiert. Sie mochte große Beständigkeit, keine Experimente. Und Dinge, die für mich nicht nennenswert waren, waren für sie eine ganz große Herausforderung. Ich dagegen wollte die neuesten Restaurants ausprobieren und ins Unbekannte springen.

Immer wieder betonte sie, wie wohl sie sich mit mir fühle, dass sie mit mir das Gefühl hätte, aus sich herausgehen zu können. Tja, und was mache ich? Zum Geburtstag schenkte sie mir eine Konzertkarte einer norwegischen Sängerin. Sie war riesiger Fan, wir waren deswegen schon zweimal dort gewesen. Beim ersten Mal fand ich es gut, beim zweiten Mal dachte ich, yoah, brauche ich dann nicht mehr, habe ich ja jetzt gesehen, lieber wieder was Neues. Die Freude über das dritte Konzert hielt sich entsprechend in Grenzen. Schon bei der Busfahrt lief auch das Gespräch mit der Bekannten schleppend. Mir ist während dieser Fahrt klar geworden: In den Momenten, in denen sie sich super bei mir fühlte, merkte ich, dass sie mich – es tut mir echt leid, das sagen zu müssen – langweilte. Ich hatte keine Lust, immer wieder bei jemanden den Esprit zu wecken. Nach diesem Konzert habe ich mich nie wieder bei ihr gemeldet. Und ich sehe es selbst: Ich bin schon auch mies… denn verdient hatte sie das nicht. Und es hat ihr sicher ziemlich weh getan.

Nicht jede Nähe ist erwünscht

Aber es gibt auch solche Leute, deren Nähe man echt nicht will. Als ich frisch in meine neue Stadt zog, traf ich mich mit einer jungen Frau, die ich in einer Facebookgruppe kennengelernt hatte. Nach 2 Minuten war klar: Die Chemie stimmt so gar nicht, und dass das ein laaaanger Abend werden würde. Ich kann recht gut Smalltalk führen, also fragte ich, fragte und fragte. Es war wie ein langes Interview. Innerlich dachte ich, na, wann fragst Du denn mal was? Aber es kam nix. Nach einer Stunde verabschiedete ich mich mit der Ausrede, dass ich morgen früh raus müsse. Sie schrieb mir daraufhin, dass das ja ein echt toller Abend gewesen sei und sie sich so sehr freuen würde, weiter mit mir in Kontakt zu bleiben. Wie können denn Wahrnehmungen so unterschiedlich sein?! Sie hatte doch nichts von mir erfahren, sondern hat sich nur um sich selbst gekreist! In dem Fall habe ich aber nicht geghostet, sondern wirklich geschrieben, dass es für mich leider nicht gepasst hat. Aber hätte ich dieser Person noch eine Chance geben sollen? Ist Hop oder Top wirklich nur eine Stunde entfernt?

Und dann gibt es ja noch diese Nähe, die grenzüberschreitend ist. Ich war mal am Flughafen Richtung Lissabon. Das Gate wechselte und ich machte eine ältere Dame darauf aufmerksam, weil sie das nicht mitbekommen hatte. Am neuen Gate setzte sie sich dankbar neben mich und begann zu heulen: Solche Situationen würden sie so sehr überfordern. Ihr Mann hätte sich immer darum gekümmert. Doch der sei vor einem halben Jahr verstorben. Sie zückt ihr Handy. Und zeigt mir erst Urlaubsbilder von ihrem Mann auf einem Berg – tja, und anschließend die Bilder ihres toten Mannes im Sarg. Too much information! Und auch wenn einem Leute gleich beim ersten Treffen von Problemen im Bett und ihrer aktuellen Affäre berichten – nennt mich spießig – aber auch das will ich nicht gleich hören und sorgt dafür, dass ich mich distanziere.

Sarah schreibt für EXIT EINSAMKEIT immer mal weider aus ihrem Leben. Bild: iStock
Sarah schreibt für EXIT EINSAMKEIT über ihr Leben. iStock/Jasmina007

Sarah sieht sich selbst

Aber während ich all das schreibe, frage ich mich: Puh, was für ein Spiegel! Was, wenn andere eben auch einfach gerade ihre Welt haben, die sie komplett einnimmt? Was, wenn andere MICH langweilig finden? Und kann es sein, dass mich andere vielleicht auch manchmal zu aufdringlich und egoistisch finden? Eigentlich wissen wir nie, warum sich andere nicht melden, uns aus dem Weg gehen oder sich nicht so verhalten, wie man es sich wünschen würde. Warum ist das mit diesen Freundschaften nur so kompliziert?!

Deine Sarah (Name anonymisiert)

Erstmals publiziert am
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Onlinefassung
Andrea Wieland