Ich mache viele Dinge alleine – also wenn ich innerlich bereit dazu bin. Weil ich natürlich auch was erleben möchte: Konzerte, Festivals, Kurse, die Stadt entdecken usw. Ich mache das für mich, habe aber heimlich immer die Hoffnung, Menschen zu begegnen, mit denen etwas entsteht. Nur, mein Eindruck ist: Viele Menschen wollen gar niemand Neuen kennen lernen, vor allem solche nicht, die schon einen Freundeskreis haben oder die alles auf ihren Partner projizieren und sich erst wieder melden, wenn sie sich von ihm getrennt haben. Die Folge: Meistens bleibt es beim Erlebnis. Ohne es groß mit jemandem teilen zu können. Ohne wirklich neue Menschen kennengelernt zu haben.
Foodtour mit falschen Erwartungen
Als ich neu in meine jetzige Stadt gezogen bin, habe ich eine Foodtour durch mein Stadtviertel gemacht. Ich dachte, das ist eine schöne Möglichkeit, die Stadt kennenzulernen und gleichzeitig Tipps zu bekommen, wo man gut essen gehen kann. Ich bin vor Ort die erste. Als weitere Teilnehmer kommen (viele Paare, einige Freundesgruppen), spreche ich sie an. Seid Ihr auch zur Foodtour da? Einsilbige Antwort: Ja. Habt Ihr so was schon mal gemacht? Wieder einsilbige Antwort: Nein. Ich versuche meine Taktik zu ändern, offener zu fragen. Doch auch diese Fragen prallen ab, ich gebe auf und weiß innerlich, wie dieser Nachmittag wieder verlaufen wird. Auch bei den Essproben rotten sich gleich die zusammen, die sich sowieso schon kennen. Ich setze mich dazu, wo noch ein Platz frei ist, versuche es wieder mit dezentem Smalltalk, will mich aber nicht aufdrängen. Das ist ja ne nette Location, oh, der Kuchen ist aber lecker. Irgend so ein Blödsinn. Es läuft ein bisschen besser, aber eigentlich ist es nur anstrengend, weil trotz des gleichen Erlebnisses keine Verbindung entsteht. Am Ende freue ich mich, dass ich was von der Stadt gesehen habe und jetzt ein paar nette Spots kenne. Aber eigentlich alle, die sich noch nicht kannten, sind einander fremd geblieben.
Vorstellen kann man sich immer viel
Zur letzten Bundestagswahl ein neuer Versuch. Es gibt in einer Kneipe eine „You are not alone-Party”, eine Art Public Viewing der Wahlergebnisse. Ich denke, was für eine coole Idee und freue mich Tage lang darauf. In meiner Vorstellung führe ich mit wildfremden Menschen große politische Diskussionen, beweine und analysiere das Ergebnis, stoße zum Trost mit ihnen an. Tja, vorstellen kann man sich immer viel. Die Veranstaltung geht um 18 Uhr los, ich wundere mich noch, weil da ja immer die Ergebnisse verkündet werden, aber alle Infos, die ich checke, sagen: 18 Uhr. Ich bin 18.02 Uhr vor Ort. Der Raum brechend voll. Irgendwo an der Seite steht die Leinwand mit Jörg Schönenborn, der sich durch die Ergebnisse wischt.
Der dritte Teil unserer Tagebuch-Reihe Sarah lädt ihre sozialen Akkus wieder auf
Sarah lacht, reist, arbeitet viel – und fühlt sich trotzdem oft einsam. In ihrem Tagebuch spricht sie endlich aus, was viele denken, aber kaum jemand sagt.
You are not alone-Party – und trotzdem allein
Der Kellner zeigt von weitem auf einen Stuhl, ich setze mich, bestelle ein Bier. Am Tisch mit mir fünf Freunde (was macht Ihr bitte bei einer You are not alone-Party?!). Sie würdigen mich keines Blickes, drehen mir den Rücken zu. Da brauche ich erst gar nicht ansetzen. Ich schaue mich um – und sehe: Keine Chance. Keine Chance irgendwo mit einem Minigespräch anzudocken. Die Wahlanalysen werden durch die Stimmen im Raum verschluckt. Ich bleibe ein bisschen. Doch es wird nicht besser. Also trinke ich mein Bier aus und gehe. Frustriert. Bei der You are not alone-Party war ich letztlich ziemlich alone. Als ich zuhause bin, bin ich froh, jetzt wenigstens die Wahlanalysen hören zu können. Ich lehne mich auf meinem Sofa zurück und denke mir: So ist es eigentlich viel besser. Und vor allem: Hier habe ich keinen Frust.
Plötzlich klappt es – beim Social Dinner
Aber es kann auch richtig nett sein, sich rauszuwagen. Vor einiger Zeit war ich bei einem Social Dinner. Ein Restaurant hatte die Idee, dass man ja alleine selten abends essen geht. Und es ja schön ist, neue Leute kennenzulernen. Damit hat das Restaurant ganz offen geworben. Auch da dachte ich, okay, warum nicht, kann ja ein Versuch sein. Schon zu Beginn merke ich einen Unterschied: Viele der Gäste sind alleine da. Es sind nur wenige Paare dabei – aber die scheinen sich nicht nur für sich selbst zu interessieren, sondern sie scheinen für andere offen zu sein. Der Anfang ist wie immer etwas krampfig. Aber die Restaurantbesitzer sind super herzlich und führen in einen mit viel Liebe hergerichteten Raum.
Tagebuchautorin Sarah fragt Einsamkeit unter Freunden – ein Tabu?
Was sind eigentlich gute Freunde? Bittere Wahrheiten und echte Erkenntnisse über Freundschaft
Man merkt, sie haben sich richtig viele Gedanken gemacht.
Als Icebreaker sollen wir unserem Nachbarn eine harmlose Frage stellen. Und plötzlich passiert es: Es entstehen total viele Gespräche! Mit dem Nachbarn links, rechts, gegenüber. Egal ob introvertiert oder nicht. Dazwischen werden mehrere Gänge gereicht. Irgendwann sollen die Leute mit blauen Augen die Plätze tauschen, damit sich die Gruppe durchmischt. Richtig gut! Okay, da ist plötzlich ein Typ, der damit prahlt, mit einer Escort-Dame zusammen gewesen zu sein und die Frauen am Tisch danach beurteilt, wie viel sie pro Nacht nehmen könnten. Totalausfälle gibt es immer. Aber die anderen Gespräche sind wirklich nett und durchaus tiefgründig. Ich unterhalte mich angeregt mit den verschiedensten Leuten. Am Ende werden Instagram-Profile und Nummern ausgetauscht. Entstanden ist daraus längerfristig zwar nichts. Und doch war es ein toller Abend. Meine Vermutung: Ich glaube, es hat funktioniert, weil alle mit der Erwartung hergekommen sind, neue Leute kennenzulernen, nicht nur ich.
Warum ist Offenheit so schwer?
Aber ich frage mich, warum es so vielen Menschen schwerfällt, offen für neue Begegnungen zu sein? Also wirklich offen. Warum werden einzelne Menschen, die irgendwo dazu stoßen, so oft wie Aussätzige behandelt, statt sie einfach mit einzubinden? Und da geht es ja nicht um große Freundschaften. Sondern einfach ein nettes, unverbindliches Gespräch. Wenn es solche Abende wie in dem Restaurant nicht geben würde, kann ich nur für mich sagen: Ich würde mich zurückziehen. Einfach meine Ruhe haben wollen. Weil es weh tut, sich dem Ganzen immer wieder auszusetzen. Nur: Dann soll bitte niemand kommen und sagen, dass „man doch einfach mehr rausgehen“ solle…
Deine Sarah (Name anonymisiert)