Missstände im deutschen Turnen

"Das war Missbrauch": Die Geschichte einer Leistungsturnerin in Stuttgart

Sarah war Leistungsturnerin am Stuttgarter Kunst-Turn-Forum. Sie verdrängte, was sie dort erlebte. Jetzt wurde sie von den Erinnerungen eingeholt. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

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Stand

Von Autor/in Johannes Seemüller

Wir nennen sie Sarah. Die Schwäbin ist um die 30 und möchte anonym bleiben. Sarah lebt heute in Bayern. Sie will nicht, dass ihr Arbeitgeber und das Umfeld von ihrer Geschichte erfahren. Ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt. Sarah hat uns gebeten, ihre Geschichte aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Damit der heutige Turnnachwuchs von Dingen, die sie erleben musste, möglichst verschont bleibt.

Ich habe fast zehn Jahre am Kunst-Turn-Forum (KTF) in Stuttgart trainiert. Mit 17, nach meiner schwersten Verletzung, habe ich mit dem Leistungsturnen aufgehört.

Die Zeit am KTF war intensiv und hart. Mit 13 fing es an, dass ich vor jeder Trainingswoche und vor den meisten Trainingseinheiten Angst hatte. Diese Angst vor spezifischen Turnelementen wurde von den Trainerinnen und Trainern nicht respektiert. Ich musste die Elemente trotzdem turnen. Ich absolvierte neun Trainingseinheiten pro Woche, nur sonntags war frei. Da musste ich allerdings noch Hausaufgaben erledigen. Ich grübelte oft schon am Sonntagabend, wie ich die kommende Woche schaffen sollte. Durch diese dauerhafte körperliche Be- und teilweise Überlastung hatte ich Sorge, für die gefährlichen Elemente im Training nicht genug Kraft zu haben und mich zu verletzen.

Leistungsturnerin: Mitsprache war nicht erwünscht

Da meine Ängste und meine Überforderung bei den Trainern auf taube Ohren stießen, vertraute ich mich auch meinen Eltern nicht an. Denn wären sie mit meiner angeblich "falschen" Einschätzung zu den Trainern gegangen, wäre alles noch anstrengender geworden. Es herrschte am Turnstützpunkt eine Kultur, in der wir Turnerinnen mit unseren Problemen isoliert waren. Beschwerden und "Schwäche" waren nicht erwünscht.

Ich wohnte bei meinen Eltern außerhalb von Stuttgart. Auf dem Weg zum Training hoffte ich oft, dass Züge ausfallen würden oder wir einen leichten Autounfall hätten. Dann wäre das Training für mich aus einem "guten Grund" ausgefallen.

Das Kunst-Turn-Forum Stuttgart bei Nacht
Kunst-Turn-Forum Stuttgart: Gegen ehemalige und aktive Trainerinnen und Trainer ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart Bildfoto Baumann

Wenn Ängste ignoriert werden

Ich weinte immer wieder im Training, häufig aus Angst vor bestimmten Turnelementen. Ich fühlte mich überfordert, weil ich nicht wusste, wie ich mit Schmerzen und ohne die nötige Kraft die gestellte Trainingsaufgabe meistern sollte. Das Balkentraining und die Doppelsalti am Boden waren besonders schlimm. Aber die Trainingsaufgaben waren nicht verhandelbar. Was auf dem Übungsplan stand, musste absolviert werden. Häufig musste ich länger im Training bleiben, bis die Aufgabe geschafft war.

Meine Ängste wurden meist ignoriert. Manchmal wurde ich aus der Halle geschickt und durfte erst wiederkommen, wenn ich nicht mehr weinte. Diese Ängste, nicht genug Kraft und Energie für bevorstehende Aufgaben zu haben, machen sich noch heute – fast 15 Jahre nach dem Ende meiner Turnkarriere - in meinem Alltag bemerkbar.

Verletzungen und langfristige Folgen

Im Laufe meiner Turnkarriere hatte ich zahlreiche Verletzungen: eine schwere Gehirnerschütterung, ausgekugelte Finger, ausgeschlagene Zähne, Knochenmarködeme und Knorpelverletzungen an Fuß und Hüfte wegen Überlastung, und schließlich eine Fraktur des Oberschenkelhalses.

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Zum Oberschenkelhals-Bruch kam es beim Flick-Spreizsalto Training am Balken. Ich war damals 17 und hatte immer recht viel Angst vor dieser Verbindung, da kleine Fehler im Flick zu einem schiefen und schlechten Spreizsalto führen können. Man kann leicht abrutschen und stürzen. An diesem Trainingstag war jeder Spreizsalto schief oder seltsam verdreht. Ich fühlte mich damit unwohl und sagte dies der Trainerin. Nach einigen Versuchen mit absicherndem Mattenklotz musste ich dann gegen meinen Willen einen Versuch ohne diese Sicherung turnen.

Widerspruch war grundsätzlich kaum möglich. Ich bin abgerutscht und habe mir den Oberschenkelhals gebrochen. Eine andere Trainerin rief den Krankenwagen, ein Verwaltungsangestellter begleitete mich ins Krankenhaus. Als meine Trainerin mich im Krankenhaus besuchte, fragte sie in mitleidigem Ton "was ich denn für Sachen mache". Die Folgen dieser Verletzung schränken mich heute immer mehr ein. In den nächsten Jahren werde ich einen Gelenkersatz benötigen, um meinen Alltag ohne Beeinträchtigung bewältigen zu können. 

Turnerinnen zogen sich bis auf Unterwäsche aus

Bei den Bundeskader-Lehrgängen ging es immer wieder um das Thema Gewicht. Wir Turnerinnen wurden teilweise in einer Reihe aufgestellt und nach unserem Gewicht beurteilt. Es fielen Sätze wie “Sie sieht heute schlechter aus”, wenn die Bundestrainerin der Meinung war, dass eine Turnerin mehr wog als am Vortag.

Bei den Lehrgängen mussten wir uns jeden Tag wiegen. Wir trugen unser Gewicht in eine Tabelle ein, die offen in der Halle aushing. Somit konnten alle die Gewichte der anderen Turnerinnen sehen. Manche zogen sich in der Halle sogar bis auf die Unterwäsche aus, um einige Gramm leichter zu sein. Nach einer Lehrgangswoche wurde geschaut, wer wie viel Gewicht verloren hatte. Die Empfehlungen einer Ernährungsberatung wurden von der Bundestrainerin weitgehend ignoriert. Sie wurden teilweise auch ins Gegenteil abgeändert, wenn es zum Beispiel um die ausreichende Versorgung mit Kohlenhydraten nach dem Training ging.

Turnerin: "Ich wünsche mir, dass das niemand mehr erleben muss"

Vor den Bundeskaderlehrgängen hatte ich mehr Angst als vor dem "normalem" Training am Kunst-Turn-Forum. Widerspruch war dort noch weniger geduldet, und es wurden schwierigere Turnelemente erwartet. Ich konnte es mir auch auf keinen Fall leisten, im Training zu weinen. Zudem war die Trainingsbelastung höher, und wir konnten nicht ausreichend essen. Ich hatte das "Glück", immer noch dünner als die anderen zu sein. Ich war daher kein "Problemfall" und wurde nie in eine Essstörung gedrängt. Sportmedizinische Untersuchungen haben meinen Körperfettanteil von etwa sieben Prozent dokumentiert, das wurde von den Trainern als gut bezeichnet.

Inzwischen lebe ich in Bayern. Ich dachte, ich hätte genügend Abstand zu meiner Zeit als Leistungsturnerin gewonnen. Doch als diese ganzen Geschichten ehemaliger und aktiver Turnerinnen Anfang des Jahres an die Öffentlichkeit drangen, kamen bei mir wieder viele Erinnerungen an mein eigenes Training hoch. Bis dahin war mein Bild, dass diese Art von Training "normal" sei, und dass es am Standort Chemnitz (die Missstände dort kamen 2020/21 an die Öffentlichkeit, d.R.) wesentlich schlimmer war. Als sich auch Tabea Alt öffentlich über die Missstände in Stuttgart äußerte, dachte ich: Das ist genau meine Situation. Das sind meine Trainerinnen. Als ich daraufhin begonnen habe, meine Trainingserlebnisse meinen Freunden zu berichten, wurde mir klar, wie weit weg von "normal" dieses Training war. Heute kann ich sagen: Das war Missbrauch. Und ich wünsche mir, dass das niemand mehr erleben muss. 

Der Umgang mit den hochkommenden Erinnerungen und Gefühlen war schwierig. Es tat weh, mir einzugestehen, dass ich ein Opfer dieses Systems war. Ich fragte mich: Wieviel Prozent der Persönlichkeit, die ich heute bin, ist durch diesen Missbrauch geformt? Mein erster Impuls war, alle diese Eigenschaften loswerden zu wollen. Wie wäre ich geworden ohne diesen Missbrauch? Das sind große und wichtige Fragen, die meinen Selbstwert betreffen. Sie führten mich in eine Überforderung.

Überlebens-Strategien im Turnen

Ich habe mir Hilfe gesucht. Zum Glück fand ich schnell psychologische Unterstützung. Zu Beginn hatte ich regelmäßige Termine, jetzt sprechen wir in größeren Abständen. In diesen Gesprächen lerne ich einzuordnen, welche Eigenschaften ich im Leistungsturnen mitbekommen habe, die nicht hilfreich sind. Ich bin zum Beispiel gut darin, Schmerzen auszuhalten. Aber in den meisten Fällen ist das für den Körper eher schädlich.

Ich bin auch oft hart zu mir selbst. Natürlich, das sind Fähigkeiten, die mich durch die Zeit als Leistungsturnerin gebracht haben. Sie haben mir geholfen, das Trainingspensum zu schaffen und nicht zusammenzuklappen. Sie haben mich in diesem System überleben lassen. Heute brauche ich diese Strategien nicht mehr, trotzdem sind sie teilweise noch da. Es sind Verhaltensmuster, die ich über viele Jahre erlernt habe. Die streifst du nicht mal eben ab wie Schmutz von der Jacke.

Meine weiche, sensible Seite hingegen wurde früher komplett unterdrückt. Genauso wie meine Neugier, mein Tatendrang oder meine Emotionen. Mein kompletter Fokus lag darauf zu funktionieren und zu überstehen. Bis weit nach meiner Zeit als Leistungsturnerin habe ich mich über meine Leistung definiert. Inzwischen habe ich gelernt, dass all die anderen Eigenschaften auch zu mir gehören.

Unterstützung durch psychologische Begleitung

Heute, nach acht Monaten psychologischer Begleitung mit vielen Gesprächen, habe ich das Gefühl, dass es mir besser geht. Ich schaffe es, Dinge nicht so gestresst zu erledigen. Bei manchen Sachen lasse ich mir Zeit. Manachmal klappt es sogar zu trödeln.

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Weil ich mich, im Gegensatz zu anderen Turnerinnen, bisher noch nicht öffentlich geäußert hatte, fühlte ich mich bei den bisherigen Diskussionen etwas außen vor. Es kam nie jemand auf mich zu und fragte: Hey, wie war’s denn bei dir? Also habe ich mich proaktiv an Athleten Deutschland und an den Deutschen Turner-Bund (DTB) gewandt. Ich habe ihnen meine Geschichte schriftlich zukommen lassen. Aber es tat sich erst mal nichts. Gerade beim DTB habe ich das Gefühl, dass ich immer nachfragen muss. Es ist bisher nicht vorgekommen, dass sich jemand vom DTB bei mir gemeldet hat. Mein einziger Kontaktpunkt ist seit Januar die Anlaufstelle für Safe Sport. 

Sollte es dort aber tatsächlich zu einer unabhängigen Aufarbeitung kommen, wäre ich gern bereit, gemeinsam mit anderen Turnerinnen zum Beispiel eine Betroffenenvertretung zu bestimmen. Doch ich habe seit Juli nichts mehr vom Verband gehört. 

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