Nach schweren Vorwürfen über Missstände

"Macht keinen Sinn": Kritik an Aufarbeitung im Turnen wird lauter

Seit April arbeitet eine Kommission an der Aufarbeitung der Missstände an den Turnstützpunkten Stuttgart und Mannheim. Betroffene Sportlerinnen und Politik kritisieren deren Arbeit.

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Stand

Von Autor/in Johannes Seemüller

Es war ein Samstag, als ihr Handy klingelte. Sarah F. (der Name wurde auf Wunsch der Betroffenen geändert, er ist der Redaktion aber bekannt) nahm den Anruf an. Es meldete sich ein Mitarbeiter der fünfköpfigen AG Aufarbeitung des Landessportverbands (LSV) Baden-Württemberg. Was dann folgte, macht Sarah noch heute wütend. "Es war ein schlimmes Telefonat für mich", erzählt sie SWR Sport. "Ich fühlte mich nicht für voll genommen."

Turnerin wollte ihre persönliche Geschichte erzählen

Die etwa 30-Jährige, die heute in Bayern lebt, fühlte sich an ihre Zeit als Nachwuchsleistungsturnerin am Kunst-Turn-Forum (KTF) in Stuttgart erinnert. Bis zu ihrem 17. Lebensjahr hatte sie viele Jahre am Turnstützpunkt hart trainiert. Auch damals war sie von ihren Trainern nicht ernst genommen worden.

Hier erzählt Sarah ihre ganze Geschichte:

Stuttgart

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Sie war Leistungsturnerin am Stuttgarter Kunst-Turn-Forum. Sie verdrängte, was sie dort erlebte. Jetzt wurde sie von den Erinnerungen eingeholt. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

Dabei wollte sie die AG Aufarbeitung, die im April 2025 vom LSV im Auftrag des Sportministeriums Baden-Württemberg installiert worden war, doch nur unterstützen. Anfang des Jahres war Sarah durch die vielen öffentlich gemachten Vorwürfe ihrer ehemaligen Turnkolleginnen wachgerüttelt worden. Sie hatte sich nach einem längeren inneren Prozess durchgerungen, der AG ihre persönliche Geschichte zu erzählen. Sie wollte Vorschläge machen, um nachfolgenden Turnerinnen die schlimmen Erfahrungen, die sie selbst machen musste, zu ersparen. Deshalb hatte sich Sarah bei der Aufarbeitungs-Kommission gemeldet.

Experte konfrontiert Turnerin mit traumatisierenden Situationen

Sie hatte auch noch einige Fragen zur Arbeitsweise der AG. Doch ihr Gesprächspartner am Telefon "versuchte, mich abzuwürgen." Stattdessen lobte sich das AG-Mitglied selbst in den höchsten Tönen, verwies auf seine große Kompetenz und seine Verdienste als Wissenschaftler. Er habe schon Bücher verfasst und Studien veröffentlicht. Er kenne die ehemalige Bundestrainerin Ulla Koch und jene ehemalige Trainerin am KTF, gegen die seit Monaten die Staatsanwaltschaft ermittelt. Allerdings stehen u.a. diese zwei Trainerinnen im Fokus der Vorwürfe. Ausgerechnet diese beiden Namen führte das AG-Mitglied also an, um seine mutmaßliche Kompetenz zu unterstreichen.

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Als noch unangenehmer empfand Sarah, dass gleich zu Gesprächsbeginn "abgeklopft" wurde, ob ihre Erfahrungen überhaupt als Missbrauch bezeichnet werden könnten. Das AG-Mitglied schilderte konkrete, traumatisierende Situationen aus dem Training und fragte sie, "ob mir dieses oder jenes widerfahren sein. Ich war auf diese sehr persönlichen Fragen gar nicht vorbereitet."

Kein Wort der Entschuldigung

Sarah schrieb eine Beschwerde-Mail an den Vorsitzenden der Aufarbeitungskommission. Sie teilte mit, dass sie wegen der unsensiblen Art ihres Gesprächspartners nicht mehr bereit sei, ihre persönliche Geschichte zu teilen. Dennoch bot sie an, Verbesserungsvorschläge für das System Turnen zu unterbreiten. In der Antwortmail, die dieser Redaktion vorliegt, hieß es: "Ihre Nachricht, dass Sie doch nicht zu dem von der Arbeitsgruppe gewünschten Gespräch bereit sind, habe ich mit Bedauern zur Kenntnis genommen. Vorschläge zu einer Verbesserung des Systems können Sie gerne an die unter Cc aufgeführte Adresse richten."

Kein Wort der Entschuldigung für das unsensible Vorgehen des AG-Mitglieds. Kein Versuch, Sarah doch noch für diesen Aufarbeitungsprozess zu gewinnen. Das Vertrauen der ehemaligen Leistungsturnerin in die Aufarbeitungsgruppe ist nach diesen Erfahrungen zerstört.

SPD-Politiker Binder fordert ein Ende dieser Art der Aufarbeitung

Auch Sascha Binder, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion, ist mit der Arbeitsweise der Aufarbeitungs-Kommission sehr unzufrieden. "Ich sehe nicht, dass die Aufarbeitung auf einem guten Weg ist." Er fordert ein Ende dieser Art der Aufarbeitung. "Aus meiner Sicht macht es keinen Sinn, diese Art, wie es der LSV vorgesehen hat, über diese Kommission zu lösen. Das Sportministerium sollte sich umgehend von dieser Lösung der Aufklärung trennen und tatsächlich unabhängig aufarbeiten."

Der AG Aufarbeitung gehören zwei Sportwissenschaftler (Carmen Borggrefe, Klaus Cachay), die Ethik-Expertin Natalie Barker-Ruchti sowie die Juristen Klaus Pflieger und Nadine Hildebrand (zugleich ehemalige Hürdensprinterin) an. Der Auftrag, dies bestätigte das Sportministerium in einem Schreiben vom 12.09.2025, an die AG lautete u.a.: eine vollständige Aufarbeitung der Vorkommnisse, eine Darstellung der Unterstützung der Betroffenen durch die Verbände, eine Darstellung der bestehenden Kontrollmechanismen zur Verhinderung von interpersonaler Gewalt sowie eine Einschätzung zur Wirksamkeit dieser Kontrollmechanismen.

Unterschiedliche Vorstellungen von Art der Aufarbeitung

In einem ersten Zwischenbericht teilte Borggrefe als AG-Sprecherin am 23. Oktober während einer öffentlichen Sitzung im Landtag jedoch mit, es gehe der Kommission nicht in erster Linie um personelle Verantwortlichkeiten - also um Fragen wie 'Wer ist schuld an den Missständen? Wo liegt persönliches Versagen unterhalb der Strafbarkeit? -, sondern um eine "vorwiegend soziologische Analyse". Es handle sich um ein systemisches Problem des Turnens. "Wir machen in diesem Sinne eine Aufarbeitung der Strukturen und Prozesse", betonte die Sportwissenschaftlerin.

Für SPD-Politiker Binder steht damit fest, die Diskrepanz zwischen dem Auftrag des Ministeriums und der Herangehensweise der Aufarbeitungs-AG ist zu groß. "Wir wissen, dass die Kommission die Vorfälle gar nicht wirklich aufklären will. Sie will für die Zukunft Strukturen schaffen, ohne die Aufarbeitung voranzutreiben, die für das Vertrauen notwendig wäre." Dabei kann eine Systemveränderung nur hergestellt werden, wenn u.a. das Fehlverhalten Einzelner auch Folgen hat und sanktioniert wird.

Olympiaturnerin Berger: "Vertrauen in Verbände ist verloren"

Janine Berger, ehemalige Spitzenturnerin und Olympia-Vierte von London 2012, hält die Aufarbeitung durch die AG für gescheitert: "Mein Vertrauen in die Verbände, dass diese wirklich unabhängig aufarbeiten und Veränderung möchten, ist verloren. Auch der LSV handelt offensichtlich nicht unabhängig, sondern als Teil des Sportsystems."

Athleten Deutschland, die unabhängige Vertretung der Kaderathlet*innen, plädiert grundsätzlich für "vom verantwortlichen Fachverband" initiierte Aufarbeitungsprozesse, betont aber ausdrücklich: "Ein Aufarbeitungsteam sollte immer interdisziplinär besetzt sein. Psychologische Expertise oder alternativ substanzielle Erfahrungen aus der Fachberatung sind immens notwendig. (…) Essenziell ist, dass Betroffene einen Aufarbeitungsprozess mitgestalten können. (…) Wenn Betroffene eine Betroffenenvertretung in diesem Gremium wünschen, muss eine solche Beteiligung gewährleistet werden."

Deutliche Kritik an Landessportverband BW

An dieser Stelle, sagt Politiker Binder, habe der Landessportverband BW versagt. "Wir sehen, dass viele Betroffene kein Vertrauen in diese Kommission haben." Der LSV habe Ratschläge zur Zusammensetzung der Kommission missachtet. "Er hat davon abgesehen, Betroffenen-Vertreter mit aufzunehmen." Und er habe keine unabhängigen, in Aufklärungsangelegenheiten erfahrenen Leute mit in die Kommission genommen. Mitglieder dieser AG Aufarbeitung seien nur Leute, die direkt oder indirekt Teil des organisierten Spitzensports sind. "Das ist bei einer unabhängigen Aufklärung nicht sinnvoll", meint der Abgeordnete.

Hinzu kommt, dass sich die Arbeit der AG Aufarbeitung noch über einen langen Zeitraum hinziehen kann. Der AG-Vorsitzende Pflieger hatte Anfang Juni in einem SWR-Interview davon gesprochen, man habe vielleicht "Ende des Jahres eine Perspektive, wann wir fertig werden können." Seine Mitstreiterin Borggrefe betonte im Landtag, die AG-Mitglieder würden alle nebenberuflich für die Kommission arbeiten. Sie könne keine Prognose abgeben, bis wann die AG ihre Arbeit beenden werde. Die Wissenschaftlerin nannte aber eine Vergleichsgröße: "In einem Forschungsprojekt würde man 30 Monate benötigen." Woraufhin SPD-Mann Binder reagierte: "30 Monate? Diese Zeit gibt es nicht."

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Druck erhöhen über Einfrieren der Fördergelder?

Der Politiker hat den Eindruck, man spiele auf Zeit, "damit alle das Ganze wieder vergessen, und der Schwäbische Turnerbund und der LSV können in Ruhe ihren bisherigen Geschäften nachgehen." Binder hinterfragt in diesem Prozess vor allem die Rolle des Landessportverbands. "Ist der LSV überhaupt in der Lage, ohne Ansehen der Personen die Spreu vom Weizen zu trennen? Bisher macht es diesen Anschein nicht."

Deshalb fordert der SPD-Abgeordnete vom Sportministerium. "Entweder wird es jetzt richtig aufgeklärt, oder wir müssen noch einmal - wie unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorwürfe schon geschehen - die Fördergelder, die über den LSV an den Schwäbischen Turnerbund weitergereicht werden, einfrieren. Von dieser Möglichkeit sollte das Ministerium Gebrauch machen, wenn man merkt, dass man ihnen auf der Nase herumtanzt."

Athleten Deutschland: "Im schlimmsten Fall ändert sich nichts"

Auch die 29-jährige Janine Berger hofft, "dass das Sportministerium handelt und eine vollständige Aufarbeitung von unabhängiger Seite fordert." Notfalls müsse Druck über das Zurückhalten von Finanzmitteln aufgebaut werden. "Der organisierte Sport ist nur förderungswürdig, wenn er gewaltfreie Strukturen gewährleistet."

Athleten Deutschland weist gegenüber SWR Sport auch noch darauf hin, dass eine Schwäche von Aufarbeitungsprozessen sein könne, dass die Empfehlungen eines Aufarbeitungsteams nicht bindend seien für den Verband. "Im schlimmsten Fall ändert sich trotz einer Aufarbeitung nichts, wenn die Beharrungskräfte im Verband zu stark sind."

Betroffene Turnerinnen wie Sarah F. oder Janine Berger befürchten genau dies.

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