Ein Kommentar, der sie ins Grübeln brachte: Säbelfechterin Léa Krüger, jahrelang Teil der Nationalmannschaft, kämpft in einem Weltcup in der Vorrunde. Es läuft nicht ganz, wie es soll. "Dann kam der Schiedsrichter und meinte so: Léa, du musst auch mal ein bisschen fechten. Ich kann dir ja nicht nur aufgrund deiner Schönheit die Treffer geben."
Im ersten Moment habe sie den Kommentar beiseite geschoben, erzählt sie im Interview mit dem SWR. "Im Nachgang habe ich mir dann gedacht: Moment mal, ich will doch den Treffer nicht, weil ich irgendwie groß und blond bin. Ich will den doch haben, weil ich einen geilen Punkt mache, weil ich eine schöne Aktion gefochten habe, weil ich eine gute Fechterin bin. Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht."
Krüger: "Ich habe mein Äußeres auch ein Stück ausgenutzt"
Es ist eine Erfahrung, wie sie viele Spitzensportlerinnen in Deutschland immer wieder erleben. In einer Umfrage von SWR Sport und SWR Recherche-Unit unter 300 Spitzensportlerinnen äußerte jede dritte Teilnehmerin das Gefühl, für ihren Erfolg spiele auch ihr Äußeres eine Rolle. In offenen Textfeldern konkretisierten viele von ihnen diesen Eindruck, berichten von Erfahrungen mit Kampfrichtern, von der Bevorzugung bei der Aufnahme in Teams, mehr medialer Aufmerksamkeit und Followern, was wiederum wichtig für Sponsoren ist. Gut auszusehen, kann für den Erfolg von Sportlerinnen von enormem Wert sein, ganz unabhängig von der Leistung.
Léa Krüger machte sich diese Erkenntnis nach der Erfahrung mit dem Kampfrichter zunutze, gibt sie im Gespräch mit dem SWR offen zu. "Ich wusste, wenn ich da einen Kampfrichter stehen habe, wenn ich den einfach nochmal nett anlächle und vielleicht ordentlich 'Hallo' sage, dass ich einen knappen Treffer vielleicht eher bekomme." Die Säbelfechterin hat ihre Karriere im August als deutsche Mannschaftsmeisterin beendet, was sie womöglich offener über ihre Taktik in Wettkämpfen sprechen lässt. "Ich habe mein Äußeres quasi auch ein Stück ausgenutzt, weil ich gemerkt habe, was ich mit meinem äußeren Erscheinungsbild erreichen kann. Was eigentlich traurig ist. Und auf der anderen Seite erzeugt es natürlich auch Druck."
Göring: "Egal wie viel ich leiste, ich müsste überragend sein"
Leichtathletin Johanna Göring, aktuelle Deutsche U23-Meisterin im Hochsprung, kann kein Kampfrichter aufgrund ihres Aussehens besser bewerten. Ob ihr Sprung zählt, hängt davon ab, ob die Messlatte liegenbleibt. Für sie fühlt sich die Bewertung ihres Äußeren so an, als würde es ihre Leistung als Sportlerin schmälern. Und doch erlebe sie das gerade nach größeren Meisterschaften wie den U18-, U20- oder U23-Europameisterschaften und auch Weltmeisterschaften unter den Videos der offiziellen Übertragungs-Accounts jedes Mal, erzählt sie im Interview mit dem SWR.
Dort häuften sich dann Kommentare "wie wir aussehen, wie hübsch wir sind. Die Leute verknüpfen das dann gerne mit 'wow, was für eine tolle Leistung, von so schönen Frauen. Wie schön, dass es diesen Sport gibt'. Das zieht es natürlich irgendwie immer bisschen in eine andere Schiene. Und das macht mich dann schon traurig, weil ich einfach gerne für meine Leistungen gesehen werden würde." Bei ihren männlichen Kollegen nehme sie diese Kommentare nicht wahr. "Da wird gesagt, 'krass, dass der diese Höhe gesprungen ist', anstatt, 'krass, dass diese schöne Frau über die Höhe gesprungen ist'." Johanna Göring sagt: "Ich habe das Gefühl, egal wie viel ich leiste, ich müsste überragend sein, damit man nur sportliche Anerkennung bekommt. Und sonst kriegt man halt auch Anerkennung, die man vielleicht nicht möchte.“
Unwohles Gefühl durch bewusste Sexualisierung
In der Umfrage von SWR Sport und SWR Recherche-Unit äußerten fast 200 der insgesamt 300 Teilnehmerinnen den Eindruck, für die gleiche gesellschaftliche Anerkennung mehr leisten zu müssen, als ihre männlichen Kollegen. "Dieses Problem haben wir ja in vielen Bereichen, wo Frauen etwas leisten oder im Beruf sind", sagt Sportsoziologin Bettina Rulofs. "Im Sport ist es im Grunde genommen so, dass wir da nochmal mehr ein Stück weit für Geschlechtergerechtigkeit kämpfen müssen." Der Sport sei historisch gesehen ein Feld, das sich auf Männer und Männlichkeit ausrichte. "Frauen waren und sind zum Teil auch noch immer ein Stück weit das zweite Geschlecht im Sport. Und das macht den Spitzensportlerinnen, die in diesem Feld unterwegs sind, durchaus zu schaffen. Das spüren sie an verschiedenen Stellen", sagt Rulofs.
Deutlich schlimmer als Kommentare zu ihrem Aussehen empfindet Johanna Göring am Umgang mit ihr als Sportlerin aber Videos und Fotos, die aus den Übertragungen ihrer Hochsprung-Wettkämpfe entstehen, mit starkem Fokus auf geöffnete Beine über dem Sprung oder den Po. Zusammen mit entsprechenden Kommentaren darunter vermittle ihr das den Eindruck "dass man mich sehr auf meinen Körper reduziert und mir eher ein unwohles Gefühl gibt danach, wie Leute mich betrachten in meinem Sport."
Sexismus, Übergriffe und mangelnde Wertschätzung Warum der Spitzensport für Frauen noch immer ungerecht ist
Noch immer kämpfen viele Spitzensportlerinnen mit strukturellen Nachteilen. Eine SWR-Umfrage unter 300 Spitzensportlerinnen offenbart, wie weit der Leistungssport von echter Gleichberechtigung entfernt ist.
Für Johanna Göring ein echtes Problem: "Ich habe das Gefühl, ich kann nicht einfach nur meinen Sport machen, sondern ich muss mir überlegen, was kommt dabei am Ende raus. Das sind einerseits die Kommentare auf offiziellen Kanälen und andererseits Ausschnitte, die raus rausgeschnitten werden und dann in verschiedenen Zusammenhängen so angepasst werden, dass es für ein bestimmtes Klientel irgendwie passt. Das ist das, was mich auf jeden Fall sehr ärgert, stört und vor allem traurig macht."
Anderes Verhalten als von Sportlern erwartet
Johanna Göring versucht der Sexualisierung ihrer Person dadurch entgegen zu wirken, dass sie in Wettkämpfen mittlerweile eher kurze Hosen statt der knappen Briefs trage, die ihr optisch eigentlich besser gefielen. "Das ist wahrscheinlich ein fiktiver Schutz, weil die Videos und Kommentare entstehen natürlich trotzdem. Aber ich hoffe immer, dass ich mich dadurch ein bisschen schützen kann, es gibt mir persönlich einfach irgendwie ein besseres Gefühl." Videos und Fotos, die sie in bewusst sexualisierter Weise darstellen, melde sie seit Jahren konsequent, erzählt die 20-Jährige. In der Hoffnung, die Bilder im Netz, die nichts mit ihrer Leistung als Sportlerin zu tun haben, irgendwie in den Griff zu bekommen.
In der Umfrage unter den Spitzensportlerinnen wird aber auch deutlich: Nicht nur bezogen auf ihr Aussehen werden Sportlerinnen anders behandelt als ihre männlichen Kollegen. Jede dritte Spitzensportlerin gab in der Umfrage an, ihrer Erfahrung nach erwarteten Fans von Sportlerinnen auch ein anderes Verhalten als von Sportlern. Die Themenfelder, über die viele von ihnen in offenen Textfeldern berichten, sind zahlreich. Viele schreiben, von ihnen als Sportlerinnen werde erwartet, dass sie Fans gegenüber nahbarer seien, immer freundlich, mehr mit dem Publikum agierten. "Bei Sportlern wird es hingegen eher hingenommen, wenn der Athlet kalt/fokussiert/ruhig ist."
"Männer dürfen schwitzen und fluchen"
Viele der Sportlerinnen beschreiben in den Antworten der Umfrage das Gefühl, auf das Zeigen von Emotionen besser zu verzichten. "Wenn man sich über etwas ärgert/freut ist man zu emotional, wenn man sich beschwert eine 'Dramaqueen', wenn man sich auf sich selbst fokussiert eingebildet oder kalt. Das Verhalten wird bei Männern eher gerechtfertigt, während Frauen, egal was sie machen, kritisiert werden."
Andere schreiben: "Von Männern wird erwartet, dass sie an ihre Grenzen gehen und das auch äußerlich sichtbar ist. Frauen sollen auch noch im Endspurt ästhetisch gut aussehen."
"Ich habe das Gefühl, dass Sportlerinnen beim Training und Wettkampf immer noch 'weiblich' wirken müssen. Männer dürfen sich verhalten wie sie wollen und z.B. laut sein, schwitzen oder fluchen. Bei Frauen wird emotionales Verhalten im Training immer lächerlich oder zickig genannt."
Expertin: Zusammenspiel notwendig
"Das kenne ich auch noch aus meiner Zeit", sagt Claudia Reidick, Sportwissenschaftlerin und 1988 selbst Olympiamedaillengewinnerin im Hürdenlauf. "Das würde man keinem Mann sagen", vermutet sie. "Da glaube ich schon, ist nochmal die Erwartung an eine Frau anders. Und manchmal mit diesem Leistungssport nicht so ganz vereinbar."
Auch Sportsoziologin Bettina Rulofs kennt diese Erfahrungen der Sportlerinnen. Sie sagt, auf der einen Seite gebe es tatsächlich diese Erwartungshaltungen, dass Sportlerinnen selbst im Ziellauf noch gut aussehen müssten, nicht nur Leistung bringen. Sie sagt aber auch: "Wir Frauen und die Sportlerinnen können ja auch dazu tun, das zu verschieben." Aus ihrer Sicht gebe es inzwischen viele vor allem junge Athletinnen, "die sich da wirklich auch nichts mehr vorschreiben lassen, sondern tatsächlich eben einfach so sind wie sie sind" und auch dafür Aufmerksamkeit erhielten.
Doch es liege auch an den Verbänden, "gerade in ihrer Öffentlichkeitsarbeit davon abzusehen, solche Klischees zu bedienen". Notwendig sei ein Zusammenspiel von Sportlerinnen, der Medienmacher, Öffentlichkeitsarbeit und Agenturen. "Wenn da alle an einem Strang ziehen und es eine Verständigung dazu gäbe, dass Sportlerinnen als Leistungsträgerinnen gezeigt werden, dann wäre es einfacher."