SWR-Umfrage unter 300 Spitzensportlerinnen

Essstörungen im Leistungssport: Wenn Gewicht und Aussehen alles entscheiden

Das Risiko, im Leistungssport eine Essstörung zu entwickeln, ist groß. Athletinnen wie Fabienne Königstein und Alina Böhm sprechen offen über ihre Erfahrungen - und was sich ändern muss.

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Stand

Von Autor/in Chiara Vischer

Leistungssport: ein Hochrisiko-Umfeld für Sportlerinnen

"Wir Athleten sind in einem Hochrisiko-Umfeld für Essstörungen", bringt es Marathonläuferin Fabienne Königstein auf den Punkt. Sie ist Mitglied im Präsidium des DOSB und bei Athleten Deutschland e.V. engagiert, setzt sich dort für die Interessen der Athletinnen ein. Königstein litt selber nie unter einer Essstörung, weiß allerdings, wie Ernährung und Gewicht das Leben einer Spitzensportlerin dominieren können.

Zwischen der Jagd nach Bestleistungen, den Anforderungen von Gewichtsklassen und dem gesellschaftlichen Druck auf den weiblichen Körper, rutschen Athletinnen immer wieder in Muster von Essstörungen ab.

Gewichtsverlust: eine tickende Zeitbombe

Fabienne Königstein beschreibt, wie stark Erwartungen von außen auf Athletinnen wirken. Wer dünn ist, gilt meist automatisch auch als fit. "Es ist ein Kartenhaus, das irgendwann zusammenfällt", sagt sie. Obwohl weniger Gewicht in vielen Sportarten, wie beispielsweise im Laufsport, erstmal zu besseren Ergebnissen führen kann, ist dieser Gewichtsverlust eine "tickende Zeitbombe", sagt die Marathonläuferin: Kurzfristige Leistungsgewinne durch Gewichtsreduktion enden eben oft in Verletzungen oder körperlicher Erschöpfung.

Gewicht als ständiger Gegner

Besonders hart trifft es Sportarten mit Gewichtsklassen. Die Judoka Alina Böhm erinnert sich: "Zu der Zeit, wo ich viel Gewicht gemacht habe, hat die Zahl auf der Waage schon entschieden, wie ich mich an dem Tag gefühlt habe. Meistens scheiße." Sie ist früher in der Gewichtsklasse bis 70 Kilo angetreten und der Wechsel in eine höhere Gewichtsklasse brachte ihr Befreiung - und machte sie sogar erfolgreicher: "Das Mutigste, was ich in meiner Karriere, glaube ich, gemacht habe, war, in die 78-Kilo-Klasse zu wechseln."

Körper wird immer von anderen beurteilt

In der SWR-Umfrage unter 300 Spitzensportlerinnen bejahte übrigens jede dritte Teilnehmerin, dass ihrer Meinung nach ihr Äußeres in ihrem Sport und für ihren Erfolg eine Rolle spielt.

Sportwissenschaftlerin und Ex-Leichtathletin Claudia Reidick erklärt, wie viele Sportlerinnen unter gesellschaftlichen Körpernormen leiden. Beim Leistungssport "gehört es einfach dazu, dass man auch ein bisschen mehr Muskeln hat", sagt sie. "Athletinnen, die damit nicht klarkommen, werden im Leistungssport am Ende auch nicht ganz weit kommen", so Reidick. Als Sportlerin muss man also in Kauf nehmen, dass die eigene Figur oft nicht der gesellschaftlichen Definition der weiblichen Form entspricht. Das Ziel, erfolgreich zu sein, muss einem wichtiger sein, als "irgendwo von bestimmten Leuten gemocht zu werden". Vielen Sportlerinnen fällt es aber schwer, mit diesen konkurrierenden Erwartungen umzugehen. Reidick betont, Essstörungen seien dabei kein Lifestyle-Problem, sondern eine Krankheit: "Das ist wie ein Kreuzbandriss, nur auf einem anderen Organ."

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Gewicht als täglicher Stresstest

Auch die ehemalige Säbelfechterin Léa Krüger litt während ihrer aktiven Karriere unter Essstörungen. Im Interview mit dem SWR erklärt sie, wie frustrierend es sei, dass Sportlerinnen das Gefühl gegeben werde, ihr Aussehen und ihr Körper könnten Einfluss auf die sportliche Beurteilung, beispielsweise von Schiedsrichtern, haben.

Mit Ernährung im Einklang - statt im Kampf

Für Fabienne Königstein war die Auseinandersetzung mit ihrer Ernährung als Leistungssportlerin ein Lernprozess. Sie berichtet, wie sie früher bei Einheiten von anderthalb Stunden nur Wasser dabeigehabt habe. Heute setzt sie gezielt auf Kohlenhydrate und Proteine im Training. Es hat Klick gemacht: "Wenn ich jetzt anderthalb Stunden locker auf der Radrolle bin, dann habe ich meine 80 Gramm Kohlenhydrate im Getränk. Das gehört für mich standardmäßig dazu", so Königstein.

Ich glaube aber auch, dass sich da auch wiederum viel tut, weil die Athleten mittlerweile kapiert haben, gerade in den Ausdauersportarten, wie wichtig vor allem die Kohlenhydrate während des Trainings sind und auch wie wichtig es ist, sich direkt nach dem Training dann mit Proteinen und Kohlenhydraten zu verpflegen."

Das Umfeld als Entscheidungsfaktor

Königstein betont die Bedeutung des Umfelds. Insbesondere der Trainer spiele bei der Auseinandersetzung mit dem Essverhalten der Sportlerinnen eine große Rolle. Sie müssten ihnen verdeutlichen, wie wichtig Ernährung für ihre sportliche Leistungsfähigkeit ist: "Wir sagen immer, ohne Mampf keinen Kampf". Auch für Böhm ist diese Aufklärung der Athletinnen entscheidend. Die Zusammenarbeit mit Ernährungsberatern hat ihr geholfen, ihr Essverhalten in den Griff zu bekommen. Insbesondere, wenn man so stark mit seinem Gewicht konfrontiert ist, wie im Judo, ist die Aufklärung junger Athletinnen essenziell.

Was sich verändert und verändern muss

Immer mehr Verbände bieten Workshops zur Ernährung an und Social Media sorgt für mehr Austausch und Sensibilisierung. Königstein ist optimistisch: "Athletinnen hinterfragen mehr." Gleichzeitig bleibt die Verantwortung groß: Trainer, Vereine und Psychologen müssten früh gegensteuern und Essstörungen ernst nehmen.

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Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Chiara Vischer
Interview
Patricia Preis
Kira Rutkowski
Julia Metzner
Moderatorin Julia Metzner