"Rise & Fall of 1. FC Kaiserslautern"

"Die Titanic war eigentlich schon untergegangen": Als beim FCK fast die Lichter ausgingen

Der 1. FC Kaiserslautern stürzt nach Jahren der Talfahrt 2018 in die 3. Liga ab. Finanziell steht der Klub vor dem Nichts - dann folgen Coronakrise, eine Planinsolvenz und eine schon fast nicht mehr für möglich gehaltene Rettung.

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Stand

Von Autor/in Johann Schicklinski

2010 sah die Welt noch einmal rosig aus für den 1. FC Kaiserslautern. Die Roten Teufel waren gerade nach vier langen Jahren dahin zurückgekehrt, wo sie dem eigenen Selbstverständnis nach unbedingt hingehören: in die Fußball-Bundesliga. Die Pfälzer nahmen die Aufstiegs-Euphorie mit in die neue Spielzeit und der 2:0-Sieg gegen den FC Bayern im ersten Heimspiel nach dem Wiederaufstieg war nur die Ouvertüre für viele weitere begeisternde Partien auf dem altehrwürdigen Kaiserslauterer Betzenberg.

Das vorerst letzte Zwischenhoch des 1. FC Kaiserslautern

Am Ende der Saison 2010/2011 wurde der FCK Siebter - als Aufsteiger eine hervorragende Bilanz. Und das gerade mal drei Jahre, nachdem Lautern fast in die 3. Liga abgestiegen wäre. Was im Sommer 2011 keiner wusste: Es sollte das vorerst letzte Zwischenhoch des Traditionsklubs sein.

Kritik an FCK-Boss Stefan Kuntz

Es war wie so oft beim 1. FC Kaiserslautern. Der siebte Platz schürte Erwartungen und Hoffnungen – die  bitter enttäuscht wurden. In der Spielzeit 2011/2012 stieg der FCK chancenlos als Letzter ab. Hauptgrund: ein nicht einmal in Ansätzen bundesligatauglicher Kader, der vor allem dem damaligen Vorstandsboss Stefan Kuntz angelastet wurde. "Dass die Trefferquote mal hoch ist und mal nicht so hoch - das ist normal", sagt Kuntz heute über seine damaligen Verpflichtungen. Dennoch: Ab da ging es bergab.

Kaiserslautern

"Rise & Fall of 1. FC Kaiserslautern" Stefan Kuntz und seine Zeit als FCK-Boss: Vom Hoffnungsträger zum Gesicht der Krise

Stefan Kuntz kehrte 2008 als Vorstandsvorsitzender zum 1. FC Kaiserslautern zurück, als der Klub am Boden lag. Der frühere Profi wurde zunächst gefeiert wie ein Heilsbringer - doch sein Ende kam vorzeitig.

In den folgenden drei Spielzeiten scheiterten die Roten Teufel  jeweils relativ knapp am Wiederaufstieg (einmal Relegation, zweimal Vierter). Dabei entstand aber ein finanzielles Ungleichgewicht, das mit jeder Saison in der Zweitklassigkeit größer wurde. Durch teure Kader und vor allem die hohe Stadionmiete wurden Defizite eingefahren, die den Klub in eine Schieflage brachten.

2018 stürzen die Roten Teufel in die 3. Liga ab

Die Pfälzer befanden sich in einem für den Profifußball klassischen Dilemma: Der FCK brauchte den sportlichen Erfolg aus finanziellen Gründen unbedingt - sprich den Aufstieg. Doch dieser stellte sich nicht ein, das finanzielle Ungleichgewicht wurde mit jedem zusätzlichen Jahr ohne Bundesliga größer. Stattdessen ging es 2015/2016 Richtung Tabellenkeller der 2. Liga.

Die Trennung von Boss Kuntz folgte. Besser wurde es unter seinen Nachfolgern nicht - im Gegenteil. Nach zwei weiteren Jahren mit Abstiegskampf in der 2. Liga ereignete sich 2018 das von den Fans für Unmöglich gehaltene: der erstmalige Abstieg des pfälzischen Traditionsklubs in die 3. Liga.

Es war klar, dass die Drittklassigkeit aus finanzieller Sicht eine Herkulesaufgabe werden würde. Der Pacht- und Vertreibervertrag für das Stadion war ligaunabhängig gültig und der mit Abstand größte Klotz am Bein des Klubs.

Beim FCK war man natürlich bemüht, den Herausforderungen durch regulatorische Weichenstellungen so gut wie möglich gerecht zu werden. Am 3. Juni 2018 stimmten 92 Prozent der Mitglieder für eine Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung, bestehend aus der Profimannschaft, der zweiten Mannschaft sowie der U19 und U17, in eine GmbH und Co. KgaA, also in eine Kapitalgesellschaft. Gleichzeitig wurde die Suche nach einem Investor gestartet.

"Das hat man aus der finanziellen Not gemacht, um den Verein wieder auf gesunde Füße zu stellen", blickt Rainer Keßler, der von September bis Dezember 2018 FCK-Aufsichtsratsvorsitzender war, in der SWR-Sport-Doku "Rise an Fall of 1. FC Kaiserslautern" zurück. Die sportliche Zielsetzung war dann ebenfalls durch die Finanzen vorgegeben, nicht nur durch den eigenen Anspruch: Jede Saison in der neuen Klasse würde ein großes Minus verursachen, daher müsse der Traditionsklub so schnell wie möglich zurück in die 2. Liga.

"Hier geht es zur Doku "Rise & Fall of 1. FC Kaiserslautern"

Allerdings klappte das nicht wie gewünscht. Platz neun in der Spielzeit 2018/2019 war eine herbe Enttäuschung, Platz zehn ein Jahr später, in einer Saison, die bereits von der Coronapandemie überlagert wurde, war noch enttäuschender.

Markus Merk: "Diesem Klub sind nach unten keine Grenzen gesetzt"

"Insgesamt kam für mich diese Phase nicht überraschend", erinnert sich auch Markus Merk in der SWR-Sport-Doku. "Wer das über einen gewissen Zeitraum beobachtet hat, dem war eigentlich klar, dass diesem Klub nach unten keine Grenzen gesetzt sind. So etwas im freien Fall aufzufangen, ist dann relativ schwierig."

Merk war damals ein Gesicht des FCK, Mitglied im Aufsichtsrat des 1. FC Kaiserslautern e.V. und Beiratsvorsitzender der Kapitalgesellschaft. Zusammen mit Rainer Keßler trat er als "Team Merk/Keßler" als Vorsitz des FCK-Aufsichtsrats zur Rettung des FCK an. Man habe, so erinnert er sich, die Ärmel hochgekrempelt, um den Roten Teufeln wieder eine Perspektive zu bieten. "Das war die schwierigste Phase. Wir haben uns die Frage gestellt: Wie können wir diesen freien Fall stoppen?", so Merk.

"Die wirtschaftliche und die sportliche Situation hat man sich hart erarbeitet"

Denn finanziell sah es immer düsterer aus. "Die damalige wirtschaftliche und die damalige sportliche Situation hat man sich hart erarbeitet", blickt Merk etwas gequält zurück. Die Schulden waren im Juni 2020 auf 24 Millionen Euro angewachsen. Es ging nichts mehr, die Zahlungsunfähigkeit drohte. Die 1. FC Kaiserslautern GmbH & Co. KGaA stellte daraufhin am 15. Juni 2020 einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung. 

"Ein endlos weiter Weg lag vor uns, das war mir damals schon klar. Das betraf nicht nur das, was auf dem Platz passiert. Sondern auch strukturell - der ganze Klub musste neu aufgebaut werden", erinnert sich Merk. "Aber das war mein Verein. Ich wusste, ich würde es mir ewig vorwerfen, wenn ich da keine Verantwortung übernommen hätte."

Ein Planinsolvenzverfahren wurde am 1. September 2020 eröffnet - und am 7. Dezember 2020 abgeschlossen, was rückblickend als "Wendepunkt" in die Klubhistorie einging. Die Gläubiger stimmten zu, auf 96 Prozent ihrer Forderungen zu verzichten. Dieser Schritt ermöglichte  die Entschuldung der Kapitalgesellschaft. Der eingetragene Verein wies weiterhin fünf Millionen Euro Verbindlichkeiten auf. Doch davon abgesehen waren die Roten Teufel plötzlich schuldenfrei.

Dennoch war der Druck groß. "Wir mussten dann sofort Geld besorgen, um eine positive Fortführungsprognose für diesen Verein zu generieren", blickt Merk zurück. "Wir brauchten frisches Geld, Eigenkapital."

Rainer Keßler: "Dann kam Corona"

Verhandlungen mit potentiellen Investoren wurden weiter geführt, mehrere mögliche Partnerschaften zerschlugen sich aber, so Keßler rückblickend: "Dann kam Corona. Das hat plötzlich nochmal alles verändert. Die Investoren, mit denen wir im Gespräch waren, spürten eine totale Unsicherheit. Für sich selbst und für mögliche Investments."

Für den FCK wurde dieser Umstand zum Glücksfall, denn die Saar-Pfalz-Invest GmbH, eine Gruppe regionaler Unternehmer, investierte dann rund elf Millionen Euro, um 33 Prozent der Anteile an der Kapitalgesellschaft zu erwerben. "Eine Riesengeschichte", wie Keßler heute meint. "Der regionale Investor weiß um die Geschichte des Vereins. Er hat einen Bezug zum Verein und zur Region und lebt seinen Investorenansatz anders als ein internationaler Investor."

Investoren-Sprecher damals war Giuseppe Nardi. In der SWR-Sport-Doku erinnert er sich. "Wir hätten das Engagement nie begonnen, wenn wir nicht in der Lage gewesen wären, genügend Geld reinzuschiessen, um dem FCK das Fortbestehen und den Spielbetrieb in einer gewissen Qualität zu ermöglichen ", so Nardi rückblickend.

Die seit langem anhaltende Talfahrt des vierfachen deutschen Meisters war jedenfalls abgebremst. Der FCK profitierte bei seiner Planinsolvenz von Corona-Sonderregelungen. So gab es keine Punktabzüge - obwohl eigentlich ein Neun-Punkte-Malus als Sanktion vorgesehen war. Doch der DFB setzte diese Strafe in der Corona-Pandemie aus.

Neben den Corona-Sonderregelungen nutzten den Pfälzern zwei weitere Vorteile: Seit 2012 war es für Unternehmen mit positiven Zukunftsaussichten möglich, die Insolvenz in Eigenverwaltung durchzuführen. Bei solch einer Planinsolvenzen ist es nämlich möglich, die Geschäfte im Vergleich zur Regelinsolvenz weiter selbst zu führen.

"Die Titanic war eigentlich schon untergegangen"

Kurz zusammengefasst hieß das: Der FCK hatte das Heft des Handelns in der Hand. Der Klub war "dank" der Coronakrise ohne Punkteabzug aus der Planinsolvenz gegangen. Und er war zudem wieder liquide. "Es war eine Herkules-Aufgabe. Wir hatten 24 Millionen Euro Schulden, es kam Corona, der Klub muss in die Insolvenz. Aber es ist uns in dieser Zeit gelungen, den Verein wieder wirtschaftlich zu machen, obwohl die Titanic eigentlich schon untergegangen war", so Merk.

Liga-Rivalen fühlten sich ungerecht behandelt

Die Liga-Konkurrenz beäugte die Vorgänge in Kaiserslautern argwöhnisch. Dass der FCK trotz der kritischen Lage neue Spieler kaufen konnte und gleichzeitig noch offene Raten für zurückliegende Transfers nicht mehr zahlen musste, sorgte für heftigen, teils öffentlich artikulierten Verdruss. Die Rivalen fühlten sich ungerecht behandelt. Der 1. FC Kaiserslautern hatte indes die angepassten Regularien in seinem Sinne ausgelegt und "die Gunst der Stunde" genutzt.

Doch es wurde nicht von jetzt auf gleich alles besser. In der Saison 2020/2021 wurde der FCK lediglich Tabellen-14. der 3. Liga, ein erstmaliger Gang in die viertklassige Regionalliga war damals lange Zeit ein realistisches Szenario. "Wir haben Gott sei dank den Abstieg aus der 3. Liga verhindert", schaut Merk zurück. "So haben wir nach dem wirtschaftlichen auch das sportliche erst einmal wieder gesettled. Von dieser Basis aus konnte es wieder nach oben gehen."

Der Traum von der Bundesliga-Rückkehr lebt

Erst in der Spielzeit darauf schafften die Roten Teufel, die sich mit  - für Drittligaverhältnisse - Top-Spielern verstärkt hatten, über den Umweg Relegation gegen Dynamo Dresden die vier Jahre lang so ersehnte Rückkehr in die 2. Liga. Dort hat sich der Klub seitdem stabilisiert - und darf aktuell zumindest leise Aufstiegshoffnungen hegen.

Eine Perspektive immerhin - und zwar eine, die vor fünf Jahren für sehr viele noch ganz weit weg war. Damals schien es realistischer, dass auf dem Betzenberg die Lichter ganz ausgehen.