Aktuell steht der 1. FC Kaiserslautern in der oberen Hälfte der 2. Liga, auch wenn es vor der Winterpause durch das 2:3 gegen den 1. FC Magdeburg einen Rückschlag gab. Der Aufstieg in die Bundesliga - wie schon 1997 und 2010 - erscheint zwar ambitioniert, aber nicht illusorisch. Und wer weiß - vielleicht träumt ja so manch ein Anhänger der Roten Teufel von einem Coup wie 1997, als dem FCK wohl die größte Sensation in der Bundesliga-Historie gelang.
Die Pfälzer unter Trainer Otto Rehhagel wurden damals als Aufsteiger Deutscher Meister - bis heute einmalig. In einer Zeit, in der die Schere zwischen den international spielenden Topklubs und dem Rest immer weiter auseinandergeht, mittlerweile fast undenkbar.
Markus Merk: "Das größte Wunder im deutschen Fußball"
"Es ist das größte Wunder im deutschen Fußball - und das wird es auch bleiben", sagt Markus Merk 27 Jahre später in der SWR-Sport-Doku "Rise & Fall of 1. FC Kaiserslautern". "Wir werden es nicht mehr erleben, dass ein Aufsteiger aus der 2. Liga im Folgejahr Deutscher Meister wird."
"Rise & Fall of 1. FC Kaiserslautern" berichtet über dieses Wunder, seine Folgen und hat mit zahlreichen Protagonisten gesprochen. SWR Sport wirft deshalb noch einmal einen Blick auf das Sensationsjahr des 1. FC Kaiserslautern.
Zurück in der Beletage des deutschen Fußballs
Hinter dem pfälzischen Traditionsklub lagen bewegte Jahre. Der erstmalige Bundesliga-Abstieg 1996, dem nur eine Woche später der Sieg im DFB-Pokal folgte. Der frühzeitige Wiederaufstieg, die Party auf dem Betzenberg und in der Stadt sowie die Euphorie, die man mit in die Sommerpause nahm. Trotz interner Querelen freuten sich alle rund um die Roten Teufel, endlich wieder da zu sein, wo man dem eigenen Selbstverständnis nach hingehörte: in der Beletage des deutschen Fußballs.
Gleich am ersten Spieltag kam es zu einem pikanten Duell: Meister Bayern München empfing den Aufsteiger Kaiserslautern. Für FCK-Trainer Rehhagel die Rückkehr an den Ort, wo er 461 Tage zuvor, im April 1996, entlassen worden war.
Michael Schjönberg mit dem goldenen Treffer gegen die Bayern
Die Roten Teufel sorgten direkt für einen Paukenschlag. Sie gewannen beim deutschen Rekordmeister dank einer taktischen Meisterleistung und eines Kopfballtreffers des dänischen Abwehrspielers Michael Schjönberg mit 1:0 und sorgten dafür, dass die Euphorie rund um den Betzenberg nicht nur erhalten blieb, nein, sie steigerten sie sogar noch.
Getragen von dieser Euphorie folgten weitere Erfolge, der Aufsteiger pflügte durch die Bundesliga. Erst am achten Spieltag setzte es mit einer Heimpleite gegen Werder Bremen die erste Niederlage. Doch da war der FCK bereits seit Wochen Tabellenführer.
Viele Protagonisten im Formhoch
Der Lauf hatte deutlich gemacht: Die Roten Teufel waren wieder da - und wie! Sie hatten eine eingespielte Truppe, waren schwer zu bespielen und noch schwerer war es, Tore gegen sie zu erzielen. Die Abwehr mit Libero Miroslav Kadlec sowie den beiden Manndeckern Harry Koch und Schjönberg stand sicher, keiner war sich zu schade, den Ball auch mal auf die Tribüne zu dreschen. Auch die Außenbahnspieler Martin Wagner (auf der linken Seite) und Andreas Buck (auf rechts) arbeiteten nach hinten mit, machten aber auch ständig Druck nach vorne.
In der Mittelfeldzentrale war der Schweizer Ciriaco Sforza der Chef, er dirigierte das FCK-Spiel sowie seine Mitspieler. Der Brasilianer Ratinho sorgte für das kreative Element im Offensivspiel, vorne lauerten die beiden Angreifer Marschall und Pavel Kuka auf verwertbare Zuspiele. Mit Jürgen Rische hatte der FCK einen torgefährlichen Joker, die Youngster Marco Reich und Michael Ballack brannten auf Einsätze. Mit Oliver Schäfer, Axel Roos, Marian Hristov und anderen gab es zahlreiche weitere Spieler, die in der Saison 1997/1998 in verschiedenen Rollen sehr wertvoll wurden. Sie alle einte ein Formhoch, dass sie praktisch von Beginn an durch die Spielzeit trug.
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Sensationelle Ausbeute
Von der ersten Saisonniederlage ließen sich die Roten Teufel jedenfalls nicht bremsen und antworteten mit zwei Siegen. 25 Punkte aus zehn Spielen lautete die sensationelle Zwischenbilanz. Und das Rehhagel-Team zog bis zur Winterpause durch: 39 Zähler zur Halbzeit - und das als Aufsteiger.
Der Start der Rückrunde erfolgte in der Saison 1997/1998 bereits Anfang Dezember. Somit kam es wieder zum Duell mit den Bayern, die die Hinserie mit 35 Zählern beendet hatten und erster Verfolger waren. Und das Setting konnte eigentlich besser nicht sein: Das Spiel fand an einem Freitagabend unter Flutlicht statt, der FCK hätte den Betzenberg mehrmals ausverkaufen können, so groß war die Nachfrage nach Karten. Das Spiel elektrisierte die Massen weit über die Pfalz hinaus.
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FCK zieht den Bayern den Zahn
Der Spielverlauf spielte den Hausherren in die Karten. Nach einer ausgeglichenen ersten Hälfte traf Münchens Dietmar Hamann kurz vor der Pause nach einer scharfen Linksflanke ins eigene Netz - 1:0 für den FCK. Die Roten Teufel konnten sich somit im zweiten Durchgang zurückziehen und auf Konter verlegen. Einen ebensolchen schloss der Bulgare Marian Hristov nach einem Pass von Rechtsaußen Buck aus gut sieben Metern zum 2:0-Endstand ab (85. Minute).
Lautern hatte somit nach 18 Spieltagen sieben Punkte Vorsprung auf den ersten Verfolger, der Jubel in der Pfalz war grenzenlos. Immer mehr beim und rund um den FCK glaubten an das eigentlich unmögliche, an den Titel.
Rehhagels Erfolgsgeheimnis: "Die Bayern schlagen"
Auch für Coach Rehhagel war der zweite Erfolg gegen Bayern ein Meilenstein auf dem Weg zur späteren Meisterschaft. "Wir haben ja etwas geschafft, was keiner mehr schafft. Wenn man Meister werden will, muss man Bayern im ersten Spiel und im Rückspiel schlagen", so der mittlerweile 87-Jährige im Gespräch mit SWR Sport. "Die Euphorie und die Begeisterung waren danach groß."
Trapattonis legendäre Wutrede
Der Start ins neue Jahr glückte ebenfalls. Der FCK blieb in den ersten sieben Spielen ungeschlagen und baute seinen Vorsprung in der Tabelle aus, während bei den Bayern Unruhe herrschte. Diese kulminierte am 25. Spieltag nach einer 0:1-Niederlage auf Schalke in der berühmten Wutrede von Trainer Giovanni Trapattoni.
Der Vorsprung schmolz plötzlich
Am 28. Spieltag setzte es dann einen herben Dämpfer - 0:3-Heimpleite gegen Bayer Leverkusen. Es folgten drei Remis, beim MSV Duisburg, im Fritz-Walter-Stadion gegen den BVB und bei Hansa Rostock. Der Vorsprung auf die Bayern war drei Runden vor dem Saisonende auf zwei Zähler zusammengeschmolzen. Plötzlich wandelte sich die allgemeine Euphorie rund um die Roten Teufel in Bangen und Zittern. Die Sensation, die so lange greifbar nah schien, drohte zu platzen.
Am 32. Spieltag wartete auf den FCK dann ein Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach. Erneut war das Fritz-Walter-Stadion ausverkauft, auf die Fans wartete ein Flutlichtspiel am Freitagabend. Die Anspannung auf dem Betzenberg war förmlich greifbar, alle hofften auf ihre Mannschaft - und waren gleichzeitig verunsichert.
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Ein Fußballwunder auf dem Betzenberg
Die Pessimisten unter den Anhängern schienen zunächst recht zu behalten. Nach Treffern von Markus Hausweiler und Jörgen Petterson hieß es kurz vor der Pause 0:2, der FCK schien doch noch alles zu verspielen. Was dann folgte, ging als eines der vielen Fußball-Wunder auf dem Betzenberg in die Geschichte ein.
Ein letzter Angriff der Hausherren vor dem Halbzeitpfiff. Nach einer unübersichtlichen Aktion und mehreren Gladbacher Abwehrversuchen fiel der Ball Olaf Marschall vor die Füße. Der Stürmer, in der Form seines Lebens, schloss mit links aus gut 14 Metern unter die Latte des Gästetores zum 1:2-Anschlusstreffer ab. Unter den Anhängern keimte wieder Hoffnung auf. Coach Rehhagel reagierte trotzdem in der Pause und brachte zur zweiten Hälfte die beiden Youngster Ballack und Reich.
Die zweiten 45 Minuten sollten zum Sturmlauf werden, angefeuert von den frenetischen Fans. Erst recht, nachdem Marschall mit seinem zweiten Treffer ausgleichen konnte (61. Minute) - unter gütiger Mithilfe von Borussen-Keeper Uwe Kamps, der einen nicht allzu platzierten Schuss von Hristov vor die Füße des Angreifers abwehrte, der den Ball ins Netz stocherte.
Olaf Marschall zum Dritten
Danach wurde der Druck aufs Gladbacher Tor immer größer, die Zeit lief dem FCK allerdings davon. Dann, in der letzten Spielminute, noch einmal ein Angriff der Pfälzer. Der 20-jährige Reich bekam auf der linken Kaiserslauterer Angriffsseite den Ball und flankte in den Gladbacher Strafraum. Dort lief Marschall knapp vor dem Fünfmeterraum dem Ball entgegen, stieg hoch, traf die Kugel perfekt mit dem Kopf und bugsierte sie so in den linken Winkel des Gästetores. Seine Mitspieler, Coach Rehhagel und der komplette Betzenberg rasteten aus, das Fritz-Walter-Stadion war ein absolutes Tollhaus.
Da auch die Bayern ihre Hausaufgaben machten und Leverkusen mit 2:1 schlugen, ging der FCK mit weiterhin zwei Zählern Vorsprung in den 33. Spieltag am 02. Mai 1998. Die Roten Teufel empfingen Wolfsburg, während die Münchner bei den damals bereits geretteten Duisburgern vor einer Pflichtaufgabe standen. Doch der FCB tat sich in einem zähen Spiel schwer, während sich bei den Lauterern durch das "Fußball-Wunder" gegen Gladbach alle Fesseln gelöst zu haben schienen.
"Ein Meer in Rot und Weiß!"
Nach Treffern von zweimal Marschall, Wagner und Rische triumphierte der FCK mit 4:0, während die Bayern über eine Nullnummer bei den Zebras nicht hinauskamen. Die letzten Minute, die letzten Sekunden waren dann Geschichte.
Rehhagel: "Wir haben Fußballgeschichte geschrieben"
"Wir haben Fußballgeschichte geschrieben", blickt Rehhagel heute zurück. Und in welch überzeugender Manier: An 32 von 34 Spieltagen stand der FCK an der Tabellenspitze, ab dem vierten Spieltag ununterbrochen.
Für Markus Merk war Rehhagel der Baumeister des Erfolgs. "Als er kam, wusste ich erst nicht, warum er sich das antut. Aber als er da war, passte alles zusammen", so der 63-Jährige. "Die gesamte Vereinsstruktur hat damals absolut gestimmt. Und das hat zum Erfolg geführt."
Nach dem Titel herrschte Ausnahmestimmung. Ganz Kaiserslautern feierte damals den vierten Meistertitel der Vereinsgeschichte. Zur ad hoc organisierten inoffiziellen Meisterfeier kamen am Samstagabend weit über 30.000 Fans in die Stadt. Die Kneipen und Cafés hatten die ganze Nacht geöffnet. Die Pfalz feierte eine unfassbar emotionale Party. Noch heute bekommen FCK-Fans Freudentränen in die Augen, wenn sie sich an diesen 02. Mai 1998 erinnern.
Rehhagel verließ 2001 den Verein
Was damals keiner ahnte: Es war bis heute der letzte Titel des 1. FC Kaiserslautern. Rehhagel führte das Team in den beiden Folgejahren noch zweimal auf Rang fünf, bevor er nach schwachem Saisonstart am 30. September 2001 und "Otto raus"-Rufen seitens der Fans seinen Hut nahm. Danach ging es mit dem FCK endgültig bergab. 2006 und 2012 stieg man noch zweimal aus der Bundesliga ab, 2018 sogar aus der 2. Liga, in die man erst 2022 zurückkehrte und in der man jetzt um Stabilisation im oberen Tabellendrittel kämpft.
Eines aber kann dem FCK keiner nehmen: das Wunder vom Betzenberg 1998. Ein Stück Fußballgeschichte das, so paradox es klingt, im Abstieg 1996 seinen Anfang nahm. Ein Absteiger wurde dann Pokalsieger, stieg wieder auf und triumphierte ein Jahr später als Deutscher Meister. Eine Leistung, die in der Bundesliga wahrscheinlich für immer einzigartig bleiben wird. Auch wenn Träumen erlaubt ist.