"Rise & Fall of VfB Stuttgart"

"Wollte nie weg aus Stuttgart": Giovane Elber und der Bayern-Wechsel

Der Stern von Giovane Elber ging einst beim VfB Stuttgart auf. Der Brasilianer fühlte sich in der Schwaben-Metropole glücklich und heimisch, wechselte aber trotzdem zum FC Bayern.

Teilen

Stand

Von Autor/in Johann Schicklinski

Es war das bestmögliche Ende der Zeit von Giovane Elber beim VfB Stuttgart. Der damals 24-Jährige verabschiedete sich in seinem letzten Pflichtspiel standesgemäß - und zwar mit zwei Treffen im Endspiel um den DFB-Pokal gegen Energie Cottbus. 2:0 für die favorisierten Schwaben hieß es am 14. Juni 1997. Elbers Doppelpack bedeutete den dritten Pokalsieg der VfB-Vereinsgeschichte.

Giovane Elber (li.) trifft im DFB-Pokalfinale 1997 per Kopf zum 2:0 gegen den FC Energie Cottbus.
Giovane Elber (li.) trifft im DFB-Pokalfinale 1997 per Kopf zum 2:0 gegen den FC Energie Cottbus.

Extra-Motivation für Giovane Elber

Elber war mit einer gehörigen Portion Wut in die Partie gegangen. Sein Wechsel zum FC Bayern München zur kommenden Saison stand bereits fest. Der Angreifer hatte deshalb auch einiges an Kritik abbekommen und stand unter besonderer Beobachtung. "Ich habe den Fans versprochen, dass ich bis zuletzt alles geben werde", erinnert sich der mittlerweile 53-Jährige in der SWR-Sport-Doku "Rise & Fall of VfB Stuttgart". "Ich habe im Vorfeld des Finales mitbekommen, dass der ein oder andere Spieler zum Trainer gesagt hat: 'Lass den Giovane gegen Cottbus nicht spielen, weil der schon mit dem Kopf bei den Bayern ist.'"

Elber ärgerte sich damals richtig über seine Mitspieler. "Ich habe das gehört und bin dann zu Jogi (Trainer Joachim Löw, Anm. d. Red.) gegangen und habe ihm gesagt: 'Jogi, ich bitte dich, lass mich spielen. Ich habe den Fans etwas versprochen. Bitte gib mir diese Möglichkeit!' Und Jogi hat gesagt: 'Ok, dann spielst du von Anfang an.' Ich habe dann in der ersten Halbzeit das 1:0 geschossen, in der zweiten Hälfte dann das 2:0. Dann habe ich nach draußen geschaut und zum Trainer gesagt: 'Komm, jetzt kannst du mich auswechseln'", so der Brasilianer.

Joachim Löw ermöglicht Giovane Elber Standing Ovations

Coach Löw tat ihm den Gefallen. Er nahm Elber in der 89. Minute vom Platz und brachte Danny Schwarz. Der Stürmer ging als großer Triumphator unter Standing Ovations vom Feld. Seine Emotionen damals? Widersprüchlich! Zum einen war da das Bewusstsein, sein größtes Spiel für den VfB hingelegt und den Klub zum ersehnten Titel geschossen zu haben. Zum anderen das Wissen, dass es sein letztes Spiel für Stuttgart war und ab Juli ein neues Kapitel in München anbrechen würde.

Besser kann man zwar nicht gehen - dennoch lag ein Schatten über Elbers Abschied. Der Angreifer wollte den VfB nämlich eigentlich gar nicht verlassen. Zu wohl fühlte er sich in Stuttgart - und der Verein war damals ein Team der erweiterten Spitze, auf dem Sprung zum Topklub.

Doch Stuttgarts Verantwortliche forcierten den Wechsel von Elber - aus finanziellen Gründen. "Der Mayer-Vorfelder (Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, Anm. d. Red.) hat gesagt, dass der FC Bayern so viel Geld zahlen und der VfB dieses brauchen würde", erinnert sich Elber. "Und du willst doch auch mehr Geld verdienen." Rund 13 Millionen Mark, also rund 6,5 Millionen Euro, ließ sich der deutsche Rekordmeister den jungen Stürmer kosten. Heute wäre eine solche Summe Peanuts, damals war das für Stuttgart viel Geld.

So leicht war Elber aber nicht von einem Wechsel zu überzeugen. Zu sehr trug er den VfB im Herzen. "Ich habe daraufhin gesagt: 'Mach mir ein Angebot!' Ich habe dann gewartet und gewartet und es kam kein Angebot", so der 53-Jährige.

"Im Pokalfinale habe ich auch Enttäuschung gespürt"

Er sei ein bisschen zum Bayern-Wechsel gedrängt worden, blickt Elber zurück: "Im Pokalfinale habe ich dann auch Enttäuschung gespürt, dass ich nicht mehr bei dem Verein spielen kann, bei dem ich gerne spielen will."

So endete im Juni 1997 nach knapp drei Jahren eine ganz besondere Liaison. Giovane Elber und der VfB Stuttgart waren eigentlich das perfekte Match. Als der Brasilianer 1994 mit knapp 22 Jahren vom Grasshopper Club Zürich zum VfB Stuttgart wechselte, eroberte er - ganz positionsgetreu - die Herzen der Schwaben im Sturm.

Hier geht es zur Doku-Serie "Rise & Fall of VfB Stuttgart".

Auf dem Feld wurde schnell klar, dass der VfB sich einen hochtalentierten Angreifer geangelt hatte. Technische Finesse, Geschwindigkeit, Abschluss, Spielverständnis - all das brachte der junge Elber mit nach Stuttgart. Dazu kam seine ganz spezielle Schlitzohrigkeit auf dem Feld, sie verlieh dem Brasilianer einen ganz besonderen Touch.

Traumstart – und dann der Schock

Elbers Start in der Schwaben-Metropole verlief perfekt. Beim 2:1-Heimsieg gegen den HSV am ersten Spieltag der Saison 1994/1995 steuerte der Stürmer in seinem ersten Bundesligaspiel ein Tor bei, eine Woche später traf er auch beim 2:0-Auswärtserfolg beim TSV 1860 München. Doch die Freude währte nur kurz - in der Partie bei den Löwen wurde er wenig später rüde vom Platz getreten, er musste mit einer Trage abtransportiert werden, während er sich vor Schmerzen wand.

Zuhause in Winterbach bei Schorndorf

"Da habe ich einen Wadenbeinbruch erlitten. Ich habe gedacht: 'Ok, meine VfB-Karriere hat so schön angefangen und vielleicht geht sie jetzt ganz schnell zu Ende.' Zum Glück hatte ich meine Mitspieler, meine Nachbarn - sie alle haben mir geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. Das war sehr schön." Auch sein privates Umfeld habe ihn enorm unterstützt, so Elber weiter: "Ich habe in einem ganz kleinen Ort gelebt in der Nähe von Stuttgart. In Winterbach bei Schorndorf. Ich kannte jeden in diesem Dorf." Dort habe es viel Zuspruch gegeben.

Dennoch: Eine lange Pause war die Folge seiner schweren Verletzung. Elber fehlte dem VfB Stuttgart bis Ende November, doch es dauerte, bis er wieder der Alte war. Erst im März des nächsten Jahres gelang ihm sein nächstes Pflichtspieltor, fünf weitere folgten bis Saisonende.

Balakov, Bobic, Elber - das "Magische Dreieck"

Zu Giovane Elbers Naturell gehört es, sich nicht unterkriegen zu lassen. Ab der Spielzeit 1995/1996 startete die südamerikanische Frohnatur dann richtig durch. Zusammen mit Krassimir Balakov und Fredi Bobic bildete er das "Magische Dreieck", das zeitweise Fußball von einem anderen Stern zelebrierte und bundesweit für Begeisterung sorgte. 16 Treffer erzielte Elber in dieser Bundesliga-Saison - eine Leistung, die er in der Folgespielzeit mit 17 Toren noch einmal übertraf. Es war offensichtlich - er fühlte sich einfach wohl in Stuttgart. Speziell mit seinem Spezi Bobic verband ihn auch abseits des Feldes eine Freundschaft.

Fredi Bobic und Giovane Elber nach dem  DFB-Pokalfinale 1997 (2:0 gegen den FC Energie Cottbus)  - zwei Freunde auch abseits des Feldes.
Fredi Bobic und Giovane Elber nach dem DFB-Pokalfinale 1997 (2:0 gegen den FC Energie Cottbus) - zwei Freunde auch abseits des Feldes.

Wer weiß, wie es beim VfB Stuttgart weiter gegangen wäre, wenn Elber geblieben und das "Magische Dreick" zusammen geblieben wäre. Hypothetisch, der 53-Jährige, der sich nur widerwillig dem FC Bayern anschloss, wurde dann dort ebenfalls zur Legende. Mit dem FCB wurde er in sechs Jahren jeweils viermal Deutscher Meister und DFB-Pokalsieger. Über allem thront der Triumph in der Champions League 2001 mit Elber als einem der Protagonisten.

Tolle Erfolge, doch die drei Jahre im Schwabenland wird Elber trotzdem nie vergessen. Egal, was danach folgte. Denn sie waren ganz besonders : "Die Zeit beim VfB Stuttgart war für mich die schönste Zeit im Fußballgeschäft!"

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Johann Schicklinski