Meinung

1.184 Tage im Amt: Sebastian Hoeneß ist ein Glücksfall für den VfB Stuttgart

Sebastian Hoeneß hat Felix Magath als Trainer-Rekordhalter des VfB Stuttgart überholt. Er ist jetzt 1.184 Tage im Amt. Der Coach ist ein Glücksfall für den Verein, meint Johann Schicklinski.

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Stand

Von Autor/in Johann Schicklinski

Es war das erste Heimspiel für Sebastian Hoeneß als Trainer des VfB Stuttgart: Am 15. April 2023, zwölf Tage nach seinem Amtsantritt, empfingen die höchst abstiegsgefährdeten Schwaben Borussia Dortmund, das sich damals mit dem FC Bayern im Rennen um die deutsche Meisterschaft befand. In einer dramatischen Partie holte der VfB in Unterzahl einen 0:2- und einen 2:3-Rückstand auf und kam in der siebten Minute der Nachspielzeit durch Silas noch zu einem 3:3-Remis.

Ein Punkt im Abstiegskampf, der einem gefühlten Sieg gleichkam - und der einen ersten Eindruck bot, wen Stuttgart da mit Hoeneß eigentlich geholt hatte. Einen Coach, unter dem Offensivfußball Vorrang hat, egal gegen wen. Unter dem ein Spiel erst verloren ist, wenn der Schiedsrichter es tatsächlich abgepfiffen hat. Unter dem die eigenen Stärken betont werden - und nicht die des Gegners.

Der VfB Stuttgart steht stark da

Ich bin ganz ehrlich: Als Hoeneß am 3. April 2023 auf Bruno Labbadia folgte und der VfB sich als Tabellen-Schlusslicht in akuter Abstiegsnot befand, hätte ich mir nicht im Entferntesten vorstellen können, dass die Brustringträger ein Jahr später eine überragende Saison spielen würden: Als Vize-Meister Einzug in die Champions League, in der Folge-Spielzeit der Gewinn des DFB-Pokals und jüngst die erneute Qualifikation für die europäische Königsklasse sowie er Einzug ins DFB-Pokalfinale. Dies alles mit aufregendem, attraktivem Fußball und vielen aktuellen deutschen Nationalspielern im Kader.

Starker Punkteschnitt

Hoeneß' Bilanz bis heute fällt überragend aus. Ein Punkteschnitt von 1,82 Zählern pro Partie ist einer der besten Werte aller Stuttgarter Trainer in der Bundesliga-Historie. Damit liegt er vor Legenden wie Helmut Benthaus (1,78), Joachim Löw (1,76) oder Jürgen Sundermann (1,71).

Unabhängig von den großen sportlichen Erfolgen überzeugt mich Hoeneß auch abseits des Platzes. Wer ihn mit seiner Mannschaft jubeln und agieren sieht, der weiß, wie eng die Bande zwischen ihm und seinen Spielern ist. Der 44-Jährige ist in meinen Augen auch ein guter Pädagoge, er agiert verständnis- und respektvoll. Wichtige Faktoren für mich. Eine öffentliche Kritik an einem seiner Spieler - wie die von Bundestrainer Julian Nagelsmann an VfB-Stürmer Deniz Undav im Vorfeld der Fußball-WM - käme Hoeneß wohl nicht über die Lippen. Wo der DFB-Coach oft verbissen wirkt, agiert der VfB-Coach nahbar, locker und dennoch strebsam. Eigenschaften, die sich nicht ausschließen müssen.

Hoeneß setzt auf Lernkurve bei seiner Mannschaft

Hoeneß zeigt auch Verständnis, wenn es mal nicht so läuft oder es zu einem Spannungsabfall seiner Mannschaft kommt. Er lässt seinen Spielern maximale Freiheit und stellt im gleichen Atemzug Forderungen. Die Lernkurve seines Teams bestätigte ihn bisher, die lange Leine wird nicht missbraucht.

Natürlich hat Hoeneß mit seinem Erfolg auch Begehrlichkeiten anderer großer Vereine geweckt. Doch sein Vertrag beim VfB läuft noch bis Sommer 2028 - offenbar ohne Ausstiegsklausel. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass er den Klub zeitnah verlässt. Schließlich will er auch weiterhin die Früchte dessen ernten, was er gesät hat.

Sebastian Hoeneß ist ein Bessermacher

Die Mannschaft des VfB Stuttgart ist eine der jüngsten der Bundesliga und noch lange nicht am Limit angelangt. Hoeneß gilt als sogenannter Spielerentwickler. Zudem kann das Team - die Kassen sollten verhältnismäßig voll sein - im Sommer auf neuralgischen Positionen nach seinem Gusto ergänzt werden. Es droht erstmals seit Jahren nicht der Verlust von Leistungsträgern.

Dazu hat Hoeneß rund um den Verein mit dem Brustring einen Hype entfacht, der seinesgleichen sucht. Das Stadion ist immer ausverkauft, die Mitgliederzahlen (gut 130.000) sind exponentiell gestiegen. Selbst die öffentlichen Trainingseinheiten werden von Fans überrannt. Hoeneß hat eine besondere Verbindung zu den Anhängern hergestellt. Wer erinnert sich nicht an seine seltenen und dennoch gezielt ausgewählten Auftritte vor und in der Cannstatter Kurve, die das Feuer jedesmal noch schürten.

Den VfB Stuttgart zu einer Spitzenmannschaft geformt

Am 16. Juli startet der VfB Stuttgart mit der Vorbereitung auf die neue Saison. Der Club hat sich unter Sebastian Hoeneß in der nationalen Spitze etabliert und macht international verstärkt auf sich aufmerksam. Etliche VfB-Profis haben ihren Marktwert in den vergangenen Jahren erheblich gesteigert. Was für ein Gegensatz zum Status Quo vor gut drei Jahren. Auf mich wirkt das bis heute immer noch surreal. Diese Entwicklung ist vor allem ein Verdienst vom neuen Rekordhalter Sebastian Hoeneß. Er war und ist ein absoluter Glücksfall für den VfB Stuttgart.

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Autor/in
Johann Schicklinski