Es war das erste Heimspiel für Sebastian Hoeneß als Trainer des VfB Stuttgart: Am 15. April 2023 empfingen die höchst abstiegsgefährdeten Schwaben Borussia Dortmund, das sich damals mit dem FC Bayern im Rennen um die deutsche Meisterschaft befand. In einer maximal dramatischen Partie holte der VfB in Unterzahl einen 0:2- und einen 2:3-Rückstand auf und kam in der siebten Minute der Nachspielzeit durch Silas noch zu einem 3:3-Remis.
Ein Punkt im Abstiegskampf, der einem gefühlten Sieg gleichkam - und der einen ersten Eindruck bot, wen Stuttgart da mit Hoeneß eigentlich geholt hat. Einen Coach, unter dem Offensivfußball Primat ist, egal gegen wen. Unter dem ein Spiel erst verloren ist, wenn der Schiedsrichter es tatsächlich abgepfiffen hat. Unter dem die eigenen Stärken betont werden - und nicht die des Gegners.
Nun wartet wieder Borussia Dortmund auf Sebastian Hoeneß
Trotzdem hätte damals keiner ahnen können, was der VfB Stuttgart unter Sebastian Hoeneß für eine Entwicklung nehmen wird. Knapp drei Jahre später lautet der Gegner wieder Borussia Dortmund (Samstag, 04. April, 18:30 Uhr). Für Hoeneß eine ganz spezielle Partie, denn am Freitag (03.04.) feiert er ein Jubiläum, das in der Schwaben-Metropole gar nicht mal so viele Coaches zelebrieren durften: drei Jahre auf der Trainerbank der Cannstatter, die zuvor eher einem Schleudersitz gleichkam.
Der VfB Stuttgart steht stark da
Ich bin ganz ehrlich: Als Hoeneß am 3. April 2023 in allergrößter Abstiegsnot auf den geschassten Bruno Labbadia folgte, hätte ich mir niemals auch nur im Entferntesten vorstellen können, dass die Brustringträger ein Jahr später die beste Saison ihrer Historie spielen, als Vize-Meister die Champions League erreichen, in der Folge-Spielzeit den DFB-Pokal gewinnen, aktuell wieder auf Kurs Königsklasse sind und erneut im DFB-Pokal-Halbfinale stehen. Und das alles mit aufregendem und attraktivem Fußball und fünf aktuellen deutschen Nationalspielern.
Bester Punkteschnitt aller Stuttgart-Trainer in der Bundesliga-Historie
Hoeneß' Zwischenbilanz fällt überragend aus. Ein Punkteschnitt von 1,83 Zählern pro Partie ist der beste aller Stuttgart-Trainer in der Bundesliga-Historie. Damit liegt er vor Legenden wie Helmut Benthaus (1,78) und Jürgen Sundermann (1,71)
Gleichzeitig überzeugt mich Hoeneß auch abseits des Feldes komplett. Wer ihn mit seiner Mannschaft jubeln und agieren sieht, der weiß, wie eng die Bande zwischen ihm und seinen Spielern ist. Der 43-Jährige ist in meinen Augen auch ein guter Pädagoge, er agiert verständnis- und respektvoll. Wichtige Faktoren für mich. Wenn ich etwa an die jüngsten öffentlichen Aussagen von Bundestrainer Julian Nagelsmann zu Deniz Undav denke, finde ich die Hoeneß'sche Vorgehensweise viel besser. Wo der DFB-Coach zunehmend verbissen wirkt, agiert der VfB-Coach nahbar, locker und dennoch strebsam. Eigenschaften, die sich nicht ausschließen müssen.
Hoeneß setzt auf Lernkurve bei seiner Mannschaft
Hoeneß zeigt auch Verständnis, wenn es mal nicht so läuft oder es zu einem Spannungsabfall seiner Mannschaft kommt. Er lässt seinen Spielern da maximale Freiheit und stellt im gleichen Atemzug Forderungen. Die Lernkurve seines Teams bestätigte ihn bisher, die lange Leine wird nicht missbraucht. Wenn man die aktuelle Saison der abgelaufenen Spielzeit gegenüberstellt, hat man den besten Beweis.
SWR Sport | 19.04. ab 21:45 Uhr SWR Sport mit Hoffenheims Andi Schicker und der Meisterfrage in der Bundesliga
Entscheidet sich am Wochenende die Meisterschaft zugunsten des FC Bayern? Hoffenheim könnte gegen Dortmund Schützenhilfe leisten. Studiogast bei SWR Sport ist TSG-Geschäftsfühter Andi Schicker.
Hype rund um den VfB entfacht
Natürlich hat Hoeneß mit seinem Erfolg auch Begehrlichkeiten geweckt. Doch sein Vertrag läuft noch bis 2028, es gibt keine Anzeichen dafür, dass er den Klub zeitnah verlässt. Ich lege mich da aus dem Fenster und sage: Nächste Saison sitzt der 43-Jährige auf der Bank des VfB Stuttgart. Schließlich will er auch weiterhin die Früchte dessen ernten, was er gesät hat.
Sebastian Hoeneß ist ein Bessermacher
Die Mannschaft des VfB Stuttgart ist eine der jüngsten der Bundesliga und ist noch lange nicht am Limit angelangt. Und Hoeneß gilt als sogenannter Spielerentwickler. Zudem kann das Team - die Kassen sollten verhältnismäßig voll sein - im Sommer auf neuralgischen Positionen nach seinem Gusto ergänzt werden. Es droht erstmals seit Jahren nicht der Verlust von Leistungsträgern.
Dazu hat Hoeneß rund um den Verein mit dem Brustring einen Hype entfacht, der seinesgleichen sucht. Das Stadion ist immer ausverkauft, die Mitgliederzahlen sind exponentiell gestiegen. Selbst die öffentlichen Trainingseinheiten werden von Fans überrannt, nicht selten mit einer vierstelligen Anzahl an Zuschauern. Hoeneß hat eine besondere Verbindung zu den Anhängern hergestellt und trägt deshalb auch hier seinen Anteil. Wer erinnert sich nicht an seine seltenen und dennoch gezielt ausgewählten Auftritte vor und in der Cannstatter Kurve, die das Feuer jedesmal noch schürten.
Nun also geht es wieder gegen Dortmund, den aktuellen Tabellenzweiten. Der VfB ist selbst mittendrin im Rennen um die Champions-League-Qualifikation. Es gibt nicht wenige bei den Schwaben, die diesmal nicht mit einem Punkt gegen den BVB zufrieden wären. Was für eine Wandlung, was für ein Gegensatz zum Status Quo vor drei Jahren. Für mich wirkt es immer noch irgendwie surreal und ist fast ausschließlich das Verdienst von Sebastian Hoeneß - der ein absoluter Glücksfall für den VfB Stuttgart war und ist.