"Rise & Fall of VfB Stuttgart"

"Der VfB hatte kein Geld": Das "Magische Dreieck" - leider nur ein Zauber auf Zeit

Das "Magische Dreieck" verzauberte einst ganz Fußball-Deutschland. Nach nur zwei Jahren allerdings endete diese ganz besondere Zeit abrupt. Die Doku "Rise & Fall of VfB Stuttgart" blickt zurück auf ein Trio, bei dem alles passte.

Teilen

Stand

Von Autor/in Johann Schicklinski

Bereits die Farbe der Schuhe signalisierte Gefährlichkeit (Fredi Bobic), Extravaganz (Giovane Elber) sowie klassische Eleganz (Krassimir Balakov): Bobic trug rote Fußballschuhe, Elber präferierte ein weißes Modell, Balakov trug schwarz. Außergewöhnlich war auch das Zusammenspiel des Trios: Die drei kongenialen Offensivspieler des VfB Stuttgart begeisterten von 1995 bis 1997 zwei Jahre lang komplett Fußball-Deutschland als sogenanntes "Magisches Dreieck".

Ein Begriff, der bis heute für das technisch perfekte, gewitzte, teilweise auch überraschende, aber immer exquisite Zusammenspiel dreier unterschiedlicher Charaktere steht, die sich gegenseitig perfekt ergänzten. Fredi Bobic, der robuste Draufgänger ganz vorne im Angriff, der sich in Zweikämpfe stürzte, aber auch technisch beschlagen war. Daneben der quirlige, schlitzohrige und ballfertige Brasilianer Elber, den mit Bobic auch abseits des Feldes eine ganz enge Freundschaft verband. Dahinter der geniale Spielmacher und Vorlagengeber Krassimir Balakov aus Bulgarien, der "Senior" im Trio.

Oder, wie Fredi Bobic es in der SWR-Sport-Doku "Rise & Fall of VfB Stuttgart" ausdrückt: "Giovane war der Sambatänzer, Krassimir war der Dirigent." Und Bobic selbst der Abschlussspieler. Den drei Edelkickern damals zuzuschauen, war eine Augenweide. Das im modernen Fußballjargon so populäre "Klatsch-Steil" praktizierten sie in den 1990ern in Reinform.

Giovane Elber: "Jeder wusste, was der andere macht"

"Wir mussten nicht groß reden. Wir haben uns kurz angeschaut und jeder wusste, was der andere macht", erzählt Elber in der Doku. "Ich habe immer sofort gewusst, was gerade bei Fredi oder Krassimir im Kopf vorgeht. Blicke genügten und auf einmal lag der Ball vor dir, um ihn ins Tor zu schießen."

Doch der Reihe nach: Elber (Grasshopper Club Zürich) und Bobic (Stuttgarter Kickers) schlossen sich 1994 dem VfB Stuttgart an, auf dem Platz harmonierten beide rasch ebenso prächtig wie privat. Elber verletzte sich aber bereits in seinem zweiten Spiel schwer, so dass es lange dauerte, bis er zurück aufs Feld kehrte. Und nochmal länger, bis er wieder fit war.

Hier geht es zur Doku-Serie "Rise & Fall of VfB Stuttgart".

Krassimir Balakov komplettiert das "Magische Dreieck"

Es lief dann zwar gut im Zusammenspiel zwischen Elber und Bobic, aber - wie beim gesamten VfB Stuttgart in der Spielzeit 1994/1995 - nicht perfekt. Das änderte sich im Sommer 1995, als Balakov (Sporting Lissabon) von den Schwaben verpflichtet wurde. Es "matchte" sofort zwischen den drei Offensivspielern, die sich nicht nur fußballerisch blendend verstanden. Balakov war das Puzzle-Stück, das noch gefehlt hatte.

Fredi Bobic, Krassimir Balakov und Giovane Elber (von links) im Trikot des VfB Stuttgart
Fredi Bobic, Krassimir Balakov und Giovane Elber (von links) im Trikot des VfB Stuttgart

In den folgenden beiden Jahren verzauberte das Trio die Bundesliga und begeisterte ganz Fußball-Deutschland. Sie ließen im Verbund das Schwere leicht aussehen und man sah ihnen an, dass sie große Freude beim Kicken hatten. Sie zelebrierten ihr Zusammenspiel und genossen es gleichzeitig.

"Wir sind auf den Platz gegangen und wollten einfach Spaß haben", blickt Elber zurück. Es habe aber auch die ganze Mannschaft gebraucht, um das Trio glänzen zu lassen. "Egal was wir gemacht haben, es war immer das 'Magische Dreieck' in der Zeitung. Du brauchst aber das ganze Team - und dass niemand eifersüchtig ist. Wir hatten einen guten Zusammenhalt in der Mannschaft, das war ganz, ganz wichtig, sonst hätte es das 'Magische Dreieck' nicht gegeben", so der Brasilianer. "Für die Mannschaft war wichtig, dass wir vorne Tore geschossen haben."

Krassimir Balakov: "Wir haben uns blind verstanden"

Für Krassimir Balakov geht der Begriff "Magisches Dreieck" auf die Medien zurück. "Aber aufgrund dessen, was wir auf dem Platz geleistet haben", erinnert sich der Bulgare. "Wir haben damals 70, 80 Prozent der VfB-Tore gemacht. Daraus ist das 'Magische Dreieck' entstanden. Wir haben uns blind verstanden auf dem Platz. Wir machten Kombinationen, die den Leuten Freude bereitet haben. Der Name hat da keine große Rolle gespielt."

Die Chemie habe einfach gestimmt, so Balakov weiter: "Wir hatten vom ersten Tag an ein Gefühl füreinander - auf dem Platz und außerhalb." Auch die Sprache habe eine Rolle gespielt. Der Bulgare Balakov konnte "mit Giovane portugiesisch sprechen. Mit Fredi habe ich serbisch gesprochen. Das war auch ein Grund, warum wir uns so schnell verstanden haben".

Auch Bobic meint rückblickend: "So etwas hat man in der Karriere nicht so oft, dass man sich so blind versteht."

Giovanne Elber bester Scorer der Bundesliga

Das bewiesen sie auf dem Feld. Elber (16 Treffer, zehn Vorlagen) war 1995/1996 bester Scorer der Bundesliga, auch Balakov und Bobic reüssierten, doch sie konnten gar nicht so viele Tore erzielen, wie der VfB hinten kassierte. 62 Mal schlug es im Stuttgarter Tor ein, die zweitmeisten Gegentreffer der Bundesliga - so reichte es nur zu Platz zehn. Enttäuschend angesichts des Potenzials der Mannschaft.

Glücksgriff Joachim Löw

Vor der Saison 1996/1997 musste ein neuer Trainer her. Der damalige VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder engagierte Joachim Löw - ein Glücksgriff, auch für das "Magische Dreieck". Löw ließ sein Offensiv-Trio weiter zaubern, verbesserte gleichzeitig die Struktur und die defensiven Abläufe. Getragen von einem starken Start schwebte Stuttgart lange durch die Saison. Am Ende wurden die Schwaben Vierter, erzielten mit 78 Treffern die meisten Tore und holten den DFB-Pokal. Die Scorerliste führte diesmal Bobic (19 Tore, elf Vorlagen) an - vor seinem Kumpel Elber (17, 11).

Das "Magische Dreieck" Krassimir Balakov, Fredi Bobic und Giovane Elber (v.l.) mit dem DFB-Pokal im Jahr 1997.
Das "Magische Dreieck" Krassimir Balakov, Fredi Bobic und Giovane Elber (v.l.) mit dem DFB-Pokal im Jahr 1997.

Das DFB-Pokalfinale (2:0) gegen Energie Cottbus war aber gleichzeitig auch das Ende des "Magischen Dreiecks". Giovane Elber erzielte vor seinem Wechsel zum FC Bayern in seinem letzten Pflichtspiel für den VfB zwei Tore und ging mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Der Stürmer wäre nämlich eigentlich gerne in Stuttgart geblieben.

Stuttgart

"Rise & Fall of VfB Stuttgart" "Wollte nie weg aus Stuttgart": Giovane Elber und der Bayern-Wechsel

Der Stern von Giovane Elber ging einst beim VfB Stuttgart auf. Der Brasilianer fühlte sich in der Schwaben-Metropole glücklich und heimisch, wechselte aber trotzdem zum FC Bayern.

"Ja, der wollte eigentlich gar nicht weg. Aber der VfB hatte kein Geld. Die Führungsetage dachte wahrscheinlich, wenn wir Giovane verkaufen, können Fredi und Bala bleiben. Aber später (1999, Anm. d. Red.) wurde auch Fredi (zum BVB, Anm. d. Red.) verkauft und nur ich bin übrig geblieben“", blickt Balakov zurück.

Balakov: "Wenn das Budget nicht da ist, dann muss man verkaufen"

Man merkt ihm den Schmerz auch heute noch an. "Ich hätte gerne mit den beiden noch ein oder zwei Jahre zusammengespielt. Aber wenn das Budget nicht da ist, dann muss man verkaufen", so der Bulgare immer noch konsterniert. Bobic sah es indes damals pragmatisch – gezwungenermaßen. "Wenn er zu den Bayern geht, dann ist es seine Entscheidung. Dann sehen wir uns wieder - auf dem Feld", sagte der Stürmer damals und wirkte dabei dennoch getroffen.

Fakt ist: Die Zeit des "Magischen Dreiecks" endete nach gerade einmal zwei Jahren. Platz vier 1997 in der Bundesliga und als einziger Titel der DFB-Pokal im gleichen Jahr - angesichts des riesigen Potenzials hätte es mehr sein können, ja müssen. Und wer weiß, was mit der Dreier-Konstellation in den Folge-Jahren möglich gewesen wäre? Eine langfristige Etablierung unter den deutschen Topklubs? Die Meisterschaft?

Doch das ist hypothetisch. Was bleibt, ist der überdauernde Zauber des "Magischen Dreiecks", der auch fast 30 Jahre später für herausragenden Fußball steht und der generationenübergreifend bekannt geworden ist. Das zählt vielleicht sogar mehr als Titel. So sieht es auch Elber: "Auch heute noch, egal wo ich bin, werde ich auf der ganzen Welt angesprochen auf das 'Magische Dreieck'."

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Johann Schicklinski