120 Jahre GAZi-Stadion

"Auf die Blaue!" 120 Jahre Kickersplatz

Ein Spiel mit britischem Flair, emotionalen Fan-Erinnerungen und Fußballgeschichte. Die Stuttgarter Kickers feiern 120 Jahre auf der Waldau. SWR Sport war dabei.

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Stand

Von Autor/in Isabel Schmidt

Blaues Licht flackert am Dienstagabend im Tunnel des GAZi-Stadions. Zwei Viertligisten stehen sich gegenüber. Das Lied "Heart of Courage" von Thomas Bergersen dröhnt aus den Boxen. Gänsehaut pur. Zwei Traditionsvereine stehen sich gegenüber. Notts County, der älteste Profiklub der Welt, trifft auf die Stuttgarter Kickers in Deutschlands ältestem, noch bespieltem Stadion. Ein besonderes Spiel. Ein besonderer Abend auf der Waldau.

Von 1905 bis heute

Am 18.Juni 1905 wird der "Kickerssportplatz" offiziell mit einem 3:3 gegen Phoenix Karlsruhe eröffnet. Schon im Jahr zuvor haben die Stuttgarter Kickers das Gelände auf dem Degerlocher Exerzierplatz gepachtet, ein geschlossener Sportplatz, der damals eine absolute Neuheit in Stuttgart darstellt. Auf einem kleinen Podest sitzen bei der Eröffnung prominente Förderer und Freunde des Vereins, das Spielfeld ist von einem simplen Zaun umgeben.

Es ist das Jahr 1911, das erste Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft findet in Stuttgart statt. Vor etwa 8.000 Zuschauenden schlägt Deutschland die Schweiz mit 6:2. Es ist der erste Länderspielsieg mit mehr als einem Tor Vorsprung.

Im Jahre 1913 folgt ein architektonisches Highlight: eine Holztribüne wird erbaut. Eine originalgetreue Nachbildung der Tribüne des englischen Fußballklubs FC Arsenal aus London.

In den nachfolgenden Jahrzehnten wächst und verändert sich das Stadion und der Verein. Erfolge, Niederlagen, Umbauten und Wiederaufbau von Tribünen. Kickers-Fan Michael Handte zeigt SWR Sport ein Schwarzweißfoto aus dem Jahre 1927. Im Hintergrund die besagte Holztribüne, im Vordergrund sein Großvater im Trikot der Blauen, damals im Derby-Spiel gegen den VfB Stuttgart. "Für mich ist der Verein wie ein Zuhause", sagt er im Interview mit SWR Sport.

Noch immer der "Kickersplatz"

Im Jahre 1988 muss der Verein das Gelände aus finanziellen Gründen in städtischen Besitz übergeben. Das Stadion trägt für 16 Jahre den Namen "Waldau-Stadion" bis dieser im Jahre 2004 zum heutigen Namen "GAZi-Stadion auf der Waldau" umbenannt wird. Für viele ist und bleibt es jedoch immer noch der "Kickersplatz".

Der Ort als Heimat

Die Waldau ist für viele Fans weit mehr als nur ein Stadion. Es ist ein Stück Familiengeschichte, ein Ort der Emotionen, ein Zuhause. Die Besonderheit des Stadions ist für viele die Nähe zum Spielfeld. Die Fans schwärmen von der familiären Atmosphäre.

Auch der heute 84-Jährige Lüder Hugendubel betont die familiäre Verbindung zum Kickersplatz. "Die ganze Familie ist Kickers-Fan, angefangen mit meinem Großvater. Er und meine Großmutter haben sich damals hier am Platz kennengelernt".

Ronald aus Degerloch ist "schon immer" Kickers-Fan. Als einen besonderen Moment nennt er das Jahr 1991: "Ich bin hier Vater geworden." Die Stuttgarter Kickers spielten damals in der Bundesliga und siegten gegen ihren Gegner. Mit dem "Kickerssieg im Rücken" fuhr er vom GAZi-Stadion mit seiner Frau ins Krankenhaus.

Das Spiel der Traditionsvereine

Mit dem Jubiläumsspiel gegen Notts County feiert das GAZi-Stadion seinen 120. Geburtstag auf der Waldau und bekommt dafür internationalen Besuch. Rund 50 Gästefans des englischen Traditionsvereins sind aus Nottingham angereist, um mit den "Blauen" ihre Spielstätte zu feiern.

Das Spiel entwickelt sich zu einem würdigen Abend für beide Seiten. Mit bestem Sommerwetter und vor rund 1.800 Zuschauenden zeigten die Klubs ein faires Duell zweier Fußballkulturen. Am Ende geht es mit 1:1 für die Mannschaften aus.

Legenden auf dem Kickers-Platz

Im Laufe der Jahrzehnte haben viele bekannte Spieler ihre Spuren auf der Waldau hinterlassen. Einige begannen dort ihre Karriere, andere kehrten als Legenden zurück. Alle sind sie Teil der bewegten Geschichte eines Traditionsstadions.

Karl Allgöwer bei den Stuttgarter Kickers
Karl Allgöwer: Der "Knallgöwer" ballerte für drei Vereine. Den SC Geislingen, die Stuttgarter Kickers und den VfB Stuttgart. Für die Kickers war der Mittelfeldspieler zwischen 1977 und 1980 aktiv. In 123 Spielen erzielte er 68 Tore. Bild in Detailansicht öffnen
Guido Buchwald bei den Stuttgarter Kickers
Guido Buchwald: "Diego" kam 1979 zu den Stuttgarter Kickers und wurde mit ihnen sofort Deutscher A-Jugendmeister. Der gelernte Elektroinstallateur spielte bis 1983 in der 2. Bundesliga für die "Blauen". Danach folgte auch er dem Ruf des VfB Stuttgart. Nach seiner großen Karriere (Deutscher Meister mit dem VfB, Weltmeister 1990) kehrte er zwischen 2010 und 2013 als Präsidiumsmitglied zu den Kickers zurück. Bild in Detailansicht öffnen
Jürgen Klinsmann bei den Stuttgarter Kickers
Jürgen Klinsmann: Der "Klinsi" stürmte von 1978 bis 1984 für die "Blauen". Die Stuttgarter Kickers waren gewissermaßen das Sprungbrett für die großartige Karriere des Fußball-Kosmopoliten. Von der Waldau ging es für ihn runter ins Tal nach Cannstatt zu den "Roten" - besser bekannt als der VfB Stuttgart. Über Inter Mailand führte sein langer Weg zur AS Monaco, Tottemham Hotspur, Bayern München, Sampdoria Genua und wieder zurück zu den Spurs. Nach seiner Spielerkarriere war er "Sommermärchen-Macher" (Bundestrainer), Trainer beim FCB, in den USA, bei Hertha BSC und von Südkorea. Bild in Detailansicht öffnen
Fredi Bobic bei den Stuttgarter Kickers
Fredi Bobic: Der Fredi Bobic machte es anders als Klinsmann, Allgöwer und Buchwald. Er spielte in der Jugend zwischen 1980 und 1986 erst für den VfB Stuttgart und wechselte dann zu den Stuttgarter Kickers, für die er von 1986 bis 1990 und 1992 bis 1994 kickte. Dazwischen gab er ein Gastspiel bei der TSF Ditzingen. In 62 Partien in der zweiten Bundesliga erzielte er 26 Tore für die "Blauen". 1994 folgte dann sein Wechsel nach Bad Cannstatt zurück zum VfB. Bild in Detailansicht öffnen
Christian Streich bei den Stuttgarter Kickers
Christian Streich: Wer hätte gedacht, dass der Kulttrainer des SC Freiburg auch mal seine Kickstiefel für die Stuttgarter Kickers geschnürt hat? Von 1985 bis 1987 spielte Streich für die Kickers. In insgesamt 25 Pflichtspielen – davon 21 in der 2. Bundesliga und vier im DFB-Pokal – erzielte der Mittelfeldspieler vier Tore. Unvergessen bleibt sein letzter Auftritt für die Degerlocher: Im Halbfinale des DFB-Pokals 1987 wurde der damals 22-Jährige gegen Fortuna Düsseldorf für Kazimierz Kmiecik eingewechselt – die Kickers siegten 3:0 und zogen ins Finale ein. Ein Höhepunkt in der Vereinsgeschichte, den Streich sportlich mitgestaltete, beim Finale gegen den Hamburger SV im Berliner Olympiastadion dann jedoch nur von der Tribüne aus miterlebte. Bild in Detailansicht öffnen
Thomas Tuchel bei den Stuttgarter Kickers
Thomas Tuchel: Selbst der Trainer der "Three Lions" war mal ein "Blauer". Zwischen 1992 und 1994 spielte der aktuelle Trainer der englischen Nationalmannschaft, in der 2. Bundesliga, für die Stuttgarter Kickers. Acht Zweitligaspiele absolvierte er in dieser Zeit für die Kickers. Bild in Detailansicht öffnen
Axel Dünnwald-Metzler
Axel Dünnwald-Metzler: Der Ehrenpräsident der Stuttgarter Kickers ist am 6. April 2004 verstorben. Kein Präsident prägte die Geschichte der Kickers wie er. Im Mai 1979 übernahm "ADM" für 24 Jahre das Amt und unter seinem Vorsitz gelangen den "Blauen" die größten Erfolge ihrer Vereinsgeschichte. Zweimal (1988 und 1991) schafften sie den Aufstieg in die Bundesliga und 1987 stand der Verein im Finale um den DFB-Pokal. Bild in Detailansicht öffnen
Erstmals publiziert am
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Autor/in
Isabel Schmidt
Interview
Melissa Heinz