Meinung

Contra: Bitte aus der Geschichte lernen - deshalb sollte der VfB Stuttgart auf Dennis Seimen setzen

Das DFB-Pokalfinale des VfB Stuttgart gegen den FC Bayern München (0:3) war vermutlich der letzte Einsatz von Keeper Alexander Nübel für die Schwaben. Es ist gut, dass die gemeinsame Zeit jetzt endet, findet SWR-Sportredakteur Johann Schicklinski.

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Von Autor/in Johann Schicklinski

Ich kann mich noch gut an den Sommer 2011 zurückerinnern. Beim VfB Stuttgart stand damals mit dem 23-jährigen Sven Ulreich ein junger Keeper im Kasten, der seine Sache weitgehend ordentlich bis gut machte. Doch die Schwaben besaßen mit dem 19-jährigen Bernd Leno einen Top-Youngster in ihren Reihen, der mit 17 bereits in der 3. Liga debütiert und dort reihenweise geglänzt hatte. Gemeinsam mit Marc-André ter Stegen, seinem großen Konkurrenten in den U-Nationalmannschaften, galt Leno bereits früh als absolut herausragend, als "Generationen-Talent" gar.

Bruno Labbadia setzt auf Sven Ulreich - Leverkusen schnappt zu

Der junge Leno scharrte mit den Hufen und machte Druck auf Ulreich, doch der damalige VfB-Coach Bruno Labbadia setzte auf den etwas erfahreneren Keeper. Die Fähigkeiten von Leno waren in der Branche allerdings kein Geheimnis - und so sicherte sich Bayer 04 Leverkusen nach der Verletzung von Stammtorwart René Adler im August 2011 die Dienste des gebürtigen Bietigheim-Bissingers. Zunächst auf Leihbasis, ehe die Werkself Leno - der sowohl in der Bundesliga als auch in der Champions League voll eingeschlagen hatte - im Januar 2012 für knapp acht Millionen Euro komplett verpflichtete. Wohl auch, weil der damals notorisch klamme VfB Stuttgart Geld brauchte.

Aktuell haben die Schwaben erneut die Chance, ein herausragendes Talent, dem Experten seit Jahren eine große Zukunft prophezeien, als Nummer eins zu installieren. Dennis Seimen, in der aktuellen Spielzeit an den SC Paderborn in die 2. Liga ausgeliehen, soll beim VfB Alexander Nübel ersetzen. Der Stamm-Torhüter der letzten drei Jahre muss - Stand jetzt - im Sommer zurück zum FC Bayern, das DFB-Pokalfinale gegen die Münchner (0:3) war höchstwahrscheinlich sein letztes Match für die Mannschaft von Trainer Sebastian Hoeneß.

Der Coach selbst sprach nach dem verlorenen Endspiel bereits in der Vergangenheitsform von Nübel, nannte ihn einen "Spieler, mit dem ich sehr gerne gearbeitet habe. Er ist ein großartiger Torwart und Mensch".

Alexander Nübel ist ein Gesicht des jüngsten VfB-Erfolgs

Ich sehe das genauso. Nübel hat große Verdienste um den VfB Stuttgart in den vergangenen drei Jahren. Er ist für mich ein Gesicht des Aufschwungs. Vizemeisterschaft 2024, DFB-Pokal-Sieg 2025 sowie die Champions-League-Qualifikation 2026 sind untrennbar mit dem 29-Jährigen verbunden, der mit seiner ausgeglichenen und Ruhe ausstrahlenden Art auch ein wichtiger Faktor für die Kabine war.

Es gibt Stimmen rund um den Traditionsklub in Bad Cannstatt, die darauf hoffen, dass eine Weiterverpflichtung von Nübel doch noch gelingt. Weil der Nationalspieler beim FC Bayern nach der Verlängerung von Manuel Neuer und der starken Entwicklung von Jonas Urbig keinerlei Perspektive hat. Doch allen, die davon träumen und gerne auf Routine im VfB-Tor setzen würden, entgegne ich: Das wäre die komplett falsche Entscheidung! Nicht noch einmal einem Eigengewächs, das mehr als bereit ist, den Weg vorerst versperren, bitte!

Dennis Seimen mit Top-Leistungen für Paderborn

Mit Seimen hat der VfB den Mann für die Zukunft bereits langfristig bis 2029 unter Vertrag. Er hat seine Klasse in der 3. Liga bewiesen, hat in der 2. Liga abgeliefert und zuletzt war er beim Relegations-Hinspiel zwischen dem VfL Wolfsburg und Paderborn (0:0) "Man of the Match". Seimen ist reif für den nächsten Schritt. Nicht nur für die Bundesliga, auch für die Königsklasse. Er wird sich, davon bin ich überzeugt, ebenso schnell freischwimmen wie damals Leno bei Bayer Leverkusen.

Überragende Nachwuchsarbeit des VfB Stuttgart

Und ein weiterer Aspekt spricht aus meiner Sicht für Seimen: Die Fans des VfB Stuttgart gieren trotz allen Erfolgen förmlich nach Eigengewächsen im Kader. Youngster, die Spielzeit erhalten oder, besser noch, tragende Rollen einnehmen. Daran mangelte es nämlich in den letzten Jahren. Es ist vielleicht der einzige Kritikpunkt, den man in diesem Zeitraum finden kann.

Wenn man sich alleine die Bilanz dieser Spielzeit anschaut - die U23 hat souverän die Klasse in der 3. Liga gehalten, die U19 hat den DFB-Pokal gewonnen, die U17 wurde Deutscher Meister - wird klar: An Top-Talenten herrscht in Bad Cannstatt kein Mangel. Sie müssen nur die Chancen erhalten. Und Seimen ist vielleicht das größte Juwel von allen.

Florian Hellstern steht in den Startlöchern

Deshalb sollten die Verantwortlichen jetzt bedingungslos auf Seimen setzen - und keine Fehler aus der Vergangenheit wiederholen. Und mit Florian Hellstern steht bereits das nächste Supertalent in den Startlöchern. Der 18-Jährige war einer der besten Keeper der abgelaufenen Drittliga-Saison, längst steht er bei vielen Klubs auf dem Zettel. Hellstern hat sich jüngst zum VfB bekannt, seinen Vertrag verlängert, soll jetzt verliehen werden und sich woanders auf Zweitliganiveau beweisen - mindestens. Geschichte könnte sich in Stuttgart also bald einmal mehr wiederholen - aber das ist aktuell noch Zukunftsmusik.

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Johann Schicklinski