Meinung

Schiri-Pech in Heidenheim? Der VfB Stuttgart muss sich an die eigene Nase fassen

Der VfB Stuttgart hadert nach dem spektakulären 3:3 in Heidenheim mit den Entscheidungen von Schiedsrichter Stegemann. Bei allem Verständnis - die Schwaben müssen sich an die eigene Nase fassen, findet SWR Sportredakteur Johann Schicklinski.

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Von Autor/in Johann Schicklinski

Ja, es war ein komplett wildes Spiel, das 3:3 zwischen dem 1. FC Heidenheim und dem VfB Stuttgart. Und ja, aus Sicht des aktuellen DFB-Pokalsiegers muss man konstatieren, dass Schiedsrichter Sascha Stegemann fast sämtliche enge Entscheidungen gegen das Team von Trainer Sebastian Hoeneß gefällt hat. Sei es unmittelbar oder - wie mehrfach geschehen - nach Intervention des Video-Assistenten (VAR).

Ich verstehe, dass es maximal frustrierend ist, wenn Stürmer Ermedin Demirovic seinen vermeintlichen 2:1-Führungstreffer für den VfB nach Videobeweis aberkannt und im Gegenzug der FCH einen Strafstoß bekommt, den die Gastgeber zum 2:1 nutzen. Ebenso kann ich die Irritationen nachvollziehen, dass nach dem vermeintlichen 3:2 durch Demirovic die kalibrierte Abseitslinie auch nicht final auflösen kann, ob tatsächlich ein Vergehen vorlag. Die ewig dauernden Unterbrechungen bis zur Entscheidungsfindung nerven maximal. Und auch der Ärger ist menschlich, wenn die Handspielregel weiterhin von den Unparteiischen nach individuellem Gusto ausgelegt - und somit jede Woche aufs neue interpretiert wird.

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Dass nach dem maximal intensiven Match auf dem Heidenheimer Schlossberg auf dem Feld und unmittelbar nach Schlusspfiff die Emotionen beim VfB hochkochen, geschenkt. Es wäre schlimm, wenn es nicht so wäre.

Der VfB Stuttgart lässt unnötige Hektik zu

Aber mit etwas Abstand muss ich sagen: Der VfB Stuttgart sollte nicht lamentieren, fast alle Entscheidungen sind irgendwo begründbar, gerade weil so eng, auch wenn sich trotzdem trefflich streiten lässt. Doch das Hoeneß-Team hatte selbst großen Anteil daran, dass es beim Tabellenletzten auf der Ostalb letztlich nur zu einem Zähler reichte. Der Tabellenvierte hatte das Spiel nach der frühen Führung durch Chris Führich eigentlich auf dem Silbertablett vor sich liegen, ließ Heidenheim durch ungeordnete Abwehraktionen aber wieder ins Spiel kommen. Die daraus resultierende Hektik spielte den Gastgebern in die Karten. Ich finde: Ein Spitzenteam darf es erst gar nicht soweit kommen lassen, denn dass der FCH genau auf diesen Spielverlauf spekuliert, war erwartbar.

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Entschlossenheit und Kampfkraft als Mittel gegen den VfB

Der VfB hat für mich nach der sensationellen Entwicklung der letzten drei Jahre eigentlich die Qualität, solche Spiele aufgrund seiner Klasse zu entscheiden. Wie schon beim FC St. Pauli (1:2) vor etwas mehr als zwei Wochen tut er dies aber nicht immer, sondern lässt sich stattdessen auf eine Ebene ziehen, auf der die Kellerkinder eine realistische Chance haben, den Favoriten zu schlagen. Dann reichen fußballerische Primärtugenden wie Entschlossenheit und Kampfkraft, um Stuttgart mindestens ein Bein zu stellen, weil der VfB immer noch manchmal zu denken scheint, es gehe mit zehn Prozent weniger oder mit rein spielerischen Lösungen aufgrund der eigenen individuellen Überlegenheit. Gerade in Auswärtsspielen ist dieses Phänomen immer mal wieder zu beobachten.

Wenn dann noch eine schwache Restverteidigung dazukommt, wie etwa beim Gegentreffer zum 2:3 in Heidenheim, als die Konterabsicherung mangelhaft war, dann langt es eben beim Tabellenletzten nur zu einem Punkt.

So steht für mich, unabhängig von Stegemanns Leistung, in Heidenheim die nächste liegengelassene Chance bei einem Klub, der auf den hinteren Plätzen der Bundesliga steht. Gerade nach den Ergebnissen der Konkurrenz hätte der VfB als großer Sieger aus dem Spieltag gehen können, ließ die "Big Points" aber liegen. Unnötig, weil weitgehend selbstverschuldet, aber kein Drama, wie ich finde.

Es geht nur mit 100 Prozent!

Vielleicht aber stattdessen eine Botschaft, die der VfB Stuttgart mit in die "Crunch Time" der Saison nehmen kann. Es geht nur mit 100 Prozent! Nur nicht nachlassen, denn man kriegt nichts geschenkt. Jeder einzelne Zähler muss hart erarbeitet werden, mit der Betonung auf "Arbeit"!

Mut machen mir diesbezüglich die Reaktionen beim VfB Stuttgart nach Schlusspfiff. Wut, Zorn, aber auch Ärger und Selbstreflexion - es wirkte auf mich, als wüssten die Profis um ihren Lapsus und brennen darauf, diesen wiedergutzumachen. Und genau deshalb glaube ich, dass das 3:3 in Heidenheim trotz allem Ärgers ein wichtiger Punktgewinn war.

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Johann Schicklinski