"Nie mehr dritte Liga, nie mehr, nie mehr", schallte es im Mai 2024 durch das Ulmer Donaustadion. Der SSV Ulm 1846 Fußball hatte eben den Aufstieg in die 2. Bundesliga geschafft: Der Durchmarsch von der vierten in die zweite Liga war perfekt. Die Münsterstadt im Ausnahmezustand.
SSV Ulm mit zwei Abstiegen in zwei Jahren
Nur zwei Jahre später eisiges Schweigen im Ulmer Fanblock. Nach dem 0:2 gegen Viktoria Köln - nach Toren von Leonhard Münst (72.) und Soichiro Kozuki (81.) waren auch die letzten Hoffnungen auf den Klassenerhalt erloschen. Nun würden sich die Ulmer wünschen, weiterhin in der dritten Liga zu spielen.
Doch die Realität sieht anders aus: Seit Samstagnachmittag steht fest: Die Spatzen werden von der zweiten in die vierte Liga durchgereicht. Der Drittligaabstieg ist nicht mehr abzuwenden. In der neuen Saison geht es wieder in der Regionalliga um Punkte. Ein rasantes Auf und Ab, das an die Jahrtausendwende erinnert. Doch von vorne:
1999: Der SSV Ulm 1846 steigt in die Bundesliga auf
Im Jahr 1999 gelang Ulm Historisches. Der erste Bundesligaaufstieg der Vereinsgeschichte. Das Bemerkenswerte daran: Die Ulmer stiegen erst im Jahr zuvor aus der dritten in die zweite Liga auf. Die Donau-Fußballer marschierten also einfach in die Bundesliga durch und spielten plötzlich gegen den FC Bayern München oder Borussia Dortmund. Mittendrin damals, Rainer Scharinger. "Es war eine riesen Euphorie. Das erste Mal für Ulm. Es war wirklich ein Fußballmärchen", erinnert sich der heute 59-Jährige.
Scharinger spielte zwischen 1999 und 2001 für die Ulmer. In diesen zwei Jahren erlebte er, welch hohen Stellenwert der SSV in Ulm hat und was der Verein in der Stadt auslösen kann: "Der SSV hat tolle Voraussetzungen. Eine tolle Stadt, tolle Fans und auch die Infrastruktur passt". Gleichzeitig weiß Scharinger aber auch, wie tief der Fall sein kann, wenn zu schnell zu viel gewollt wird. Nach nur einer Saison im deutschen Oberhaus, stiegen die Spatzen im Jahr 2000 wieder in die zweite Liga ab.
Mit der Jahrtausendwende beginnt der Fall der Ulmer
Auf den ersten Blick nichts, was den Verein aus der Bahn werfen sollte. Eigentlich war die zweite Liga bereits ein großer Erfolg für den Club aus der Münsterstadt. Sich in der zweiten Spielklasse zu etablieren, um in ein paar Jahren den nächsten Schritt Richtung Bundesliga zu gehen, hätte das Ziel sein sollen. Doch anstatt Konstanz kehrte in Ulm das große Chaos ein.
Insolvenz: Der SSV steigt in die Verbandsliga ab
Nach der Saison 2000/2001 folgte direkt der nächste Abstieg. Rein sportlich gesehen wäre das für die Ulmer eigentlich der Abstieg in die drittklassige Regionalliga gewesen. Doch der SSV hatte mit finanziellen Problemen zu kämpfen. "Bei uns war es damals tatsächlich so, dass wir uns ein paar Wochen vor Saisonende arbeitslos melden mussten, weil uns die Insolvenz erfasst hat. Das macht natürlich etwas mit dir als Spieler", erzählt Rainer Scharinger. Durch die Insolvenz mussten die Ulmer in der fünftklassigen Verbandsliga einen Neuanfang starten.
Gibt es heute Parallelen zum Doppelabstieg vor 25 Jahren?
Zweimal direkt hoch – und zweimal geht es in der Folge wieder direkt runter. Ein Szenario das sich jetzt, 25 Jahre später, bei den Ulmern wiederholt. Nach der 2:3-Niederlage am 35. Spieltag gegen den TSV 1860 München waren die Chancen auf den Klassenerhalt auf ein Minimum gesunken. Und nach der Niederlage gegen Viktoria Köln war der Abstieg besiegelt. Auf die große Aufstiegseuphorie aus den Jahren 2023 und 2024 folgt nun also wieder wie Anfang der 2000er Jahre Frust und Trauer.
Das schnelle Auf und Ab weckt alte Erinnerungen, auch wenn die Abstiege von heute nicht ganz mit damals zu vergleichen seien, sagt Rainer Scharinger. Anders als im Jahr 2001 hat der SSV Ulm 1846 aktuell keine Insolvenz beantragt. Der Verein scheint auf einem vergleichsweise soliden finanziellen Fundament zu stehen. "Man hört es soll alles gut sein, aber alle wissen, es kommen weniger Zuschauer", gibt Scharinger zu bedenken. Vor gut einem Jahr beschloss der SSV gemeinsam mit der Stadt Pläne für den Umbau des Donaustadions. Ob diese auch nach dem Abstieg umgesetzt werden, bleibt offen.
Was sind die Gründe für den erneuten Ulmer Abstieg?
Als Hauptgrund für den schnellen Doppelabstieg sieht Rainer Scharinger die fehlerhafte Personalplanung. "Wenn wir nach Ulm schauen, wissen wir, dass seit der Entlassung von Wörle vieles falsch lief", so der 59-jährige Fußballehrer.
Mit Trainer Thomas Wörle stiegen die Ulmer zweimal in Folge auf und machten sich bundesweit wieder einen Namen. Als die Spatzen im Endspurt der zweiten Liga immer tiefer im Abstiegskampf steckten, entließen sie ihren Erfolgstrainer im März 2025. Eine Entscheidung, die bei vielen Fans und auch bei Rainer Scharinger für Unverständnis sorgte: "Der SSV Ulm hat 25 Jahre gebraucht, um wieder da hin zu kommen, wo sie waren, in die zweite Liga. Und man reißt das alles in so kurzer Zeit wieder ein. Ich glaube, dass da einiges zu verhindern gewesen wäre", beschreibt er seine Sicht von außen auf die Geschehnisse in Ulm.
Großer personeller Umbruch im vergangenen Sommer
Nach dem Drittligaabstieg folgte im Sommer ein großer Umbruch im Kader mit 20 Neuzugängen und 18 Abgängen. Mit Pavel Dotchev konnte auch der vierte Trainer-Nachfolger von Wörle den Negativlauf nicht stoppen. Die Kaderzusammenstellung passte nicht, deshalb gab es auch auf der Position des Sportdirektors einen Wechsel. Auf Markus Thiele folgte Stephan Schwarz. Doch der trat im März nach etwas mehr als vier Monaten Amtszeit schon wieder zurück. Seitdem stand der SSV ohne Sportdirektor da - das alles in einer Phase, in der Verträge für die neue Saison ausgehandelt werden müssten.
Rainer Scharinger wünscht sich hier, dass Vereine generell mehr sportliche Kompetenz in ihren Führungsgremien installieren. Damit meint der 59-Jährige, dass Vereine wie der SSV Ulm 1846 davon profitieren könnten, wenn sie beispielsweise von einer Gruppe von Ex-Spielern beraten werden, die Erfahrung aus dem Fußball mitbringen.
Wie geht es in der Donaustadt nun weiter?
Den wichtigen Sportdirektor-Posten für die kommende Regionalliga-Saison haben die Ulmer immerhin schon besetzt. Ab Mitte Mai wird Murat Isik das Amt übernehmen, wie die Spatzen am Mittwoch bekannt gaben. Der 50-Jährige, derzeit noch als Trainer beim Regionalligisten TSG Balingen unter Vertrag, soll zwei Tage nach dem finalen Drittliga-Spieltag seine Arbeit als Sportdirektor in Ulm aufnehmen. Dieser wird dann den Neuanfang in der Regionalliga Südwest planen müssen. Es wird wieder einen großen Umbruch geben, bei dem noch viele Fragen offen sind. Wer trainiert den SSV in der neuen Saison? Welche Spieler bleiben? Welche Spieler gehen?
Fragen, die es schwer machen vorherzusagen, wohin die Reise des Traditionsvereins in den nächsten Jahren geht. Mit Trainer Pavel Dotchev wird es auf jeden Fall nicht weitergehen. Von dem Fußballlehrer werden sich die Spatzen am Saisonende trennen. Wer sein Nachfolger werden soll, ist derzeit noch nicht bekannt.
3. Liga SSV Ulm plant Neuaufbau: Trainer Dotchev muss im Sommer gehen
Der abstiegsbedrohte SSV Ulm präsentiert nicht nur seinen künftigen Sportchef, sondern direkt noch eine Entscheidung auf dem Trainerposten.
Trotzdem gibt es eine Konstante im Ulmer Umfeld, die Rainer Scharinger Mut macht: "Was ich kennengelernt habe ist, dass der SSV Ulm tolle Fans hat, die immer zum Verein gestanden sind. Auch dieses Jahr als die Negativspirale schon viel zu lange andauerte, haben sie fest zum Verein gehalten. Die Fans machen einen top Job."
Widerstandsfähigkeit in der DNA des SSV Ulm verankert
Als Ulm 2001 aus der zweiten Bundesliga abstieg und in der Verbandsliga neuanfangen musste, dauerte es 22 Jahre, bis sie wieder in den Profifußball zurückkehrten. Dabei überstand der Verein insgesamt drei Insolvenzen. "Was Ulm geschafft hat, an Widerstandskraft. Das habe ich sonst noch nie im deutschen Fußball gehört", sagt Rainer Scharinger. Der 59-Jährige wünscht dem SSV, dass es dieses Mal nicht wieder über 20 Jahre dauert, bis sie in den Profifußball zurückkehren: "Es braucht jetzt die richtigen Leute in den richtigen Funktionen und dann hoffen wir auf einen schwarz-weißen Aufschwung."