Die Flanke von links kam in dieser 79. Minute passgenau. Jamie Leweling hatte butterweich auf den Kopf von Chema Andrés gechipt. Der Neue aus Madrid war mit seinen 1,90 Metern hochgestiegen und köpfte den Ball ins Gladbacher Tor. Es folgte ein Sturmlauf Richtung Eckfahne, wo die Spielertraube der begeisterten Kollegen den Torschützen einkreiste. "Was für eine schöne Geschichte", freute sich auch sein Trainer Sebastian Hoeneß nach dem Abpfiff. Der 20-Jährige, im Sommer von Real nach Stuttgart gekommen, war erst 15 Minuten zuvor von Hoeneß eingewechselt worden. Erstes Bundesligaspiel, erster Bundesligatreffer von Chema Andrés im VfB-Trikot. Und gleich noch der 1:0-Siegtreffer für die Stuttgarter. Kann man mal so machen.
Kurioserweise hatte Coach Hoeneß Chemas Siegtreffer zunächst gar nicht mitbekommen und auch nicht gesehen: "Nein, ich war gerade im Gespräch, um vielleicht noch eine taktische Umstellung vorzunehmen", so der an der Bank abgelenkte Hoeneß im Interview mit SWR Sport, "und dann wurde die Ecke vor dem Tor schnell und clever ausgeführt". Am Ende war das Hoeneß völlig egal, dafür gibts ja im Nachlauf die Fernsehbilder: "Wie vorher vermutet hat eine Standardsituation das Spiel entschieden. Wir sind sehr glücklich über den Sieg", jubelte Hoeneß mit den begeisterten 60.000 im Stadion.
Großartige Choreografie der VfB-Fans
Nick Woltemade hat das alles nicht mehr mitbekommen. Während der ehemalige Torjäger des VfB Stuttgart im englischen Newcastle den Medien als neuer 90-Millionen-Euro teurer Hoffnungsträger präsentiert wurde und sich schon "wie in einer Familie" fühlte, zeigten die Fans im Schwabenland schon vor der Partie gegen Borussia Mönchengladbach ihre ganze Wucht. Die Mercedesstraße war am Samstagmittag prall gefüllt, tausende VfB-Anhänger hatten sich ganz in Weiß versammelt und hüpften in die neue Saison. Gigantisch und faszinierend, auch für den neutralen Beobachter, der traditionelle Fanmarsch vor dem ersten Heimspiel der Saison und die historische Choreografie "100 Jahre Brustring" vor dem Anpfiff auf allen Tribünen.
Weniger mitreißend war dann aber zunächst das, was die 60.000 auf dem Rasen serviert bekamen. Erstmals ohne den gerade verkauften Nick Woltemade, die bisherige zentrale Figur im Angriff, und ab der 14. Minute auch ohne den verletzten Deniz Undav (Machino war ihm auf den Fuß gefallen), lief das Offensivspiel des VfB überwiegend nur stockend. Chancen für Jamie Leweling (1.) und Thiago Tomas (18. Minute) führten nicht zum Ziel, von der 20. bis zur 45. Minute herrschte praktisch Funkstille vor dem Gladbacher Gehäuse. "Wir hatten eine sehr gute Anfangsphase", so Hoeneß in der Analyse, "das hat dann nachgelassen". Ob's letztlich am Fehlen von Woltemade UND Undav lag, konnte er nicht beantworten.
SWR Sport | 19.04. ab 21:45 Uhr SWR Sport mit Hoffenheims Andi Schicker und der Meisterfrage in der Bundesliga
Entscheidet sich am Wochenende die Meisterschaft zugunsten des FC Bayern? Hoffenheim könnte gegen Dortmund Schützenhilfe leisten. Studiogast bei SWR Sport ist TSG-Geschäftsfühter Andi Schicker.
Chema Andrés trifft 15 Minuten nach seiner Einwechslung
Nach der Pause hätten Stöger und Hack die Gäste bei besten Chancen sogar in Führung schießen können. Stattdessen schlug der VfB durch Debütant und Joker Chema Andrés (79. Minute) doch noch zu und krallte sich nach der Auftaktniederlage bei Union Berlin (1:2) den ersten Saisonsieg. "Ganz wichtig, dass wir den ersten Dreier eingefahren haben", atmete auch VfB-Vorstandsboss Alexander Wehrle nach den wechselhaften 90 Minuten kräftig durch.
VfB-Boss Wehrle: "Hätten Nick gerne behalten, aber..."
Klar, dass Alexander Wehrle am Abend in den Katakomben der Arena vor allem auch in Sachen Rekord-Transfer von Nick Woltemade Rede und Antwort stehen musste. "Sportlich hätten wir den Nick gerne behalten", so Wehrle gegenüber SWR Sport über den 90-Millionen-Euro-Transfer des Angreifers nach Newcastle, "aber wir haben eine Gesamtverantwortung gegenüber dem Verein. Die Schmerzgrenze wurde überschritten, deshalb haben wir uns so entschieden".
Bis Montag, 20 Uhr, besteht für den VfB jetzt noch Gelegenheit, nicht nur die große Lücke von Woltemade im Stuttgarter Spielerkader zu füllen, sondern sich auch in anderen Mannschaftsteilen zu verstärken. Namen werden selbstverständlich nicht verraten: "Wir werden das jetzt sauber abarbeiten und wollen keine Spieler ins Schaufenster stellen, sonst wird der Preis sofort höher". Man darf gespannt sein, was sich beim VfB Stuttgart bis zum Deadline-Day personell noch tut: "Jeder weiß, dass da noch etwas kommen muss", fordert Trainer Sebastian Hoeneß Verstärkungen, "aber wir arbeiten hart daran".
Schließlich wird nicht jeden Samstag ein Glücksgriff wie Chema Andrés den VfB Stuttgart zum Sieg köpfen.