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"Es ging darum, zu überleben": Freude beim VfB Stuttgart - aber auch viele Defizite

Der VfB Stuttgart steht nach einem an Spannung nicht zu überbietenden Spiel bei Eintracht Braunschweig in der zweiten Runde des DFB-Pokals. Das Match zeigte auch, dass dem Titelverteidiger aktuell noch vieles fehlt.

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Von Autor/in Johann Schicklinski

Mit zwei blauen Augen in die zweite Runde des DFB-Pokals. Der VfB Stuttgart entschied ein episches Match beim Zweitligisten Eintracht Braunschweig mit 12:11 n.E. (4:4 n.V., 3:3, 1:1) für sich. Die Schwaben behielten in einer Nervenschlacht die Oberhand, die mehrmals zugunsten von beiden Klubs hätte kippen können.

Sowohl die Niedersachsen als auch die Mannschaft von Trainer Sebastian Hoeneß hätten die Partie durch klare Chancen vorzeitig entscheiden können - verdient wäre es eigentlich nicht gewesen. Dass das Pokalduell in der "Lotterie Elfmeterschießen" entschieden wurde und sich somit das glücklichere Team durchsetzte, passte perfekt als Schlusspunkt hinter einen denkwürdigen Abend.

Alexander Nübel: "War sehr hart"

Die Erleichterung beim Titelverteidiger Stuttgart war nach dem Shootout groß. "Glücklicherweise konnten wir das Elfmeterschießen ziehen. Es war sehr hart für die Jungs, hier 120 Minuten zu gehen. Das tat weh, aber wir sind froh, jetzt weiter zu sein", sagte VfB-Keeper Alexander Nübel nach der Partie gegenüber der Sportschau.

Der Nationaltorhüter, in seiner bisherigen Karriere eher nicht als Elfmeterkiller aufgefallen, hatte im Shootout drei Braunschweiger Versuche pariert und war nach dem Spiel zum "Man of the Match" gewählt worden.

Seine Leistung wollte Nübel nicht zu hoch hängen: "Ich habe im Elfmeterschießen meine Pflicht getan. Über den 'Man of the Match'-Award freue ich mich, Medo (Ermedin Demirovic; Anm. d. Red.) hätte ihn sich nach seinen zweieinhalb Toren aber auch verdient gehabt."

Ermedin Demirovic: "Brutal"

Angreifer Demirovic, der zwei Treffer erzielte und beim Braunschweiger Eigentor in der Verlängerung entscheidenden Anteil hatte, war ähnlich erleichtert wie Nübel. "Das sind diese Nächte, von denen man immer redet. Pokal-Fight, schweres Spiel, auswärts", analysierte der Stürmer: "Für den neutralen Zuschauer war es brutal. Für uns war es natürlich nervenaufreibend."

Demirovic hatte auch im Elfmeterschießen getroffen - und war später heilfroh. "Es freut mich, dass der Ball heute reingegangen ist", sagte er: "Elfmeterschießen ist eklig, das mag ich gar nicht. Ich habe es aus allen Seiten schon erlebt, einen entscheidenden verschossen oder verwandelt." Im DFB-Pokalfinale 2022 hatte Demirovic, damals noch in Diensten des SC Freiburg, seinen Versuch vom Punkt im Shootout an die Latte gesetzt, wodurch Leipzig damals die Trophäe geholt hatte.

Wilde Begegnung zwischen Braunschweig und dem VfB

Nun gehörte Demirovic zu den Gewinnern - und war schon vor dem finalen Drama einer der Protagonisten. In einer Partie mit extrem vielen Wendungen hatte Sven Köhler mutige Braunschweiger in Führung gebracht (8. Minute). Demirovic drehte mit einem Doppelpack zwischenzeitlich die Partie (12./60.). Doch der Außenseiter gab nicht auf und hatte durch zwei Treffer von Fabio Di Michele Sánchez (77./85.) den Sieg vor Augen.

Der eingewechselte Nick Woltemade rettete den VfB aber in die Verlängerung (89.). Dort sorgte ein Eigentor von Braunschweigs Sanoussy Ba früh für das 4:3 für den VfB (92.). Allerdings ließ sich die Eintracht auch davon nicht beeindrucken und antwortete mit dem Ausgleich durch Christian Conteh (105.).

VfB-Trainer Sebastian Hoeneß hadert mit Leistung seines Teams

Ein Spiel also mit einem guten Ausgang für den VfB Stuttgart - aber eines, mit dem Trainer Hoeneß nicht restlos glücklich ist. "Trotz des Weiterkommens können wir mit der Art und Weise nicht zufrieden sein", monierte der Coach.

"Wir haben sehr viele Situationen schlecht ausgespielt und die falschen Entscheidungen im letzten Drittel getroffen. Zudem war der Gegner sehr effizient und hat überragende Tore gemacht. Am Ende des Tages ging es hier darum, zu überleben - und das haben wir gemeinsam geschafft."

Die Mängelliste ist lang

Die Mängelliste bei den Schwaben war jedenfalls lang: Keeper Nübel wurde zwar spät zum Helden, sah bei Braunschweigs erstem Treffer aber nicht gut aus. Der Nationaltorhüter fehlte in Teilen der Vorbereitung, das ist ihm anzumerken. Ebenso wirkt die Defensive alles andere als eingespielt.

Gegen die Eintracht waren drei Positionen in der hintersten Reihe aufgrund von Ausfällen und Verletzungen neu besetzt, doch die Abwehr wirkte bereits im Test gegen Bologna (0:1), im Supercup gegen die Bayern (1:2) und zum Bundesliga-Auftakt bei Union Berlin (1:2) alles andere als sattelfest. Die Abstände stimmen oft nicht, hier trägt auch das defensive Mittelfeld Verantwortung, und fast jeder gegnerische Standard sorgt für große Gefahr.

In der Offensive fehlen trotz der vier erzielten Treffer der letzte Punch und der letzte Wille. Individuelle Klasse rettete den VfB - diesmal. Angelo Stiller war in der Endphase der abgelaufenen Saison verletzt - und in der Vorbereitung erneut. Das spürt man. Enzo Millot ist weg, Deniz Undav sucht seine Form. An Nick Woltemade ist das Theater um seine Person auch nicht komplett spurlos vorbeigegangen. Auf den Flügeln wechselt Hoeneß aktuell noch munter durch. Dies alles wirkt sich aus.

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"Wird uns zusätzlich zusammenschweißen"

Immerhin: Nach einem Erfolgserlebnis wie nun in Braunschweig lässt es sich leichter an den Defiziten arbeiten. "Es war ein schwieriges Spiel, das uns als Mannschaft zusätzlich zusammenschweißen wird", befand Demirovic, der aber auch bekannte: "Wir müssen unser Spiel in der Offensive wie auch in der Defensive weiter verbessern."

Auch Coach Hoeneß hofft, dass der Knoten nun ein wenig lockerer ist. "So ein Sieg kann etwas entfachen und kann etwas auslösen", sagte er. Nur Nübel, der finale Held des Abends, hatte andere Sorgen. "Ich weiß nicht, wie gut ich einschlafen kann", gab er zu: "Das Spiel wird mich noch ein bisschen beschäftigen." Damit dürfte er beim VfB Stuttgart nicht der Einzige sein.

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Johann Schicklinski