Die zweitwenigsten abgespulten Kilometer (114,9 pro Spiel), die wenigsten Sprints der Liga und eine schwache Chancenverwertung: Die Zahlen des VfB-Saisonstarts in der Bundesliga kommen ernüchternd daher, genauso wie zuletzt die 1:3-Niederlage in Freiburg - ein Déjà-vu der vergangenen Spielzeit. Die Fans sind enttäuscht, in den sozialen Netzwerken werden wahlweise Lustlosigkeit, eine Abkehr der attraktiven Spielweise, fehlende Erfahrung und eine Stagnation in der Entwicklung als Gründe genannt. Welche Baustellen gibt es aktuell beim VfB Stuttgart?
VfB Stuttgart offenbart Laufschwäche und zu wenig Invest
"Wir haben nicht das Spiel gespielt, das wir spielen wollten - inbesondere mit Ball", sagte Sebastian Hoeneß nach der schmerzhaften Niederlage in Freiburg am ARD-Mikrofon. Die Spielkontrolle, die man von der Hoeneß-Elf gewohnt ist, war im Breisgau vor allem in der Schlussphase nicht zu sehen. Auch nicht nach dem defensiven Wechsel von Chema Andres für Demirovic. Schon der 1:0-Sieg gegen Gladbach eine Woche zuvor war nicht überzeugend (0,84:1,82 xGoals), und auch in der ersten Pokalrunde in Braunschweig hatte der VfB das Spiel gegen einen Zweitligisten nie im Griff.
Die letzte Schärfe, der letzte Wille, Spielfreude und Leichtigkeit scheinen dem Verein für Bewegungsspiele abhanden gekommen zu sein. "Mit Ball ist der größte Punkt. Intensität, Aggressivität, Läufe zu machen. Die Laufleistung geht nicht", wiederholte Hoeneß vor dem Spiel gegen St. Pauli (Freitag, 20:30 Uhr, live im Audiostream auf Sportschau.de) seine Kritik. Auch die Einstellung der VfB-Profis darf hinterfragt werden. Das Positive: Das läuferische Defizit lässt sich leicht korrigieren. Mehr Einsatz, mehr Leidenschaft, mehr Wille. All das will nicht nur Trainer Hoeneß sehen, sondern auch der überwiegende Teil der 60.000 Fans gegen Pauli.
Demirovic ist Stuttgarts einsamer Wolf
Ein Wolf hat in der Regel Hunger. Auch Stürmer Ermedin Demirovic hatte Hunger, insbesondere bei seinem alten Rudel in Freiburg. Wieder traf er gegen seinen Ex-Klub, wieder zur 1:0-Führung. Alles schon mal gehabt, nämlich im Sommer 2024. Doch ein Wolf muss auch gefüttert werden. Doch das wurde die einzig verbliebene echte Sturmspitze des VfB nur unzureichend. Der 27-jährige Demirovic wirkte im Anschluss an das Spiel genervt von der Stürmer-Diskussion.
Dass mit dem verletzten Deniz Undav und dem für eine Rekordsumme von 85 Millionen Euro zu Newcastle United abgewanderten Nick Woltemade große Qualität fehlt, musste auch Demirovic nach dem Freiburg-Spiel zugeben. Nur 22 Mal war der Deutsch-Bosnier gegen Freiburg am Ball, zu wenig Bälle fanden den Weg in die gefährliche Zone. Mangelden Einsatz konnte man dem stets emsigen Stürmer nicht vorwerfen, sondern eher dem Personal hinter der Sturmspitze. Einzig Jamie Leweling zeigt im Mittelfeld regelmäßig Normalform. Ein Chris Führich etwa scheint von seiner Bestform weit entfernt zu sein.
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Das Stuttgarter Herzstück hat Aussetzer
Sowohl in der Vizemeister-Saison 2023/24 als auch in der Pokalsieger-Spielzeit war das Duo Angelo Stiller/Atakan Karazor unantastbar und spielte sich in die Herzen der Fans. Vor allem Stiller war DER Garant für tödliche Pässe, eine herausragende Übersicht und für die wichtigen vorletzten Bälle vor Torerfolgen. Dass Stiller zum Pokalfinale bereits fit gespritzt wurde, sich im Trainingslager am Tegernsee erneut verletzte und auch gegen Freiburg wieder ordentlich auf die Socken bekam, hilft der Formkurve des VfB-Regisseurs sicher nicht. Bisweilen wirkt Stiller überspielt oder nicht komplett on-point, was allerdings auch nicht verwunderlich ist.
Nebenmann und Kapitän Atakan Karazor haute sich gegen Freiburg ordentlich rein, ist aber von Natur aus nicht der Schnellste und kurbelt das Offensivspiel des VfB derzeit überhaupt nicht an. Aufhorchen ließ unterdessen Chema Andres. Zumindest gegen Mönchengladbach war der junge Spanier als Debütant direkt Matchwinner. Spannend wird nun zu sehen sein, ob Trainer Sebastian Hoeneß den Neuzugang auch mal die Startelf beordert oder das System umstellt und vielleicht ein 3er-Mittelfeld ausprobiert.
Das Stuttgarter Kurzpassspiel hat Pause
Vergleiche mit der Vizemeister-Saison gibt es beim VfB Stuttgart häufig, fair sind sie nicht. Im Sommer 2024 verließen mit Waldemar Anton, Hiroki Ito und vor allem Torjäger Serhou Guirassy drei absolute Leistungsträger den VfB Stuttgart. Dass sich die Schwaben davon nie ganz erholten, zeigte nicht nur Platz 9 in der Endabrechnung der Bundesliga-Saison 2024/25. Die neu zusammengestellte Abwehr zeigte sich in dieser nie durchgehend sattelfest. Traumkombinationen am Fließband gab es schon in der vergangenen Saison nicht mehr so häufig. Das attraktive, dominante Kurzpassspiel aus der Vizemeister-Spielzeit konnte nicht mehr regelmäßig aufgezogen werden. Dass diese Hoeneßsche DNA nicht mehr so durchsticht, liegt zum einen an der Anpassung der Gegner ans VfB-Spiel, zum anderen schlichtweg an der abhanden gekommenen Qualität.
Ähnlich wie Guirassy war auch Nick Woltemade beim VfB eine Art Ballmagnet. Ansaugen, festmachen, weiterleiten: Woltemade kann das. Ja, auch mit dem großen Schlaks verlor der VfB sechs Heimspiele in Folge, aber dennoch brachte "Big Nick" eine Qualität auf dem Platz, die nicht nur Trainer Hoeneß schmerzlich vermisst. Dazu war der in die Wüste gewechselte Enzo Millot ein kreativer Zocker, der immer wieder für entscheidende VfB-Momente sorgte - nicht zuletzt im DFB-Pokalfinale. Dass Woltemade und Millot durch die technisch starken, aber auch noch sehr jungen Bilal El Khannouss und Badredine Bouanani nicht sofort ersetzt werden können, liegt auf der Hand. Dass der VfB finanziell zwar liquide ist, aber keinen echten Mittelstürmer verpflichtet hat, kann man in Richtung VfB-Kaderplaner durchaus kritisch sehen.
Schafft der VfB Stuttgart die Trendwende?
Letztlich sind erst drei Spieltage absolviert und mit einem Sieg gegen St. Pauli sieht - wie so oft im schnelllebigen Fußball-Business - alles schon wieder ganz anders aus. Die Entwicklung stockte zuletzt, doch die Trendumkehr ist möglich. Dennoch scheint eine komplizierte Spielzeit - insbesondere wegen der Dreifachbelastung aus Bundesliga, DFB-Pokal und Europa League - für den VfB Stuttgart wahrscheinlich.