Vor dem Europa-League-Duell

Das "Wunder von Rotterdam": Winnie Schäfers größter Erfolg als Trainer des VfB Stuttgart

Als der VfB Stuttgart und Feyenoord im September 1998 im UEFA-Cup aufeinandertrafen, standen die Schwaben vor dem Rückspiel mit dem Rücken zur Wand. Es folgte das "Wunder von Rotterdam" - der größte Erfolg in der kurzen Amtszeit des damaligen Trainers Winnie Schäfer.

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Stand

Von Autor/in Johann Schicklinski

Es war das i-Tüpfelchen auf die vorangegangene Demütigung des VfB Stuttgart - und gleichzeitig die größtmögliche Motivation für die Schwaben, denn die zweite Partie stand ja noch aus. Gerade hatte Feyenoord Rotterdam am 15. September 1998 das Hinspiel in der ersten Runde des UEFA-Cups beim deutschen Traditionsklub mit 3:1 gewonnen. Die Niederländer hatten Stuttgart klar dominiert und teilweise vorgeführt. Das Ergebnis war fast noch gnädig für den Bundesligisten, unter anderen hatte der spätere VfB-Stürmer Jon-Dahl Tomasson einen Doppelpack für die Gäste geschnürt.

Die Feyenoord-Spieler feiern den 3:1-Hinspielsieg beim VfB Stuttgart.
Die Feyenoord-Spieler feiern den 3:1-Hinspielsieg beim VfB Stuttgart.

Leo Beenhakker: "Haben Sie eine Stunde Zeit?"

Dann äußerte sich Feyenoord-Trainer Leo Beenhakker nach der Partie in einer Mischung aus Arroganz und Überheblichkeit auch noch über die Stuttgarter Leistung im Speziellen und den Zustand des deutschen Fußballs im Allgemeinen. "Wir wussten schon vorher, dass die Zeit der Deutschen vorbei ist", so der im April 2025 verstorbene frühere Star-Coach damals. Auf die Frage, woran es im deutschen Fußball kranke und wie diesem zu helfen sei, antwortete Beenhakker mit einem süffisanten Grinsen: "Haben Sie eine Stunde Zeit?"

Der Rotterdamer Trainer Leo Beenhakker gibt sich auf der Pressekonferenz nach dem Feyenoord-Hinspielsieg beim VfB Stuttgart sehr siegessicher.
Der Rotterdamer Trainer Leo Beenhakker gibt sich auf der Pressekonferenz nach dem Feyenoord-Hinspielsieg beim VfB Stuttgart sehr siegessicher.

VfB in Rotterdam mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch

Harte Worte, die den Zorn bei der damals von Winnie Schäfer trainierten Stuttgarter Mannschaft entfachte. Hatten die VfB-Profis in der ersten Partie noch leidenschafts- und temperamentslos agiert, traten sie zwei Wochen später im legendären Rotterdamer Stadion "De Kuip" wie verwandelt auf. Und zwar von Beginn an und mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch. Als krasser Außenseiter - nach dem Hinspiel, das Feyenoord so deutlich dominiert hatte, hätte wohl kein Mensch mehr Geld auf die Schwaben gesetzt.

Der VfB war nun von Beginn an das überlegene Team, während Rotterdam sich in trügerischer Sicherheit wähnte. Spielmacher Krassimir Balakov besorgte in der 35. Minute nach einer Vorarbeit von Fredi Bobic die Stuttgarter Führung. Spätestens als Flügelflitzer Kristijan Djordjevic knapp 20 Minuten vor dem Ende auf 2:0 für Stuttgart erhöhte, ging bei den Feyenoord-Spielern das Kopfkino los. Nach Treffern war jetzt insgesamt ein Gleichstand hergestellt, aufgrund der Auswärtstorregel wäre allerdings weiterhin der niederländische Traditionsklub in der nächsten Runde gewesen.

Krassimir Balakov und Fredi Bobic bejubeln ein VfB-Tor im Rotterdamer Stadion "De Kuip".
Krassimir Balakov und Fredi Bobic bejubeln ein VfB-Tor im Rotterdamer Stadion "De Kuip".

Der VfB drängte nun auf das dritte Tor und schnürte Rotterdam regelrecht in der eigenen Hälfte ein. Doch beste Chancen wurde vergeben, die Zeit verrann. Dann wechselte Trainer Schäfer in der 88. Minute Angreifer Alexander Blessin für Mittelfeldspieler Michael Zeyer ein. Eine letzte, verzweifelte Maßnahme, um das Spiel doch noch auf die Stuttgarter Seite zu ziehen.

Fredi Bobic gelingt der entscheidende Treffer für den VfB

Und es funktionierte: In der Nachspielzeit bediente Blessin den umtriebigen Bobic, dem doch noch sein Tor gelang und der sich so für den riesigen Aufwand, den er an diesem denkwürdigen Abend betrieben hatte, belohnte. Zuvor hatte er in der 89. Minute nur den Pfosten des Feyenoord-Tores getroffen. Riesenjubel bei den Schwaben - und plötzlich ein riesiger Schreck, als Rotterdam in förmlich allerletzter Sekunde noch einmal vor dem VfB-Tor auftauchte und durch Bonaventura Kalou den Innenpfosten traf. Ein Tor der Niederländer hätte die Verlängerung bedeutet, doch wenig später pfiff Schiedsrichter José María García-Aranda ab. 3:0 für den VfB Stuttgart im "De Kuip" - die Sensation war geschafft.

Alexander Blessin freut sich im Rotterdamer Stadion "De Kuip" mit VfB-Torwarttrainer Eberhard Trautner über den Treffer zum 3:0 für Stuttgart.
Alexander Blessin freut sich im Rotterdamer Stadion "De Kuip" mit VfB-Torwarttrainer Eberhard Trautner über den Treffer zum 3:0 für Stuttgart.

Krassimir Balakov: "Ein perfektes Spiel"

Der Jubel anschließend war riesig. "Das war 90 Minuten lang ein perfektes Spiel", resümierte der bärenstarke Balakov, der das "Wunder von Rotterdam" mit dem bulgarischen Viertelfinalsieg bei der WM 1994 gegen Deutschland verglich: "Vom Gefühl her war es ungefähr gleich." Fredi Bobic sprach nach Abpfiff "von der absolut besten Stuttgarter Leistung".

Coach Schäfer fehlten nach der mitreißenden Partie indes fast die Worte. "Ich muss mich erst einmal setzen", so der sichtlich angefasste Trainer zu Beginn der Pressekonferenz nach dem Spiel. "Glauben Sie mir, das war keine Genugtuung", sprach er die mitgereisten Journalisten an. "Ich freue mich einfach, dass ich die Mannschaft immer mehr dahin bringe, wo ich sie haben will." Beenhakker gab sich indes kleinlaut: "Wir haben versucht, das 3:1 aus dem Hinspiel zu vergessen, aber das ist uns nicht gelungen."

Der Triumph im Rotterdamer Stadion "De Kuip" war auch eine große Genugtuung für VfB-Trainer Winnie Schäfer.
Der Triumph im Rotterdamer Stadion "De Kuip" war auch eine große Genugtuung für VfB-Trainer Winnie Schäfer.

Für Schäfer war es der größte Sieg als VfB-Trainer. Für den erst im Sommer 1998 an den Neckar gewechselten früheren Karlsruher Coach ging es anschließend steil bergab. Immer mehr kristallisierte sich heraus, dass Trainer und Mannschaft nicht zueinander passten.

Schäfer war ein emotionaler Trainer, der mit klassischen Motivations-Sprüchen auf Kampfgeist und Mentalität setzte. Das VfB-Team um Frank Verlaat, Zvonimir Soldo, Balakov, Bobic und Co. hingegen verstand sich als technisch versierte Elf. Die spielstarken Profis legten Wert auf einen gepflegten Spielaufbau, Struktur und taktische Disziplin.

Stuttgart

Historie "Das war ein Aufruhr" - Wie Trainer Winfried Schäfer beim VfB Stuttgart scheiterte

Winfried Schäfers Zeit als Trainer des VfB Stuttgart gilt bis heute als großes Missverständnis. Ex-VfB-Profi Fredi Bobic erinnert sich, dass es "von vorne bis hinten nicht passte".

Anfang Dezember schließlich eskalierte die Situation beim VfB Stuttgart. Spieler und Trainer konnten nicht mehr miteinander. Nach nur 157 Tagen endete Schäfers Zeit beim schwäbischen Traditionsklub. Seine Verpflichtung entpuppte sich im Nachhinein als riesiges Missverständnis für beide Seite. Eines aber bleibt trotz allem für immer: Das "Wunder von Rotterdam", das Winnie Schäfer und seine Mannschaft im September 1998 schafften.

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Johann Schicklinski