Historie

"Das war ein Aufruhr" - Wie Trainer Winfried Schäfer beim VfB Stuttgart scheiterte

Winfried Schäfers Zeit als Trainer des VfB Stuttgart gilt bis heute als großes Missverständnis. Ex-VfB-Profi Fredi Bobic erinnert sich, dass es "von vorne bis hinten nicht passte".

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Von Autor/in Johannes Seemüller

Viele Fans des VfB Stuttgart schüttelten im Mai 1998 nur noch den Kopf. Sie verstanden die Fußball-Welt nicht mehr. Zumindest nicht ihre schwäbische - und schon gar nicht die ihres Vereins-Bosses Gerhard Mayer-Vorfelder. Der hatte während seiner langjährigen Amtszeit (seit 1975) zwar viele richtige Personal-Entscheidungen getroffen. Aber dass "MV" (Spitzname) den beliebten und erfolgreichen Trainer Joachim Löw (zweimal Platz vier in der Bundesliga, DFB-Pokalsieg 1997) in die Wüste schickte - nur wenige Tage nach der Final-Niederlage im Europapokal der Pokalsieger gegen Chelsea (0:1) -, das konnte niemand nachvollziehen.

Winfried Schäfer - ausgerechnet der Trainer des Erzrivalen KSC

Besonders schlimm für die schwäbische Fan-Seele aber war, dass "MV" ausgerechnet den "wilden Winnie" Schäfer vom Karlsruher SC an den Neckar holte. Ausgerechnet den Coach des ungeliebten, von den Fans teilweise verhassten Clubs aus Baden. Der damalige VfB-Profi Krassimir Balakov erinnert sich in der Doku "Rise and Fall of VfB Stuttgart" (jetzt in der ARD Mediathek streamen) "dass es extrem große Spannungen gab. Wir wissen ja, wie die Befindlichkeiten zwischen Stuttgart und Karlsruhe sind".

VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder und Winfried Schäfer (1998)
VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder und Winfried Schäfer (1998)

Doch Präsident Mayer-Vorfelder, der starke Mann im Verein, ließ sich nicht beirren. Der damalige VfB-Kapitän Frank Verlaat sagt: "MV war ein Präsident, der etwas durchgezogen hat, wenn er sich etwas in seinem Kopf gesetzt hatte. So war das auch im Fall Winnie Schäfer." Ex-VfB-Torjäger Fredi Bobic ergänzt im SWR-Interview:

Da hat MV einen Alleingang gemacht, der komplett in die falsche Richtung führte.

Bobic, aktuell Fußballchef beim polnischen Erstligisten Legia Warschau, weist ausdrücklich darauf hin, dass die Mannschaft dem neuen Trainer eine Chance geben wollte. Obwohl die Spieler gewusst hätten, "der kommt aus Karlsruhe und mag uns sicherlich nicht." Doch zunächst habe man sich gesagt: Alle Vorurteile weg. "Der Anfang war auch ganz okay", sagt der damalige Vize-Kapitän der Stuttgarter. "Wir sind ohne Vorbehalte da rangegangen. Gerade auch ich habe versucht, mich daran zu halten."

Guter Beginn, schneller Absturz des VfB unter Trainer Schäfer

Der VfB Stuttgart startete mit einem 2:1-Heimsieg gegen Dortmund in die Saison. Im UEFA Cup erreichten die Schwaben nach dem "Wunder von Rotterdam" gegen Feyenoord die zweite Runde. Nach einer 1:3-Hinspiel-Niederlage hatte es in Rotterdam einen sensationellen 3:0-Sieg gegeben.

Stuttgart

Vor dem Europa-League-Duell Das "Wunder von Rotterdam": Winnie Schäfers größter Erfolg als VfB-Trainer

Als der VfB Stuttgart und Feyenoord im September 1998 im UEFA-Cup aufeinandertrafen, standen die Schwaben vor dem Rückspiel mit dem Rücken zur Wand. Es folgte das "Wunder von Rotterdam" - der größte Erfolg in der kurzen Amtszeit des damaligen Trainers Winnie Schäfer.

Doch nach diesem Spiel ging es schrittweise bergab. Immer mehr kristallisierte sich heraus, dass Trainer und Mannschaft nicht zueinander passten. Schäfer war ein emotionaler Trainer, der mit klassischen Motivations-Sprüchen auf Kampfgeist und Mentalität setzte. Beim KSC hatte er einen leidenschaftlichen, aber pragmatischen Fußball spielen lassen. Das VfB-Team um Frank Verlaat, Zvonimir Soldo, Krassimir Balakov und Fredi Bobic hingegen verstand sich als technisch versierte Elf. Die spielstarken Profis legten Wert auf einen gepflegten Spielaufbau, Struktur und taktische Disziplin.

Stuttgart

In der ARD-Mediathek "Rise & Fall of VfB Stuttgart": ARD-Doku über den schwäbischen Traditionsklub

"Rise and Fall of VfB Stuttgart" erzählt die faszinierende Geschichte vom Aufstieg und Fall des VfB Stuttgart - einem der traditionsreichsten Fußballvereine Deutschlands.

Beim DFB-Pokalspiel in München eskalierte die Situation

Prompt ging es bergab. Nach der 0:2-Niederlage beim SC Freiburg am 15. Spieltag stand der VfB Stuttgart auf Tabellenplatz zehn – hinter dem Sport-Club. Die Chemie zwischen Mannschaft und Trainer stimmte längst nicht mehr.

Am 1. Dezember 1998 eskalierte die Situation. Der VfB musste im DFB-Pokal beim FC Bayern München antreten. Im Vorfeld der Partie berichtete die "Bild"-Zeitung von einer "Spieler-Revolte" beim VfB. Die Schlagzeile lautete: "25:0 Stimmen gegen Schäfer".

Bobic wurde vom Trainer als Rädelsführer ausgemacht. Schäfer setzte ihn in diesem wichtigen Pokalspiel nur auf die Bank. Der Offensivspieler erfuhr nicht vom Coach, sondern durch einen Journalisten von dieser Maßnahme. "Ich kam zur Spielersitzung, und da fehlte mein Name." Erst nach 60 Minuten wurde Bobic eingewechselt, der VfB verlor 0:3 und schied sang- und klanglos aus. Nach dem Spiel sprach der frustrierte Stürmer Klartext in die Mikrofone: "Man muss mit mir nicht wie mit einem 18-Jährigen umspringen. Man kann mir wenigstens die Wahrheit ins Gesicht sagen. Dann hätte ich das auch akzeptiert."

Schäfer wehrt sich: "Diese Spieler sind dumm"

Schäfer wehrte sich und hielt öffentlich dagegen: "Diese Spieler sind dumm. Sie haben keinen Respekt. Das ist beschämend, was da abgelaufen ist."

Drei Tage später war die Amtszeit des damals 48-jährigen Trainers in Stuttgart vorbei. Verein und Coach trennten sich nach nur 157 Tagen. Schäfer stieg in seinen Dienst-Mercedes und kehrte an seinen Wohnort ins badische Ettlingen zurück. Bobic zieht auch heute noch eine ernüchternde Bilanz:

Es hat von vorne bis hinten nicht gepasst - weder menschlich noch fußballtaktisch. Sowas habe ich in der Form noch nie erlebt.

Wichtig ist Bobic zu betonen, dass er damals kein Einzeltäter war. "Es hieß zwar, ich hätte ihn allein abgesägt. Aber das stimmte nicht. Das war ein Aufruhr."

Die Verpflichtung Schäfers als größter Fehler von Mayer-Vorfelder

Mit dem 2015 verstorbenen Präsidenten Mayer-Vorfelder sprach Bobic später immer wieder über dieses kurze, aber intensive Trainer-Kapitel: "MV sagte, die Verpflichtung Schäfers sei sein größter Fehler gewesen. Das hat er im Nachhinein zugegeben."

Winfried Schäfer, inzwischen 75 Jahre alt, blickt eher nachdenklich auf seine Zeit in Stuttgart zurück. "Die Idee, ausgerechnet in Stuttgart, dem Erzrivalen des KSC, weiterzumachen, dort das aufzubauen, was ich mir in Karlsruhe vorgenommen hatte, gefiel mir damals. Stolz bin ich darauf nicht, aber man kann es mir glauben: Ich wurde dafür bestraft."

Für Fredi Bobic war nach diesen unrühmlichen Monaten beim VfB jedenfalls schnell eines klar: "Ich muss hier weg." Im Sommer 1999 wechselte er zu Borussia Dortmund.