VfB Stuttgart gegen Maccabi Tel Aviv

"Solange es um Fußball geht, wird alles okay sein"

Vor dem Europa-League-Spiel zwischen dem VfB Stuttgart und Maccabi Tel Aviv vermischen sich verschiedene komplexe Themen. Fußball und Politik lassen sich nicht trennen.

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Stand

Von Autor/in Martin Bromber

Donnerstagabend, Flutlichtspiel, Europapokal. Mal wieder eine dieser besonderen Fußball-Nächte in Stuttgart. Doch der Fakt, dass es sich beim Auswärtsteam Maccabi Tel Aviv um eine israelische Mannschaft handelt, sorgt für eine Ausnahmesituation in der Stadt. Die örtliche Polizei bereitet sich nach eigenen Angaben auf einen ihrer größten Einsätze vor, "auf ein breites Spektrum bis hin zu terroristischen Szenarien", sagt Stuttgarts Vize-Polizeipräsident Carsten Höfler.

"Ich verstehe die Vorbereitung, sowohl der Polizei als auch des Vereins. Das ist gut, dass es diese Vorbereitungen gibt", sagt der in Israel geborene und aufgewachsene Journalist Felix Tamsut im Gespräch mit SWR Sport. "Und trotzdem bin ich der Meinung, dass es nicht so dramatisch ist, wie man das zeigt." Tamsut ist Experte für Fankultur sowie für die Verbindung zwischen Politik und Fußball.

"Fußball an sich ist politisch"

"Fußball an sich ist politisch und sollte auch politisch sein und bleiben. Wir haben gerade im Fußball einen Sozialraum, in dem ganz viele verschiedene Menschen, ganz viele verschiedene Schichten, alles Mögliche zusammentrifft. Und Politik macht ja vor dem Stadioneingang keinen Halt", sagt Yannick Haap. Er ist Bildungsreferent bei Zusammen1, einem Präventionsprojekt von Makkabi Deutschland, und hat den VfB Stuttgart vor der Partie beraten.

Setzt man sich näher mit den verschiedenen Themenbereichen und auch Ereignissen aus der jüngsten Vergangenheit auseinander, ergibt sich ein sehr komplexes Bild, das ohne genauere Betrachtung schnell zu verschwimmen droht.

Stuttgart

Bis hin zu terroristischen Szenarien VfB - Maccabi: Polizei Stuttgart rechnet mit großen Herausforderungen

Eine Woche vor dem Europa League-Spiel VfB Stuttgart gegen Maccabi Tel Aviv stimmt die Polizei auf die Partie ein. Die Sicherheitskräfte erwarten eine komplexe Sicherheitslage.

Ausschreitungen von Maccabi-Fans in Amsterdam

Im November 2024 war es rund um die Europa-League-Partie Ajax Amsterdam gegen Maccabi Tel Aviv zu Ausschreitungen gekommen. Es kam zu Jagdsituationen auf israelische Fans. Gleichzeitig sangen Maccabi-Fans anti-palästinensische und rassistische Parolen. Die viel diskutierte Frage 'Wer hat angefangen?' lässt sich laut Tamsut nicht so einfach beantworten: "Ich glaube, es gibt genug Beweise, um zu sagen, dass es antisemitische Jagdsituationen gab. Wo Menschen laut den Chatgruppen, die vor Gericht veröffentlicht wurden, wortwörtlich 'Juden jagen' wollten. Das steht außer Frage. Und das hat nichts mit dem Verhalten von Maccabi-Fans zu tun. Die haben Palästina-Fahnen runtergenommen. Die haben rassistische Gesänge gesungen, die haben genozidale Gesänge gesungen. Diese zwei Dinge hätte es gegeben, auch ohne einander."

Maccabi-Fans in Birmingham ausgeschlossen

Unter anderem wegen dieser Vorfälle in Amsterdam sollten Maccabi-Fans für das Europapokal-Spiel bei Aston Villa in Birmingham im November 2025 ausgeschlossen werden. Die Sicherheitsberatungsgruppe (SAG), die für die Ausstellung von Sicherheitszertifikaten im Villa Park verantwortlich ist, hatte dem Verein Aston Villa sowie der UEFA geraten, keine Auswärtsfans zuzulassen. Obwohl der Fanausschluss wieder aufgehoben werden sollte, entschied sich Maccabi Tel Aviv unter starker Kritik dazu, das Gästekartenkontigent nicht in Anspruch zu nehmen.

"Birmingham ist meiner Wahrnehmung nach eine ganz andere Geschichte", analysiert Felix Tamsut und fährt fort: "Das ist eine Geschichte von einer Polizei, die sich dachte: Wir machen uns das Leben leicht und wir machen so ein Fanverbot und das war es." Als Vergleich führt Tamsut zahlreiche andere, als "problematisch" geltende Fanszenen an, die in den letzten Jahren in England gespielt haben und bei denen ein Fanverbot nie Thema war: "Also du hast Beispiele von griechischen Vereinen, serbischen Vereinen, die Menschen wortwörtlich umgebracht haben."

Fans von Maccabi Tel Aviv

Und trotzdem muss man sich im Zusammenhang mit der Partie in Stuttgart (Donnerstag, 18:45 Uhr / live im Audiostream bei swr.de/sport) auch die Fans von Maccabi Tel Aviv etwas genauer ansehen: Erst vor einigen Tagen attackierten Maccabi-Anhänger in Tel Aviv die Wohnung von Trainer Zarko Lazetic mit Raketen und Knallkörpern und forderten seinen Rücktritt.

Felix Tamsut beschreibt die Situation folgendermaßen: "Die Maccabi-Fanatics sind eine rechtsradikale Schlägergruppe. Die sind im Prinzip israelische Rechtsradikale, die ihren Nationalstolz auch in den Fußball tragen. Gleichzeitig muss man sagen, dass Maccabi Tel Aviv wahrscheinlich der meist unterstützte Verein Israels ist." Maccabi ist vergleichbar mit Bayern München in Deutschland: der Verein mit den meisten Fans, der Verein mit den meisten Titeln. Ein Verein, "der wirklich Fans von überall in der israelischen Gesellschaft hat", so Tamsut: "Ich würde nicht sagen, und das ist ganz, ganz wichtig zu betonen, dass alle Maccabi Tel Aviv-Fans ganz eklig sind und rechts sind und rassistisch sind. Das ist nicht der Fall."

Antisemitismus & Rassismus im Stadion

Tamsut blickt gleichzeitig auch auf die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland - und in deutschen Fanszenen - und mahnt zur Vorsicht: "Heutzutage sind wir in einer Situation, dass rechte und rassistische Kräfte, und ja, auch antisemitische Kräfte, immer mehr Zuspruch in der Gesellschaft bekommen. Und das hat auch Einfluss auf die Fankultur. Das hat auch Einfluss auf die Stadien. Und ich glaube, man muss sehr, sehr wachsam sein."

Ähnlich blickt auch Yannick Haap von Zusammen1 auf die aktuellen Entwicklungen: "Das letzte Spiel einer israelischen Mannschaft in Deutschland ist mittlerweile fast zwölf Jahre her, als Maccabi Tel Aviv bei Eintracht Frankfurt zu Gast war. Die Zeiten haben sich, gerade wenn es um Antisemitismus geht, natürlich geändert - und auf keinen Fall zum Guten. Genau deswegen ist es schön, dass wir unseren Beitrag leisten können, unsere Expertise geschätzt und in Anführungszeichen auch gebraucht wird."

Zusammen1 versteht sich als die Präventions - und Bildungsabteilung des jüdischen Sport- und Dachverbands Makkabi Deutschland und setzt sich ein, um einen Fußballsport frei von Diskriminierung und Antisemitismus zu schaffen.

Vorbereitungen beim VfB Stuttgart

Zusammen1 hat den VfB Stuttgart im Vorfeld der Partie gegen Tel Aviv gemeinsam mit 'What Matters' beraten. 'What Matters' unterstützt Unternehmen und Verbände dabei, eine Haltung zu gesellschaftlichen Themen wie Antisemitismus, Rassismus oder Diskriminierungen zu entwickeln. "Der Stein des Anstoßes ging gar nicht proaktiv von uns als Makkabi oder von What Matters aus, sondern es waren tatsächlich der SC Freiburg und der VfB Stuttgart, die auf uns zugekommen sind, weil denen das Thema wichtig war und am Herzen lag", beschreibt Haap die Kontaktaufnahme durch die beiden Bundesligisten.

"Und so hat sich dann auch peu à peu eine größere Runde entwickelt, wo dann alle am Spieltag beteiligten Akteure und Akteurinnen einfach präsent waren", so Haap. Bereits weit im Vorfeld hatten sich der VfB-Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle und der Präsident von Makkabi Deutschland, Alon Meyer, ausführlich ausgetauscht. Das Resultat war unter anderem ein gemeinsamer Workshop.

"Vor einer Woche waren wir zusammen mit What Matters eingeladen vom VfB Stuttgart und haben knapp zwei Stunden mit 70 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des VfB - vom Stadionsprecher über den Fanbeauftragten, die Mitarbeiter des Ordnungsdienstes oder des Caterings und der Presseabteilung - ganz klar über Antisemitismus im Fußball, über die Besonderheit des 7. Oktobers 2023 und auch die Auswirkungen auf den deutschen und israelischen Fußball gesprochen", berichtet Haap über die Zusammenarbeit mit dem VfB.

Sicherheit im Stadion

Haap betont, dass die Sicherheit im Stadion und in der Stadt Aufgabe der Polizei und des VfB Stuttgarts ist und Zusammen1 vielmehr für die Frage der Sensibilisierung zuständig war: "Das ist ein besonderes Spiel und steht leider unter Vorzeichen, die weder wir noch alle Vereine gerne haben. Keiner von uns, keiner von den VfB-Mitarbeitern hat Lust auf die jetzt getroffenen Maßnahmen. Aber das ist natürlich auch Teil der Realität, wenn wir über Gefährdung jüdischen Lebens in Deutschland aktuell sprechen."

Die "MHP Arena bleibt ein Ort des Fußballs", schreibt der VfB Stuttgart auf seiner Website und auch auch Felix Tamsut schließt mit den Worten: "So lange es um Fußball geht, wird alles okay sein."

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Martin Bromber